04.06.2026
Die Mediensatire »Babystar« und das Vater-Sohn-Drama »Truly Naked«

Be My Content-Baby

Ein Teenager filmt den Vater für den Pornokanal, eine Teenagerin bewirbt Limonade. Zwei neue Filme – »Truly Naked« und »Babystar« – zeigen, dass Kinder nicht nur Konsumenten, sondern auch Produzenten auf Social Media sind, und das oft unfreiwillig kreativ.

Ultraschallbilder und ein lustiger Bauchtanz der werdenden Mutter kündigen vor eineinhalb Jahrzehnten der Welt die Geburt von Luca an. Später folgten Lucas erster Töpfchengang, die erste Menstruation, die ­erste Verliebtheit und ein Sommerfest mit hübschen Kids, die alle die neue Limo trinken.

Das Aufwachsen von Luca vermarkten die findigen Influencer-Eltern auf ihrem Account »Our bright life«. Nicht, dass Luca nicht gefragt würde, das umtriebige Paar macht nichts ohne Töchterchens Zustimmung. Mit der Pubertät aber kommt die Unlust, oft müssen die Erwachsenen jetzt nachhelfen – das schicke Haus mit Pool bezahlt sich ja nicht von selbst!

Unter dem Stichwort Sharenting wird die digitale Ausbeutung von Kindern durch die Eltern, die meist als »early adopters« ihre Social-Media-Karriere begonnen haben, seit gut zwei Jahrzehnten problematisiert.

Mentale Gesundheit aber ist wichtig. Gefühle teilen, kuscheln, verbindliches Yoga-Ritual; die Kamera läuft. Auch die vor Energie vibrierende Producerin des neuen interaktiven Mutter-Tochter-Podcasts will unbedingt, dass sich alle wohlfühlen; herrlich, wie sie im Schwall der ­Modeworte noch den Glottisschlag unterbringt.

Wenn die Kamera aus ist, wird im neobrutalistischen Ambiente der Influencer-Idylle schon mal deftig berlinert. Die Tochter soll ruhig wissen, dass man von ganz unten kommt. »Wat würdste denn sagen«, fragt die Momfluencerin, »wenn dein Vadda und icke noch ma ens ins Nest legen?« Damit ist nicht nur der geschwisterliche Familienzuwachs gemeint, sondern auch die Ankunft des nächsten Social-Media-Stars. Für Luca ein Schock.

»Babystar« ist der erste Spielfilm von Joscha Bongard, der zuvor den Dokumentarfilm »Pornfluencer« gedreht hatte. »Babystar« lief auf dem Toronto Film Festival 2025 in der renommierten Sektion »Discovery«, erhielt jedoch bei seinem deutschen Kinostart Ende April vergleichsweise wenig Aufmerksamkeit. Die bissige, gut gemachte Mediensatire zeigt das Milieu der Familien-Influencer ohne allzu viel Augenzwinkern, eher als bitteren Kommentar über verlorene Kindheit und emotionale Ausbeutung. Nur angetippt wird die Frage, warum es in der spätkapitalistischen Gesellschaft erstrebenswert ist, sich selbst zur Werbefläche zu machen.

Schlanke Körper in Bademode

Schlanke Körper in Bademode, die wie hingegossen auf Liegestühlen ruhen, der Blick immer auf dem silbern glänzenden Endgerät – nicht nur das Setting erinnert an Ruben Östlunds hochgelobten Spielfilm »Triangle of Sadness« aus dem Jahr 2022. Im Unterschied zu diesem bleibt »Babystar« von der ersten bis zur letzten Einstellung spannend und vermittelt durch das luzide Spiel von Maja Bons in der Rolle der Luca eine vage Traurigkeit, die bei Östlund eigentlich nur im Titel behauptet wird.

Während Politiker wie Schleswig-Holsteins Ministerpräsident Daniel Günther (CDU) Minderjährigen den Konsum von Social Media verbieten wollen, zeigt der Film die Realität, dass Kinder und Jugendliche selbst zu Content-Produzenten und damit Teil des Systems geworden sind. Unter dem Stichwort Sharenting, ein Kofferwort aus »parenting« und »shar­ing«, wird die digitale Ausbeutung von Kindern durch die Eltern, die meist als »early adopters« ihre Social-­Media-Karriere begonnen haben, seit gut zwei Jahrzehnten problematisiert.

Die Eskalationsdramaturgie strebt auf pornographische Bilder ­zu

Besonders sensibel sind die klickträchtigen Darstellungen von Krankheit, psychologischen Krisen oder privaten Konflikten. Der Film spitzt die Tendenz, immer Intimeres in den sozialen Medien auszustellen, mit der gestreamten Hausgeburt des »Content‑Babys« zu, inklusive vorgeschalteter Kosmetikwerbung – ein Beispiel für maximale Entwürdigung. Die Szene übertreibt nichts, sagt der Regisseur in einem Interview, Reels von Geburten sind ein häufiges Internetphänomen. »Babystar« zeigt eine Welt, in der Menschen auf Plattformen immer drastischere Inhalte produzieren, um Aufmerksamkeit zu erregen.

In Muriel d’Ansembourgs Spielfilm »Truly Naked« verhält sich die Sache umgekehrt: Der Sohn filmt den Vater. Mit dem Film steigt man hinab in das in düstere Farben getauchte Milieu der Amateurpornographie. Im Untergeschoss eines Hauses in einer abgehängten englischen Küstenstadt betreiben der schüchterne Teenager Alec und sein machohafter Vater Dylan ein zusammengebasteltes Heimstudio. Von brightness keine Spur. Glänzen kann hier nur der schwitzige Körper des zu allem bereiten Hauptdarstellers beim Porno-Bums. Alec filmt, lädt die Filme hoch, kommuniziert mit den Abonnenten. Einer verlangt, einer Frau beim Rauchen zuzusehen – viele Zigaretten auf einmal, aber bitte schön mit dem Arsch. Man ahnt an dieser Stelle schon, dass die Eskalationsdramaturgie auf pornographische Bilder ­zustrebt, die man nicht unbedingt sehen möchte, und liegt damit richtig; es wird eklig.

Dylan ist keiner dieser sympathischen Proletarier, wie sie Ken Loach zeigt, sondern ein in seiner Rabiatheit schwer erträglicher Typ.

Alec war fünf, als er den ersten Porno guckte, mit seinen Eltern in den Hauptrollen. Beide hatten sich am Set kennengelernt. Nach dem Tod der Mutter zog Dylan mit Alec von London in die billigere Provinz. Dylan ist keiner dieser sympathischen Proletarier, wie sie Ken Loach zeigt, sondern ein in seiner Rabiatheit schwer erträglicher Typ. Dabei verliert der Film nie aus den Augen, dass das Fehlen von Empathie auch sozialen Härten geschuldet ist.

Da­gegen scheint der sanfte Alec wie einem Harry-Potter-Remake entsprungen, klug, introvertiert, mitfühlend. Es ist nicht die einzige Konstellation des Films, die nicht ganz stimmig ist. Auch der feministische Porno-Aktivismus der jungen Nina, der in eine klamaukhafte Einlage mündet, wirkt aufgesetzt. Authentizität, um die der Film so sehr bemüht ist, ­vermittelt vor allem die Figur der freigeistigen Pornodarstellerin Lizzie, gespielt von Alessa Savage, bekannt aus dem Kurzfilm »Fuck-a-Fan« (2024), die der Regisseurin auch beratend zur Seite stand. Lizzies Spruch, dass es sich der Feminismus an der Seitenlinie bequem macht, trifft ins Schwarze.

Vater Dylan (Andrew Howard, l.) neben Sohn Alec (Caolan O’Gorman) auf der Matratze in »Truly Naked«

Ken Loach hat die netteren Proletarier. Vater Dylan (Andrew Howard, l.) neben Sohn Alec (Caolan O’Gorman) auf der Matratze in »Truly Naked«

Bild:
Myrthe Mosterman

Als Alec sich in seine Klassenkameradin Nina verliebt, ist es ihm peinlich, Internetpornos zu drehen. Ein gemeinsames Schulreferat über Online-Sexsucht setzt einen Austausch über eigenes Begehren, familiäre Abhängigkeiten und soziale Scham in Gang. Eine Nähe, die beide dazu bringt, echte Intimität abseits sexualisierter Online-Inhalte zu erforschen.

Am Ende der »Truman Show« geht der Protagonist durch die Tür des Studios, das er immer für die Welt hielt. Auch Luca und Alec suchen den Ausgang. »Babystar« hat einen überraschenden Schluss, oszillierend zwischen Horror und Selbstbehauptung, »Truly Naked« empfiehlt schulische Bildung als Ausweg aus der nicht selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Truly Naked (Niederlande/Belgien/Frankreich 2026). Buch und Regie: Muriel d’Ansem­bourg. Darsteller: Caolán O’Gorman, ­Andrew Howard, Alessa ­Savage, Safiya Benaddi, Lyndsey Marshal. Filmstart: 11. Juni

Babystar (Deutschland 2025). Buch: Joscha Bongard und Nicole Rüthers. Regie: Joscha Bongard. Darsteller: Maja Bons, Bea Brocks. Bereits angelaufen