28.05.2026
Sitz und Platz beim Bahnfahren

Sitz! Platz! Aus!

Der Hund soll sitzen. Für Menschen gilt das nicht, jedenfalls nicht für Bahnfahrer.

Das Erste, was ein Hund lernt, ist: »Sitz!« Da sind sich alle einig: Der Hund soll sitzen. Für Menschen gilt das nicht, jedenfalls nicht für Bahnfahrer. Es geht damit los, dass man, nachdem man sich für gefühlt fünf Millionen Euro ein Zugticket gekauft hat, nicht einmal einen Anspruch auf einen Sitzplatz hat.

Der gilt als »Zusatzleistung«, als eitles Extra, wie eine Zitronenscheibe in der Cola. Dass man eine mit Verspätungen schnell mal sechsstündige Fahrt unmöglich stehend im Gang verbringen kann; dass man, wenn man keinen Sitzplatz hat, quasi nichts hat, für fünf Millionen, das scheint die Deutsche Bahn nicht zu jucken.

Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kino und sollen Ihren Sitzplatz ex­tra bezahlen. So fühle ich mich bei der Bahn.

Man möge sich also zusätzlich noch das Recht auf einen Sitzplatz kaufen, was nicht bedeutet, dass man dann einen hat, denn allzu oft gibt es den gebuchten Wagon gar nicht oder die Sitzplatzreservierung »ist aufgehoben«. Die Rückerstattung der Sitzplatzreservierungsgebühr hebt dabei nicht im Geringstem das erlebte Leid auf.

Hätte man wirklich für fünf Millionen Euro ein Ticket gebucht, wenn man gewusst hätte, dass man sechs Stunden stehen muss? Wäre man da nicht im beschaulichen Bad Tölz geblieben oder hätte doch das Auto genommen? Ich ja. Stellen Sie sich vor, Sie gehen ins Kino und sollen Ihren Sitzplatz ex­tra bezahlen. So fühle ich mich bei der Bahn.

Genau genommen geht es aber nicht damit los. Los geht es schon am Bahnhof, wo man alles tun soll, aber nicht sitzen. Während jedem Menschen einleuchtet, warum sich ein Wartezimmer, zum Beispiel bei einem Arzt, vor allem dadurch auszeichnet, dass es dort Stühle gibt, bedeutet Warten am Bahnhof Stehen. Oder Laufen.

Das erste, was ein Bahnreisender lernt, ist nicht: »Sitz!«, sondern: »Steh!«

Auch auf dem Bahnhofsvorplatz sind keine Sitzgelegenheiten vorgesehen, vermutlich aus Angst, dort säßen dann hauptsächlich Junkies oder Obdachlose. Die sollen aber erst recht nicht sitzen. Bei den zahlreichen Imbissangeboten »to go« wird davon ausgegangen, dass man seine Pizza tatsächlich auch »to go« verspeist, also im Laufen.

An den Gleisen schließlich, wo außer Warten wirklich nichts, rein gar nichts getan wird und zu tun ist, finden sich in Abschnitt H zwei kleine Bänke. Das erste, was ein Bahnreisender lernt, ist nicht: »Sitz!«, sondern: »Steh!«

Auch Coco braucht übrigens eine Fahrkarte bei der Bahn, es gibt aber nicht einmal die Option, für Hunde auch einen Sitzplatz zu beanspruchen. Der Gegenwert von Cocos Fahrkarte ist: nichts. Konsequenterweise fährt sie meistens schwarz und liegt dabei. Liegen ist eh besser. Liegen ist das Sitzen des Alters. Dass die Bahn keine Liegewagen mehr anbietet, versteht sich von selbst.