Julian, bitte bleib!
Julian Nagelsmann, Cheftrainer der deutschen Männer-Fußballnationalmannschaft, war neulich im »Aktuellen Sportstudio« zu Gast, aber er wollte nichts sagen. Eigentlich hätte er in der Sendung seinen Spielerkader für die anstehende Weltmeisterschaft kommentieren sollen. Dann war die Kaderverkündung verschoben worden, doch Nagelsmann wollte trotzdem so gerne ins Fernsehen.
Wahrscheinlich wegen des Torwandschießens. Hier erzielte er allerdings nur einen Treffer und unterlag einem Amateurfußballer des SV Berghaupten aus dem Schwarzwald. Ansonsten wich er so kokett wie amüsiert sämtlichen Fragen aus. Es ging vor allem darum, ob Manuel Neuer bei der WM ins Tor zurückkehren würde, womit Nagelsmann seine aktuelle Nummer eins Oliver Baumann ausgebootet hätte.
Nagelsmann ist eindeutig der beste Bundestrainer seit Berti Vogts, und auch Vogts hatte Probleme mit seinen Torwarten.
Mittlerweile wissen wir, dass genau das der Fall ist. Viele Fußballfans und -medien finden diese Entscheidung menschlich nicht in Ordnung, denn Baumann hatte Nagelsmanns Wort, und im Profifußball geht es bekanntlich um Anstand, Vertrauen und Menschlichkeit.
Nagelsmann ist eindeutig der beste Bundestrainer seit Berti Vogts, und auch Vogts hatte Probleme mit seinen Torwarten. Nachdem er bei der WM 1994 mit Deutschland im Viertelfinale ausgeschieden war, nannte er es seinen einzigen Fehler, dass er im Tor auf Bodo Illgner anstatt auf Andreas Köpke gesetzt hatte. Illgner trat zurück, Vogts aber nicht – obwohl die Bild-Zeitung mit »Berti, bitte geh!« titelte und eine ausgedehnte Rufmordkampagne gegen ihn fuhr: »Selbst Freunde rücken von ihm ab. Einsam saß er am Tisch.« Vogts-Mobbing war in diesem Sommer schwer angesagt, auch der damals noch lustige Stefan Raab fuhr auf dem Ticket und hatte mit »Böörti Böörti Vogts« seinen ersten Hit.
Der herzensgute Nachbar, der ganz lieb ein Kaninchen streichelt
Nagelsmann ist dergleichen nicht zu wünschen. Aber er soll auch nicht die Strategie seiner seltsam verunglückten öffentlichen Kommunikation ändern. Hinsichtlich ihres hervorragenden Unterhaltungswerts können bizarre Fernsehauftritte wie der im »Aktuellen Sportstudio« nur schwer getoppt werden.
Doch dass sogar hier noch ein bisschen Luft nach oben wäre, hat natürlich Großmeister Berti Vogts längst bewiesen. Der brillierte 1999, wenige Monate nach seinem Rücktritt als Bundestrainer, mit einem Gastauftritt im »Tatort«. Dort spielte er den herzensguten Nachbarn Jürgen Lampert, der ganz lieb ein Kaninchen streichelte. So etwas muss Nagelsmann unbedingt auch mal machen. Aber bitte nicht im »Tatort« Schwarzwald, der ist immer miserabel. SV Berghaupten hin oder her.