28.05.2026
Nina Fuchs vom Verein Kein Opfer im Gespräch über einen neuen Gesetzentwurf zu K.o.-Tropfen

»Vor K.o.-Tropfen kann man sich nicht schützen«

Die Bundesregierung will härter gegen Sexualstraftäter vorgehen, die K.o.-Tropfen eingesetzt haben. Dafür hat das Kabinett einen Gesetzentwurf beschlossen, wonach K.o.-Tropfen bei Sexualdelikten fortan rechtlich wie eine Waffe eingestuft werden sollen. Nina Fuchs vom Verein Kein Opfer e. V. hält das für Symbolpolitik. Die »Jungle World« sprach mit ihr darüber, was Betroffene ihrer Meinung nach wirklich bräuchten.

Was fehlt Ihrer Meinung nach, damit eine Strafverschärfung tatsächlich Wirkung entfalten könnte?
Es fehlt alles, was vor dem Strafprozess passiert. Und davon hängt ab, ob der Strafprozess überhaupt stattfindet und es eine Verurteilung geben kann.

Können Sie das ausführen?
K.o.-Tropfen sind nur wenige Stunden im Körper nachweisbar. Wer in dieser Zeit nicht bei einer Stelle landet, die Spuren sichern kann, hat den entscheidenden Beweis verloren. Eine flächendeckende, kostenlose, rund um die Uhr erreichbare Infrastruktur für gerichtsfeste Spurensicherung ohne vorherige Anzeige bei der Polizei gibt es in Deutschland nicht. Das ist eine der größten Baustellen und an der ändert eine Strafverschärfung gar nichts. Die Strafverschärfung soll signalisieren, dass etwas getan wird, aber den Betroffenen nützt sie nichts.

»Betroffene dürfen sich anhören: ›Hättest du halt besser auf dein Glas aufgepasst!‹ Das verschiebt die Verantwortung vom Täter zur Betroffenen. Das ist einer der zentralen Gründe, warum Betroffene schweigen, nicht anzeigen, warum sie sich schämen und schuldig fühlen und mit dem Erlebten allein bleiben.«

Was bräuchte es stattdessen?
Was es bei der Strafverfolgung braucht, ist erstens diese flächendeckende Infrastruktur. Hier ist die Anonymität der Betroffenen wichtig, da diese in den ersten Stunden nach der Tat oft noch gar nicht entscheiden können, ob sie anzeigen wollen. Wenn die Spuren so lange aufbewahrt werden, bis die Entscheidung gefallen ist, bleibt der Weg offen.
Zweitens Schulungen für alle, die in der Kette mit Betroffenen zu tun haben: Notaufnahmen, Polizei, Staatsanwaltschaft, Gericht.
Drittens ein konsensbasiertes Sexualstrafrecht, das nicht mehr danach fragt, ob jemand »erkennbar« nein gesagt hat, sondern danach, ob es ein klares Ja gab. Bei Opfern von K.-o.-Tropfen gibt es dieses Ja nie. Sie können nicht zustimmen, weil sie nicht zurechnungsfähig sind.

Wie sieht es mit Prävention aus?
Bei der Prävention müssen wir endlich weg von all diesen Verhaltensregeln und Tipps, wie man sich angeblich schützen kann: »Pass auf dein Glas auf«, »Trag ein Schutzarmband« …

Das sind Teststreifen als Armband, mit denen man sein Getränk auf K.o.-Tropfen testen kann?
Das ist faktisch nutzlos. Man kann sich nicht vor K.o.-Tropfen schützen und man verlagert damit die Verantwortung auf potentiell Betroffene. Es gibt zu viele Substanzen, die als K.o.-Tropfen eingesetzt werden. Kein Armband erfasst sie alle. Außerdem gibt es noch needle spiking. Echte Prävention richtet sich vielmehr an potentielle Täter.

Wo liegen Ihrer Erfahrung nach weitere gesellschaftliche Schwierigkeiten?
Victim blaming und Mythen sind nach wie vor weitverbreitet. Betroffene dürfen sich anhören: »Hättest du halt besser auf dein Glas aufgepasst!« Das verschiebt die Verantwortung vom Täter zur Betroffenen. Das ist einer der zentralen Gründe, warum Betroffene schweigen, nicht anzeigen, warum sie sich schämen und schuldig fühlen und mit dem Erlebten allein bleiben. Solange sich bei Prävention und Spurensicherung nichts ändert, können wir auf jede Strafverschärfung verzichten, weil die Fälle so gut wie nie bis zum Strafrichter kommen.