Zu viel für zu wenig
»Was die Situation im Einzelhandel für mich kennzeichnet«, sagte Jürgen Schulz der Jungle World, »ist, dass wir heute in den Märkten sehr viel weniger Personal haben als vor zehn oder gar 20 Jahren.« Schulz ist Abteilungsleiter und Betriebsrat bei der Filiale der Elektronikmarktkette Saturn in Bielefeld und seit 30 Jahren im Handel tätig. Am 15. Mai hat er am ersten Warnstreik anlässlich der Tarifverhandlungen im Einzel- und Großhandel teilgenommen und auch am 22. Mai hat er wieder gestreikt.
Seit April verlangt Verdi eine spürbare Lohnerhöhung, mehr Vollzeitstellen und eine stärkere Tarifbindung für die rund 5,2 Millionen Beschäftigten. Die Kaufkraft der Löhne liege auf dem Niveau von 2020, schreibt die Gewerkschaft in einer Pressemitteilung. Das bisherige Angebot der Arbeitgeber hat die Gewerkschaft abgelehnt.
»3,5 Prozent bei einer Laufzeit von 24 Monaten! Das gleicht noch nicht einmal die Inflation aus und hilft bei den akuten Preissteigerungen nicht«, teilte Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer dazu mit. »Miete, Energie und Lebensmittel fressen die Löhne vollkommen auf.«
»Miete, Energie und Lebensmittel fressen die Löhne vollkommen auf.« Verdi-Bundesvorstandsmitglied Silke Zimmer
Der erhöhte Arbeitsdruck kommt Schulz zufolge vor allem daher, dass der Arbeitgeber bei weniger Personal mehr Flexibilität verlangt, um bestmöglich auf eine schwankende Nachfrage zu reagieren. Zu Wochenbeginn wolle man so viel Verkaufspersonal wie möglich einsparen, an Samstagen, verkaufsoffenen Sonntagen oder um die Feiertage herum hingegen den Großteil des Personals verfügbar halten. Unternehmen stellten deshalb praktisch nur noch Teilzeitkräfte ein; Vollzeitverträge kämen im Handel fast gar nicht mehr vor. »Wenn die Politik oder der Bundeskanzler da von Lifestyle-Teilzeit reden, zeigt das, wie weit sich ihre Wahrnehmung von der tatsächlichen Realität der Menschen entfernt hat.«
Die erhöhte Arbeitsbelastung wird allerdings nicht angemessen entlohnt. Schulz berichtete: »Im letzten Berufsjahr als Verkäufer verdient man in Vollzeit 3.300 Euro brutto. Dann ist Feierabend.« Altersarmut sei damit programmiert, vor allem weil für Rente und Gesundheit immer mehr privat vorgesorgt werden müsse. »Das ist bei unseren Löhnen aber schlichtweg unmöglich.« Bei einer großangelegten Verdi-Umfrage unter Beschäftigten im Einzelhandel aus dem vergangenen Jahr gaben 68 Prozent der Befragten an, Angst vor der Zukunft zu haben. Sie glaubten nicht, dass ihre Rente später zum Leben ausreichen werde.
Anja Olube ist Gesamtbetriebsratsvorsitzende der Edeka-Gruppe und arbeitet seit 26 Jahren im Lebensmitteleinzelhandel. Früher, sagte sie der Jungle World, habe sie als Alleinerziehende mit Tochter in Münster gewohnt, bis sie die Stadt aus privaten Gründen verlassen habe. Als alleinerziehende Mutter in Münster zu leben, halte sie heutzutage angesichts der allgemeinen Preisentwicklungen nicht mehr für möglich. In der Umfrage von Verdi bezeichneten 79 Prozent der Befragten ihren Lohn als »unzureichend oder eher unzureichend«, 52 Prozent gaben an, kaum über die Runden zu kommen, und 19 Prozent sagten, der Lohn reiche überhaupt nicht zum Leben aus.
Beschäftigte nur noch als Kostenfaktor
Natürlich, räumte Olube ein, hätten die Vorgesetzten immer schon maximalen Einsatz von ihren Angestellten verlangt. Ihrer Beobachtung nach haben sich aber wichtige Umstände mit den Jahren verändert. So begegneten Kunden dem Personal mit weniger Respekt und träten aggressiver auf.
»Eine große Ausnahme war es, als wir in der Coronapandemie kurz als systemrelevant bezeichnet wurden und Applaus erhielten. Aber das war schnell wieder vorbei. Heute ist es eher normal, dass ein Kunde an der Fleischtheke steht und seinem Kind vor der Verkäuferin erklärt, es solle bloß in der Schule aufpassen, sonst würde es auch eines Tages hinter der Theke landen.«
Die Arbeitgeber, ergänzte sie, sähen ihre Beschäftigten nur noch als Kostenfaktor. Eingestellt würde nur so, dass der Schichtplan so flexibel wie möglich gestaltet werden kann. Menschen mit Vollzeitverträgen seien da eher hinderlich. Wer aber nur in Teilzeit beschäftigt werde, könne davon nicht leben und müsste sich entweder einen Zweitjob suchen oder Zuschüsse beim Jobcenter beantragen. Öffentlich werde darüber allerdings kaum gesprochen. »Mit unserem Streik müssen wir daher nicht zuletzt versuchen, für diese Realitäten Bewusstsein zu schaffen. Sonst wird sich nie etwas ändern.« Das Angebot, das die Arbeitgeberseite bislang gemacht hat, findet sie skandalös. Nicht einmal die Inflation sei damit ausgeglichen.
Gründe gegen Lohnerhöhungen bringen Arbeitgeber natürlich viele vor. Steven Haarke, der Tarifgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland (HDE), teilte in einer Pressemitteilung vom 12. Mai mit, Deutschland befinde sich in der schwersten Wirtschaftskrise seit 20 Jahren und beim Konsum sei ein Tiefpunkt erreicht. Den Handel lasse das nicht unberührt, viele Arbeitsplätze stünden auf dem Spiel.
Edeka steigerte seinen Umsatz um 2,7 Prozent
Anders klingt allerdings der Geschäftsbericht des Edeka-Verbunds aus dem vergangenen Jahr. Der ist online abrufbar. Da heißt es, der selbständige Einzelhandel zeige sich »einmal mehr resilient und in der Lage, auch unter schwierigen Rahmenbedingungen zu bestehen«. Seinen Umsatz konnte der Verbund demnach um 2,7 Prozent steigern; insgesamt wurden 77,3 Milliarden Euro umgesetzt.
Solche Umsätze sind das Ergebnis harter körperlicher Arbeit. Peter Gerhardt arbeitet seit 1989 als Lagerist im damaligen Rewe- und heutigen Penny-Lager in Großbeeren. »Damals«, sagte er der Jungle World, »wurden wir noch beneidet, weil wir gut verdient haben. Heute sind wir beim Lohn an letzter Stelle. Keiner will das mehr machen. Viele wissen auch gar nicht, wovon sie den Sprit für ihre Anfahrt zum Lager zahlen sollen.«
Ihm habe die Arbeit trotz der Kraftanstrengung immer Spaß gemacht, weil man sich im Team aufeinander habe verlassen können und wertgeschätzt worden sei. Mittlerweile aber würde vermehrt mit Arbeitskräften aus Leiharbeitsfirmen gearbeitet. Da gehe dann im Lager schon mal was kaputt. »Das Geld, das dann aufgewendet werden muss, um zum Beispiel Regale wieder zu reparieren, könnte man auch vernünftiger ausgeben. Etwa für bessere Löhne.«