Schwarz-Gelb in Budapest
Es fing damit an, dass der Vorsitzende des kleinen Budapester Nachwuchs-Fußballvereins UDSE (Magyar-Német Sportegyesület, Ungarisch-Deutscher Sportverein), Zoltán Lambert, den ehemaligen Spieler und U19-Trainer von Borussia Dortmund (BVB), Theo Schneider, um Hilfe bat. Schneider ist in der ungarischen Fußballwelt kein Unbekannter, von 2015 bis 2018 war er als Leiter der Nachwuchsabteilung beim Rekordmeister Ferencváros tätig. Als Schneiders Tätigkeit dort endete, suchte Lambert das Gespräch.
Er war der Meinung, dass in der ungarischen Jugendförderung zu wenig passiere, und suchte einen starken Kooperationspartner, um dies zu ändern. Schneider lag es ebenfalls am Herzen, den Nachwuchs in Ungarn effizienter zu fördern. Er meint, dass zu wenige begabte Jugendliche von Ungarn aus in internationale Vereine wechseln könnten, aber auch innerhalb des Landes sei es schwer, früh in der ersten Liga Fuß zu fassen. Es existiere »immer noch dieser Vorbehalt, der in den Köpfen der Trainer steckt, dass erfahrene Spieler besser sind als jüngere. In ausländischen Ligen ist es normal, dass 17-, 18- oder 19jährige im ersten Team mitmachen.«
Ähnlich sehe es bei den ungarischen Nachwuchstrainern aus, die zu lange auf ihre Lizenzierung warten müssen und nicht unbedingt auf internationalem Niveau ausgebildet werden. Da Schneider einen guten Draht zum BVB besaß, konnte schon nach einigen Verhandlungsrunden im Jahr 2019 die neu gegründete Fußballschule UDSE-BVB ihre Arbeit mit einer U12-Mannschaft aufnehmen.
Der neue Partner der Borussen war 1926 im Budapester Stadtteil Kelenvölgy gegründet worden. Der Verein, der diesen Sommer sein 100jähriges Jubiläum feiern wird, legte von Anfang an großen Wert auf die Nachwuchsförderung.
Der UDSE-BVB hat rasch gezeigt, dass er mit anderen Nachwuchsteams größerer Vereine mithalten kann. »Wir haben einen sehr, sehr guten Jahrgang aufgebaut, der bald auf Augenhöhe mit den renommierten Akademien war«, berichtete Schneider der Jungle World. Doch bald stieß der Club an seine Grenzen – nicht sportlich, sondern finanziell. Denn der ungarische Fußballverband MLSZ verteilt seine Zuschüsse anhand einer strengen Klassifizierung, und UDSE befand sich in der untersten Stufe. In diesem unflexiblen System gab es keine Möglichkeit, in eine höhere Kategorie aufzusteigen, und so konnte die Akademie in ihrer ursprünglichen Form nicht weiterbestehen. Es musste unbedingt eine neue Partnerschaft gesucht werden.
Lambert schlug den traditionsreichen Kelen Sportclub vor, und schon bald war ein Fünfjahresvertrag zur Kooperation unter Dach und Fach. Der neue Partner der Borussen war 1926 im Budapester Stadtteil Kelenvölgy gegründet worden. Der Verein, der diesen Sommer sein 100jähriges Jubiläum feiern wird, legte von Anfang an großen Wert auf die Nachwuchsförderung. Vor einigen Jahren führte der MLSZ mit Double Pass, einem belgischen Unternehmen, das sich auf die Evaluierung, Zertifizierung und Optimierung von Talententwicklungsprogrammen im Fußball spezialisiert hat, einen landesweiten Audit durch. Im Rahmen dieses Projekts wurde der Kelen SC als eines von 28 ungarischen Talentzentren anerkannt, was auch die notwendige finanzielle Unterstützung mit sich brachte.
Mittlerweile spielen hier rund 700 Fußballer und Fußballerinnen in den verschiedensten Altersgruppen. Die hohe Mitgliederzahl erklärt sich dadurch, dass nicht nur Leistungssport angeboten wird, sondern zudem Hobbyfußball für Kinder, die nur ein- oder zweimal in der Woche ein bisschen kicken möchten. Und es gibt eine Old-Boys-Gruppe.
350 junge Kicker im bekannten schwarz-gelben Dress des BVB
Die Nachwuchsabteilung des Clubs trägt nun den vornehmen Namen »BVB International Academy Hungary«; bei ihr spielen etwa 350 junge Kicker in etlichen Altersklassen im bekannten schwarz-gelben Dress des BVB. Mit Schneider steht an Ort und Stelle ein erfahrener Verbindungsmann zur BVB zur Verfügung.
Andreas van den Aker, ein seit knapp 35 Jahren in Ungarn lebender Niederländer, leitet den Kelen SC seit elf Jahren ehrenamtlich. Sein Ziel sei es, den Club zu einer der besten Talentschmieden des Landes zu entwickeln, und er ist zuversichtlich, dass der BVB dazu viel beitragen wird. »Besonders erfreulich ist, dass die Dortmunder und unsere Philosophie sich sehr nahe sind, wie zum Beispiel beim initiierenden Spiel oder dem Pressing. Wer den BVB kennt, weiß, dass sie immer unter allen Umständen gewinnen wollen«, so van den Aker.
Eine weitere Gemeinsamkeit ist, dass beide Vereine nicht nur den sportlichen Erfolg der jungen Fußballspieler und -spielerinnen anstreben, sondern auf die gesamte persönliche Entwicklung auf und neben dem Platz achten. Die U15-Truppe der Akademie war schon in Dortmund, hat dort eine Woche lang auf dem Vereinsgelände trainiert und in dieser Zeit das berühmte Westfalenstadion, heutzutage Signal-Iduna-Park genannt, und das BVB-Museum besichtigt. Weitere solcher Fahrten des ungarischen Nachwuchsteams nach Dortmund sind geplant, um die Beziehung weiter zu stärken.
Apps und Videoanalysen
Theo Schneider hofft, dass irgendwann der eine oder andere im Jugendbereich von Borussia eine Chance bekommt. Mit ganz viel Glück könnte sogar ein großes Talent entdeckt werden, das das Potential hat, Profi zu werden. Van den Aker sagte der Jungle World: »Die unmittelbare fachliche Verbindung zum BVB bietet nicht nur den jungen Sportlern und Sportlerinnen, sondern auch unseren Trainern eine phantastische Gelegenheit, das moderne Dortmunder Know-how aus erster Hand kennenzulernen, was für unsere langfristige Entwicklung von großer Bedeutung ist.«
Im Sommer kommen Trainer vom BVB nach Budapest, um ihre Methoden vorzustellen. Es gibt zudem die Möglichkeit, die digitale Technik des deutschen Erstligisten zu benutzen, wie etwa diverse Apps oder Videoanalysen. Zurzeit werden auf dem Campus der Budapester Akademie zwei neue Kunstrasenplätze und ein Naturrasenplatz errichtet, die im BVB-Design gestaltet werden – die schwarz-gelben Farben der Dortmunder dominieren das Ensemble.
Borussia Dortmund profitiert gleich doppelt: Zum einen wird die Marke BVB in Osteuropa bekannter, zum anderen hat der Verein die Chance, entwicklungsfähige Talente für seinen Profi-Kader zu finden.
Seit der Budapester Club den Namen des BVB trägt, so van den Aker, sei es viel einfacher geworden, Testspiele mit den Nachwuchsleistungszentren hochkarätiger ausländischer Vereine zu vereinbaren und sich so mit ihnen zu messen. Zudem seien finanzstarke Sponsoren eher bereit, dem Club unter die Arme zu greifen. An internationalen Jugendturnieren teilzunehmen, sei früher zudem kaum möglich gewesen.
Die BVB International Academy Hungary reiht sich in ein wachsendes BVB-Netzwerk ein. Aber warum es sich lohnt eigentlich, im Ausland zu investieren und die eigenen Erfolgskonzepte offenzulegen? Borussia profitiert gleich doppelt davon: Zum einen wird die Marke BVB in Osteuropa bekannter, zum anderen hat der Verein die Chance, Talente zu finden, die sich zu Profis entwickeln könnten. Insgesamt 18 ähnliche Fußballprojekte betreibt der deutsche Spitzenclub in Polen, den USA und Australien, zudem in Afrika und Asien. Diese Investitionen dürften sich mit einem Erfolg des ersten Talents, das sich zum Spitzenspieler mausert, bereits amortisieren.