»Die Moderation der Hasskommentare hat uns einiges abverlangt«
Sie haben anlässlich des Eurovision Song Contest (ESC) angefangen, sich in den sozialen Medien gegen den Boykott Israels auszusprechen. Warum?
Wir hatten das Bedürfnis, etwas gegen den weltweit zunehmenden Antisemitismus zu tun und linken Israelis sowie Jüdinnen und Juden in der Diaspora zu zeigen, dass es solidarische linke Stimmen gibt. Der ESC hat sich angeboten, weil klar war, dass es viel Aufmerksamkeit wegen der Teilnahme Israels und Österreichs Rolle als Gastgeberland geben und ein Ausbruch von Antisemitismus zu erwarten sein wird. Wir haben die Möglichkeit gesehen, uns mit der israelischen Bevölkerung und der politischen Linken im Land zu solidarisieren, deutlich zwischen politischer Kritik an Israels Regierung und antisemitischen Boykottaufrufen zu unterscheiden und dabei möglichst viele Leute zu erreichen.
»Wir haben die Möglichkeit gesehen, uns mit der israelischen Bevölkerung und der politischen Linken im Land zu solidarisieren, deutlich zwischen politischer Kritik an Israels Regierung und antisemitischen Boykottaufrufen zu unterscheiden und dabei möglichst viele Leute zu erreichen.«
Wie waren die Reaktionen?
Das Video hat natürlich stark polarisiert. Die Moderation der Hasskommentare hat uns wirklich einiges abverlangt, aber wir bekamen auch deutlich mehr positive Reaktionen als erwartet. Was uns besonders gefreut und viel Mut gespendet hat, war die Unterstützung so vieler jüdischer und israelischer Menschen aus dem linken und progressiven Spektrum. Viele fühlen sich nicht gehört oder gar verstoßen von der politischen Linken Europas, deren Meinungen sie in so vielen anderen Punkten teilen. Um Vertrauen wiederaufzubauen, müssen möglichst viele politische Räume geschaffen werden, in denen diese Menschen ohne Hass und Diskriminierung aktiv sein können.
Es folgten weitere Videos. Wie sieht es denn zum Thema in anderen linken Parteien oder Bewegungen in Österreich aus?
In den Strukturen rund um SPÖ und KPÖ gibt es viele Leute, die sich für ähnliche Positionen einsetzen. Die Studierendenorganisation KSV-Lili etwa ist uns in diesem Punkt sehr nah. Allerdings sind wir die einzige Jugendorganisation einer Partei, in der eine solche Position mehrheitsfähig ist.
»Viele jüdische und israelische Menschen aus dem linken und progressiven Spektrum fühlen sich nicht gehört oder gar verstoßen von der politischen Linken Europas, deren Meinungen sie in so vielen anderen Punkten teilen.«
Boykotte mal beiseite: Was halten Sie für eine gute linke Position zum Krieg in Gaza?
Wie viele Linke suchen wir selbst nach einer solchen. Unsere Videos waren keine abschließende Positionierung zum Krieg in Gaza, sondern eine Kritik am Antisemitismus. Allerdings gibt es für uns Minimalkriterien, die eine solche Position erfüllen muss: Erstens muss sie solidarisch mit dem Staat Israel sein, da dieser als Schutzraum für jüdisches Leben erhalten werden muss und nicht mit seiner Regierung gleichgesetzt werden darf. Zweitens muss sie solidarisch mit der palästinensischen Zivilbevölkerung sein und auf eine Beendigung ihres Leids hinarbeiten. Wer dieses als bedauerliche Notwendigkeit abtut oder eine ultrarechte Regierung nicht als solche kritisieren kann, macht sich unglaubwürdig und tut der Sache keinen Gefallen. Drittens muss sie sich bewusst sein, dass dieses Ziel langfristig nur erreicht werden kann, wenn die Herrschaft der Hamas beendet ist und die sie stützenden Ideologien keine Gefahr mehr für Israel darstellen.