21.05.2026
François Kraus, Meinungsforscher, im Gespräch über religiöse Jugendliche in Frankreich

»Religion ist zu einer Identität geworden«

Die französische Jugend bewegt sich nicht allgemein nach rechts, wird aber in Teilen religiöser und reaktionärer: Die »Jungle World« sprach mit dem Meinungsforscher François Kraus über das Schwinden gewohnter politischer Koordinaten, die Polarisierung zwischen den Geschlechtern und die politischen Folgen zunehmender Religiosität.

In den Medien heißt es oft, die Jugend »rückt nach rechts«. Bestätigen Ihre Zahlen das?
Die These einer starken Rechtsverschiebung ist mit Vorsicht zu behandeln. Es gibt einen Rückgang linker Positionierung, aber das ist weniger eine Rechtsverschiebung als eine »Entlinksung«: Der Anteil der Jugendlichen, die jede Links-rechts-Positionierung ablehnen, hat sich seit 1994 fast verdoppelt – heute sind es 35 Prozent, damals waren es 18. Und 45 Prozent fühlen sich keiner politischen Partei nahestehend, fast doppelt so viele wie bei den Erwachsenen, wo es nur 25 Prozent sind. Statt eines ideologischen Umschwungs erleben wir eine Entideologisierung: eine wachsende Gleichgültigkeit gegenüber den traditionellen Parteilagern.

Bedeutet diese Ablehnung der Links-rechts-Achse eine Entpolitisierung oder ist es eine andere Art, politisch zu sein?
Eher eine Entpolitisierung. Sinkende Wahlbeteiligung, Abwendung von den Parteien, Desinteresse an politischen Debatten – alles Anzeichen einer demokratischen Rezession, die in der Jugend besonders deutlich ausgeprägt ist. Man könnte sie als »Generation der Gleichgültigen« oder als »bof génération« (in etwa: Generation na ja) bezeichnen, um einen schon älteren Ausdruck aufzugreifen, den die Journalisten Jacques Julliard und Josette Alia 1978 in der Wochenzeitschrift Le Nouvel Observateur verwendeten, um den pragmatischen Individualismus der Jugend nach 1968 zu beschreiben.

»Die eigentliche Bruchlinie verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen einer progressiven Mehrheit und einem konservativen Kern.«

Zeigen Ihre Daten nicht vor allem einen Rückzug ins Private, eine größere Konzentration auf Familie, Freunde und persönlichen Erfolg?
Das ist die zentrale Erkenntnis, ja. Über 40 Jahre beobachten wir einen zunehmenden Rückzug ins Private – Familie, Freundschaft, Partnerschaft – mit einer wachsenden Wertschätzung für Geld (für 50 Prozent ist Geld ein hoher Wert, 14 Prozentpunkte mehr als 1984) und einer Ernüchterung gegenüber dem wissenschaftlichen Fortschritt (minus 16 Punkte, auf 44 Prozent). Das frappanteste Zeichen dieses Individualismus ist die Ablehnung des Opfers für das »Vaterland«: Jugendliche geben heutzutage deutlich seltener als vor 40 Jahren an, sie seien bereit, für Frankreich zu sterben: 23 Prozent gegenüber 41 im Jahr 1984. Unter jungen Muslimen sind es 13 Prozent und unter extremen Linken nur fünf.

Die Daten zu Abtreibung oder Homosexualität zeigen mehrheitlich progressive Jugendliche. Das widerspricht doch der Idee einer Rechtsverschiebung?
Genau deshalb ist der Begriff irreführend. Die eigentliche Bruchlinie verläuft nicht zwischen links und rechts, sondern zwischen einer progressiven Mehrheit und einem konservativen Kern. Und dieser Kern rekrutiert sich stark aus den religiösesten und sozial schwächsten Milieus, dort, wo Religion zu einem mächtigen Faktor kulturellen Konservatismus geworden ist.

Was ist die Ursache der Kluft zwischen den Geschlechtern, die Sie dokumentieren, also des Phänomens, dass Frauen häufiger fortschrittliche und feministische Positionen einnehmen als Männer, die stattdessen öfter die extreme Rechte unterstützen? Welche Rolle spielen maskulinistische, antifeministische Ideen?
Die Unterschiede sind sehr real und bilden sich bereits im Jugendalter heraus. 69 Prozent der Mädchen machen sich Sorgen um die Rechte der Frauen, gegenüber 45 Prozent der Jungen. Aber was frappant ist: Die religiöse Variable wiegt mindestens genauso schwer. Die Ablehnung des Feminismus erreicht 74 Prozent bei jungen Muslimen, 63 Prozent bei praktizierenden Katholiken, 65 Prozent in den Banlieue-Milieus, 62 Prozent bei Kindern aus Arbeiterfamilien. Der Geschlechterunterschied kumuliert sich mit einer sozialen und religiösen Polarisierung. Und maskulinistische Ideen – besonders verbreitet in eben diesen Milieus – verstärken diese Kluft sehr wahrscheinlich noch.

Spiegelt diese entlang von Geschlecht und Religiosität fragmentierte Jugend Spaltungen der Erwachsenengesellschaft wider oder ist es ein besonderes Phänomen in dieser Generation?
Diese Effekte sind bei der jungen Generation eher nur verstärkt. Die Geschlechterpolarisierung ist bereits bei Erwachsenen sichtbar. Bei der letzten Präsidentschaftswahl stimmten junge Männer unter 25 Jahren doppelt so häufig für die extreme Rechte wie junge Frauen: 33 Prozent gegenüber 16 Prozent. Neu ist aber, dass sich diese Spaltung bereits im Jugendalter verfestigt. Warum? Weil soziale Medien heutzutage die wichtigste Informationsquelle dieser Generation sind. Jungen und Mädchen konsumieren dort nicht dieselben Inhalte, sie sind eingeschlossen in algorithmische Blasen, die radikal verschiedene Weltbilder formen. Diese stark geschlechtsspezifischen kulturellen Praktiken führen dazu, dass Jugendliche in gesellschaftspolitischen Informationsblasen leben.
Die Auswirkungen der Me-too-Bewegung haben die Unterschiede zwischen den Geschlechtern ebenfalls verschärft. Das ist ein weltweites Phänomen. Korea, USA, Deutschland, überall dasselbe. Aber das Ausmaß bei den 15- bis 17jährigen Franzosen erklärt sich auch durch stark geschlechtsspezifische kulturelle Praktiken.

»2021 sprachen sich noch 48 Prozent der Jugendlichen für das Recht auf Blasphemie aus. Heute halten 58 Prozent Religionskritik für inakzeptabel. Das ist ein bemerkenswerter Wandel.«

Sie schreiben, das Religiöse sei zu einer entscheidenden Bruchlinie geworden. Eine große Mehrheit der Jugendlichen hält heute Religionskritik für inakzeptabel. Wie interpretieren Sie diese Entwicklung?
2021 sprachen sich noch 48 Prozent der Jugendlichen für das Recht auf Blasphemie aus. Heute halten 58 Prozent Religionskritik für inakzeptabel. Das ist ein bemerkenswerter Wandel. Wie lässt sich das erklären? Durch den ideologischen Sieg derer, die es geschafft haben, Religion zu ethnisieren, also die Idee durchzusetzen, dass sie nicht mehr bloß ein Weltbild ist, ein Wertekorpus, den man hinterfragen kann, sondern ein konstitutives Element der Identität, so unantastbar wie die Hautfarbe. Jetzt gibt es eine Generation, die dazu neigt, Religionskritik als Beleidigung der Gläubigen selbst zu sehen. Bei praktizierenden Katholiken erreicht die Ablehnung der Religionskritik 76 Prozent, bei Muslimen 92 Prozent. Studien bestätigen eine allgemeine Zunahme der Religiosität bei jungen Gläubigen.

Was hat das für Auswirkungen, was die Ansichten von religiösen und nichtreligiösen Jugendlichen angeht, beispielsweise zu LGBT-Rechten?
Genau dort produziert der religiöse Konservatismus die größten Klüfte. 49 Prozent der jungen Muslime halten gleichgeschlechtliche Beziehungen für inakzeptabel, gegenüber 13 Prozent der Katholiken und sieben Prozent der Atheisten. 57 Prozent lehnen Geschlechtsanpassungen ab (gegenüber 31 Prozent und 21 Prozent), 30 Prozent sind gegen Abtreibung (gegenüber fünf Prozent bei Atheisten und zehn Prozent bei Katholiken). Und 62 Prozent der jungen Muslime meinen, Homosexuelle sollten ihre Orientierung im öffentlichen Raum verbergen. Eine frühere Ifop-Studie zeigte bereits, dass 63 Prozent der jungen Muslime Homosexualität als »eine Krankheit« oder »eine sexuelle Perversion« betrachten, gegenüber 15 Prozent im nationalen Durchschnitt.

»Eine grüne Kandidatin zog bei der Lokalwahl ihre Kandidatur zurück, weil ihre Homosexualität in einer Stadt mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil als Wahlhindernis galt. Das ist ein Alarmsignal und gibt Anlass zur Befürchtung, dass diese Entwicklung weder sexuellen Minderheiten noch den Frauenrechten zugutekommen wird.«

Das ist politisch explosiv: Knapp zwei Drittel der muslimischen Wähler stimmen für Parteien deutlich links der Mitte – und ein Clash zwischen den progressiven Positionen dieser Parteien und dem Ultrakonservatismus eines Teils ihrer Wähler lässt sich nicht ausschließen.
Saint-Ouen, ein Vorort von Paris, gibt einen Vorgeschmack: Eine grüne Kandidatin zog bei der Lokalwahl dort ihre Kandidatur zurück, weil ihre Homosexualität in einer Stadt mit hohem muslimischen Bevölkerungsanteil als Wahlhindernis galt. Das ist ein Alarmsignal und gibt Anlass zur Befürchtung, dass diese Entwicklung weder sexuellen Minderheiten noch den Frauenrechten zugutekommen wird.

Wovor hat diese Jugend Angst? Ist diese erstarkende Religiosität vielleicht eine Reaktion auf Unsicherheiten und auf Ängste?
Zunächst eine kontraintuitive Beobachtung: Das allgemeine Gefühl der Beunruhigung ist in den vergangenen 30 Jahren zurückgegangen. 66 Prozent der Jugendlichen bezeichnen sich heute als besorgt, gegenüber 87 Prozent im Jahr 1994. Aber die Natur ihrer Ängste hat sich grundlegend verändert. Krieg steht an erster Stelle: 30 Prozent, im Jahr 1994 waren es noch 16 Prozent. Gefolgt von allgemeiner Unsicherheit: 25 Prozent, gegenüber nur einem Prozent im Jahr 1994. Umgekehrt ist es mit Aids, einst die größte Angst der Jugendlichen, das ist jetzt auf null Prozent gesunken. Bei der Furcht vor Arbeitslosigkeit gab es einen Rückgang von 18 auf acht Prozent. Statt sozioökonomischer Sorgen stehen sicherheitspolitische und ökologische Themen im Vordergrund. Es ist eine Generation, die geprägt ist von der Rückkehr des Kriegs in Europa und einer Häufung von Terroranschlägen.
Ob Religion eine Antwort auf diese Ängste ist, ist schwer zu sagen. Aber man kann einen wachsenden religiösen Rigorismus bei einem Teil der muslimischen Jugend nicht ignorieren. Das ist schwer vereinbar mit den progressiven Kämpfen für Rechte von Frauen oder LGBT.

»Es gibt weder einen totalen Bruch noch bloße Kontinuität.«

Unterscheidet sich diese Jugend letztlich bedeutend von früheren Generationen im gleichen Alter?
Es gibt weder einen totalen Bruch noch bloße Kontinuität. Pragmatischer Individualismus, weniger gesellschaftliches und bürgerliches Engagement, Rückzug ins Private, das ist alles nichts wirklich Neues. Drei Brüche zeichnen diese Generation dennoch aus: eine weit ausgeprägtere Entideologisierung als noch 1994, eine große Kluft zwischen den Geschlechtern, die sich bereits im Jugendalter ausbildet, und eine Rückkehr des Religiösen als mächtigem Faktor des kulturellen Konservatismus innerhalb einer ansonsten mehrheitlich progressiven Jugend. Diese Kombination, mehr als jedes dieser Merkmale für sich allein genommen, macht die Besonderheit der 15- bis 17jährigen von heute aus.

*

François Kraus

François Kraus leitet den Bereich Politik/Aktuelles am Ifop (Institut français d’opinion publique, eines der führenden französischen Meinungsforschungsinstitute) und ist Experte für Fragen von Gender, Sexualität und sexueller Gesundheit. Er lehrt außerdem Politikwissenschaft an der Universität Paris Ouest Nanterre La Défense.