28.05.2026
Nach dem Ende der Kältehilfe fehlen Schlafplätze für obdachlose Frauen

Sommer unter freiem Himmel

Mit dem Ende der Kältehilfesaison fürchten wohnungslose Frauen um ihren Schlafplatz, während die Gewalt gegen obdach- und wohnungslose Menschen weiter zunimmt. Ein Besuch bei einer Einrichtung für Frauen.

»Bevor ich bei irgendjemandem in der Wohnung schlafen muss, bleibe ich lieber draußen«, betont eine Besucherin von »Evas Haltestelle«, einer Tagesstätte für wohnungs- und obdachlose Frauen, kopfschüttelnd beim Frühstück. Sie könne draußen vor sich hin dösen. Im Notfall wisse sie sich schon zu verteidigen. »Evas Haltestelle« wird vom Sozialdienst katholischer Frauen gefördert. Tagsüber können Frauen hier für ein paar Stunden zur Ruhe kommen, duschen, ihre Sachen abstellen und etwas essen.

Von Oktober bis April stellt »Evas Haltestelle« im Netzwerk der Berliner Kältehilfe 20 Schlafplätze bereit. Die Kältehilfe existiert seit 1989 und wurde von den Berliner Kirchengemeinden, Wohlfahrtsverbänden und der Berliner Senatsverwaltung für Soziales ins Leben gerufen, um wohnungslose Menschen in den Wintermonaten vor dem Erfrieren zu bewahren. Seit dem Ende der Kältehilfesaison am 30. April ist die Sorge um einen Schlafplatz bei den Besucherinnen von »Evas Haltestelle« dringlicher denn je.

»Es kann doch nicht sein, dass alte, schwangere und auch junge Frauen draußen schlafen müssen.« Eine Besucherin von »Evas Haltestelle«, einer Tagesstätte für wohnungs- und obdachlose Frauen

Denn nicht alle Frauen haben rechtzeitig eine neue Übernachtungsmöglichkeit gefunden. Gerade mal 60 Schlafplätze stünden den Frauen dann noch in frauenspezifischen Notunterkünften in Berlin zur Verfügung, sagt Natalie Kulik der Jungle World. Sie leitet die Tagesstätte. 60 Schlafplätze, während schätzungsweise 2.500 Frauen in Berlin auf der Straße leben.

Eine Besucherin spricht von einem starken Konkurrenzkampf. Vertrauen in die Bundesregierung habe sie schon lange nicht mehr. »Es kann doch nicht sein, dass alte, schwangere und auch junge Frauen draußen schlafen müssen.« Die Kältehilfe sollte ihrer Meinung nach in ihrer saisonalen Beschränktheit abgeschafft und durch Strukturen ersetzt werden, die die Frauen ganzjährig auffangen.

Wohnungslosigkeit trifft besonders oft Frauen, die aus gewaltvollen Beziehungen kommen. Viele meiden deshalb gemischtgeschlechtliche Notunterkünfte, in denen die Räume oftmals mit Männern geteilt werden müssten. Zudem, berichten die Frauen, seien häufig nicht einmal die Duschräume verschließbar. Und es fehle in diesen Unterkünften an separaten Schutzräumen und Gewaltschutzkonzepten. Für diese Frauen kommen nur frauenspezifische Notunterkünfte in Frage. Deren Kapazitäten sind aber vor allem in den Sommermonaten eng begrenzt.

Gewalt gegen obdachlose Menschen nimmt stetig zu

Auf der Straße zu übernachten, ist für viele aber keine Option. Die Gewalt gegen obdachlose Menschen nimmt stetig zu; und das, während die allgemeine Kriminalität zurückgeht. Schon 2024 erreichte die Zahl Übergriffen auf Obdachlose bundesweit 2.194 Straftaten einen neuen Höchststand. Im vergangenen Jahr waren es sogar 2.563 – nochmal 17 Prozent mehr. Dieser Anstieg, so die Linkspartei in einer Kleinen Anfrage an die Bundesregierung im Mai, lasse sich nicht etwa damit erklären, dass mehr Menschen auf der Straße leben, denn im selben Zeitraum sei die Zahl untergebrachter wohnungsloser Menschen um acht Prozent gestiegen. Die ARD berichtete jüngst, dass sich die Zahl der gegen Obdachlose gerichteten Gewalttaten von 2009 bis 2025 verzwölffacht habe. Um nicht auf der Straße zu landen, nehmen einige Frauen temporäre Übernachtungsmöglichkeiten bei Bekannten an. Diese erwarten aber nicht selten sexuelle Gegenleistungen.

Drei Frauen, die über die Wintermonate bei »Evas Haltestelle« untergekommen sind, haben Natalie Kulik zufolge noch keine Schlafplätze für die kommenden Monate. Sie sei deshalb dauernd am Telefonieren, um welche zu finden. Wer sich in den Tagen kurz vor dem Ende der Kältehilfesaison oder danach erst um einen neuen Schlafplatz bemühe, habe eigentlich schon fast keine Chance mehr, berichtet Kulik. Wer keinen Schlafplatz finde und nicht auf der Straße schlafen wolle, sei häufig die ganze Nacht mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Frauen, die im Besitz eines Deutschlandtickets sind, führen sogar in andere Städte, nur um die längere Fahrzeit in der Regionalbahn auszunutzen und zur Ruhe kommen zu können. In Berlin, so Kulik weiter, sei die Wohnungslosenhilfe im Bundesvergleich allerdings vergleichsweise noch am besten ausgestattet – und das trotz der geringen Zahl an ganzjährigen Schlafplätzen für Frauen.

Ruft man bei »Evas Obdach« an, der Schwestereinrichtung von »Evas Haltestelle«, jedoch mit ganzjährigen Übernachtungsmöglichkeiten, wird schnell klar: Man ist nur eine von vielen Personen, die in diesen Tagen versucht, die Einrichtung zu erreichen. Am Telefon berichtet man der Jungle World, dass die Zahl der Anfragen nach Schlafplätzen seit dem Ende der Kältehilfesaison rapide gestiegen sei und man schon einige Frauen habe ablehnen müssen. Die hörbar überarbeitete Sozialarbeiterin beteuert: »Die Kältehilfe endet und das Telefon klingelt Sturm.«