21.05.2026
Russlands Strafjustiz versucht, einen Regimegegner mit Folter zu brechen

Folter eines Vogelfreien

Der russische Anarchist und Mathematiker Azat Miftakhov wurde nach eigenen Angaben in Haft gefoltert. Sein Fall steht ­beispielhaft für den Umgang mit aufmüpfigen Gegnern des autoritären russischen Regimes.

Serienmörder, rückfällige Straftäter, Neonazis: Die nördlich des Polarkreises gelegene russische Strafkolonie mit dem Kürzel IK-18, beschönigend auch »Polareule« genannt, beherbergt auch lebenslänglich verurteilte Häftlinge. Und seit dem 20. April den Mathematiker und Anarchisten Azat Miftakhov (in anderer Schreibweise: Asat Miftachow). Am Tag nach seiner Ankunft wurde er dort nach eigenen detaillierten Angaben gefoltert. Anfang Mai ­veröffentlichte das auf investigative ­Recherchen spezialisierte russische Online-Medium The Insider einen auf Miftakhovs Aussagen beruhenden ­ausführlichen Bericht.

Die ersten Wochen in einer neuen Strafkolonie verbringen Häftlinge in Quarantäne. Miftakhov wurde dem ­Bericht zufolge von dort in den Ver­waltungsblock gebracht, in einen Teil, der im Lager »Lubjanka« genannt wird in Anlehnung an den Moskauer Hauptsitz Inlandsgeheimdiensts FSB, früher bekannt als KGB. Zwei Häft­linge wiesen ihn an, die Toilette zu putzen.

Keinen Kilometer entfernt befindet sich die Strafkolonie IK-3, »Polarwolf«, wo im Februar 2024 der Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj mutmaßlich ermordet wurde. Dass Miftakhov als politischer Gefangener ausgerechnet in eine der verrufensten und am weitesten abgelegenen Strafkolonien verbannt wurde, ist eine weitere Eskala­tion in einer langen Kette gezielter ­Repressalien. 

Als Miftakhov auch nach dem ­Gespräch mit einem Mitarbeiter der ­Kolonie, Michail Sobolew, standhaft blieb, folgte ihm zufolge rohe Gewalt: Sobolew und ein Häftling warfen ihn zu ­Boden, ­fesselten die Gliedmaßen mit Klebeband und verpassten dem wehrlosen Anarchisten mit einem Holzhammer Hiebe gegen die Fersen, bis er das ­Bewusstsein verlor. Nach weiteren ­Schlägen folgten Drohungen, Miftakhov zu vergewaltigen. Sie zogen ihm die Hose herunter und Sobolew begann, mit den Fingern Gleitgel auf den Anus ihres Opfers aufzutragen.

Nach Erscheinen eines weiteren ­Mitarbeiters schleppten sie, so der ­Bericht weiter, Miftakhov in den Gang, entfernten einen Kanalisationsdeckel und führten das Gesicht ihres Opfers fast bis an die sich in der Kanalisation befindlichen Fäkalien heran; es folgten weitere Schläge. Im Obergeschoss ­banden ihm seine Peiniger die Zehen mit Kabeln zusammen und verpassten ihm Elektroschocks. Laute Popmusik übertönte Miftakhovs Schreie. Jede Weigerung, sich an die erniedrigenden ­Regeln der Verwaltung zu halten, wurde ihm zufolge mit weiteren Stromschlägen quittiert. Bis Schichtende.

Keinen Kilometer entfernt befindet sich die Strafkolonie IK-3, »Polarwolf«, wo im Februar 2024 der Oppositionspolitiker Aleksej Nawalnyj mutmaßlich ermordet wurde. Dass Miftakhov als politischer Gefangener ausgerechnet in eine der verrufensten und am weitesten abgelegenen Strafkolonien verbannt wurde, ist eine weitere Eskala­tion in einer langen Kette gezielter ­Repressalien. Der Polizei galt Mifta­khov als Mitglied der anarchistischen Gruppierung Volksselbstverteidigung. Als er am 1. Februar 2019 festgenommen wurde, bereitete der 1993 in ­Tatarstan geborene Enkel eines Schriftstellers sich gerade auf seine Disser­tation in Mathematik an der Moskauer Lomonossow-Universität vor.

Intime Fotos weitergegeben

Dem ersten Vorwurf zufolge soll ­Miftakhov einen Sprengsatz für einen Anschlag hergestellt haben. Einige Tage nach der Festnahme wurde er freigelassen und sofort wieder ver­haftet, dieses Mal wegen angeblicher Beteiligung an einer im Jahr zuvor erfolgten Attacke auf ein Büro der Kreml-Partei Einiges Russland, bei der leichter Sachschaden entstanden war. Ein in den Akten nicht namentlich genannter Zeuge der Anklage wollte Miftakhov anhand von dessen »ausdrucksstarker Augenbrauen« erkannt haben. Das reichte für eine Verurteilung zu sechs Jahren Haft.

Kaum hatte Miftakhov die Strafkolonie verlassen, wurde er erneut ver­haftet und später zu vier weiteren Jahren Haft wegen »Rechtfertigung von Terrorismus« verurteilt. Ein Mithäftling ­hatte ihn denunziert. Im Gefängnis sah sich ­Miftakhov ständigem Druck ausgesetzt. Nach Angaben seiner Frau Jelena Gorban hatte der FSB an Mitgefangene intime Fotos des bisexuellen Anarchisten weitergegeben.

Damit galt er in der homophoben russischen Gefängnishierarchie als »Erniedrigter«, was dem Status eines Vogelfreien gleichkommt. Minimalen Schutz bieten ihm nur ­reguläre Besuche durch einen Anwalt, wofür das 2023 in Frankreich gegrün­dete Unterstützungskomitee Solidarité Free Azat über seinen Verein Spenden sammelt.

Kein Einzelfall

»Azat ist kein Einzelfall«, betont ­Alexandra Zapolskaya von Solidarité Free Azat im Gespräch mit der Jungle World. Er sei einer von vielen, die sich gegen das autoritäre Regime von Präsident Wladimir Putin stellen. Derzeit stuft das Menschenrechtszentrum ­Memorial 1.573 Häftlinge in Russland als politische Gefangene ein. Politische Motive bei der Strafverfolgung seien insgesamt in weit über 5.000 Fällen ­erkennbar.

Zapolskaya hat Miftakhov von Beginn an unterstützt, zunächst in Moskau, inzwischen von Paris aus. Selbst in Haft halte er mit seinen anarchistischen Überzeugungen nicht zurück, mit Mathematik befasse er sich weiterhin. »Erst kürzlich hat er im Verlauf der Korrespondenz mit einem französischen Mathematiker ein zuvor ungelöstes mathematisches Problem gelöst«, so Zapolskaya.

»Sie versuchen ihn zu brechen, aber er lässt sich das demonstrativ nicht gefallen«, sagt ­Alexandra Zapolskaya von Solidarité Free Azat.

Dass Miftakhov wegen seiner ­Haltung verfolgt wird, steht aus ihrer Sicht außer Frage. »Sie versuchen ihn zu brechen, aber er lässt sich das demonstrativ nicht gefallen«, sagt sie. Freiheitsentzug reiche den Behörden als Strafe nicht aus, deshalb gingen sie zu Folter über. »Anhand dieses keineswegs einzigartigen konkreten Falls lässt sich beispielhaft verfolgen, wie ein auto­ritäres Regime mit Anders­denkenden umgeht.«

Die Gefängnisleitung fordert nun von Miftakhov, den Vorfall unter den Tisch zu kehren. Amnesty Inter­national rief dazu auf, seine Aussagen zur Folter durch eine eingehende Unter­suchung zu prüfen.