21.05.2026
Therapeuten fürchten um die Ver­sorgung psychisch Erkrankter

Kürzungen zu kurz gedacht

Weil man auf Therapieplätze lange warten muss, wenden sich immer mehr Menschen mit ihren psychischen Problemen an Künstliche Intelligenz. Die Sparpläne in der Psychotherapie dürften den Mangel nur noch verstärken. Im Gespräch mit der »Jungle World« warnen Psychotherapeut:innen vor den Konsequenzen für die Betroffenen.

Psychische Erkrankungen sind ein Massenphänomen. Nach Angaben der psychotherapeutischen Fachgesellschaft DGPPN e. V. leiden jährlich etwa 27,8 Prozent der Erwachsenen unter einer psychischen Erkrankung, am häufigsten sind Angststörungen und affektive Störungen wie Depressionen. Die meisten Erkrankungen bleiben demnach unbehandelt, denn lediglich 18,9 Prozent der Erkrankten nehmen Kontakt mit Therapeut:innen auf. Auch unter Kindern und Jugendlichen werden psychische Erkrankungen häufiger.

Das Statistische Bundesamt berichtete gerade in einer Pressemitteilung, dass solche Krankheiten im Jahr 2024 die häufigste Ursache für die stationäre Behandlung von Zehn- bis 19jährigen gewesen seien. Umso gravierender sind die Überlegungen im Bundesgesundheitsministerium, das Budget für ambulante Psychotherapien stärker zu limitieren, und die Honorarkürzungen für Psychotherapeutinnen seit dem 1. April.

»Die Kassen denken in Jahresbudgets und die Politik in Wahlzyklen, die späteren Folgen werden da nicht berücksichtigt.« Christa Leiendecker, Psychoanalytikerin

Die Wartezeiten auf einen Therapieplatz sind bereits enorm. Sechs Monate kann es bis zum Erstgespräch dauern. Immer mehr Menschen wenden sich mit ihren psychischen Problemen deshalb an sogenannte large language models (LLMs), eine Form der Künstlichen Intelligenz. LLMs sind auf das Verstehen und Erzeugen von natürlicher Sprache und Texten trainiert. Sie haben den Vorteil, jederzeit verfügbar zu sein. Eine Psychotherapie können sie aber nicht ersetzen.

Eine Studie der US-amerikanischen Brown-Universität von 2025 kommt zu dem Schluss, dass LLMs regelmäßig ethische Standards der Berufspraxis verletzten. Sie könnten das Erzählte nicht hinreichend mit der Lebenserfahrung der Nutzer:innen kontextualisieren, täuschten Empathie vor, führten durch ständige Bestätigung in die Irre, neigten zu diskriminierenden Verzerrungen und fänden keinen adäquaten Umgang mit Krisensituationen. Ohne menschliches Gegenüber scheint es also nicht zu gehen. Das aber kostet die Krankenkassen Geld, das man offenbar immer weniger auszugeben bereit ist.

Gegen die derzeitigen Kürzungen hat sich das Aktionsbündnis Psychotherapie formiert, ein breites Protestbündnis, in dem nicht nur Psychothera­peut:in­nen sämtlicher Ausrichtungen, sondern auch Patient:innen und Student:innen organisiert sind. Im Gespräch mit der Jungle World berichtete Alice Jordan, Pressesprecherin des Bündnisses, von 6.500 Menschen. Es sei als bundesweites Netzwerk aus spontanen Protesten und Chat-Gruppen entstanden.

Psychotherapeutische Versorgung seit jeher prekär

Die psychotherapeutische Versorgung im System gesetzlicher Krankenversicherung sei zwar seit jeher prekär und habe in den vergangenen Jahrzehnten hart erkämpft werden müssen, von den jüngsten Kürzungen sei man in ihrem Ausmaß und ihrer Bedrohlichkeit trotzdem überrascht. »Insofern könnte man sagen, dass es immer auch Teil dieses Berufsfelds war, sich nicht in Sicherheit wähnen zu können und mit Rückschlägen zu rechnen«, resümierte Jordan.

Bislang hat das Aktionsbündnis unter anderem eine Petition gegen die Honorarkürzungen mit einer halben Million Unterschriften initiiert und bundesweit Proteste organisiert, an denen nach eigener Aussage insgesamt 38.000 Menschen teilgenommen haben. Am 8. Juni soll eine weitere Petition im Bundestag gelesen und von Aktionen begleitet werden.

Was bedeuten die Kürzungen konkret für die psychotherapeutische Arbeit? Zunächst seien da enorme betriebswirtschaftliche Einbußen, so Jordan. Momentan rechnet sie mit Einbußen von zehn bis 25 Prozent. Das könne dazu führen, »dass Praxisinhaber:in­nen sich weitere wirtschaftliche Standbeine aufbauen und junge Kolleg:innen von dem Schritt in die Niederlassung oder gar von der Weiterbildung selbst abgehalten werden«. Das Resultat wären noch weniger Therapieplätze für gesetzlich Versicherte und eine weitere Verlagerung hin zu Privatleistungen. Die aber kann sich nicht jeder leisten.

Das Aktionsbündnis sieht in den Kürzungsvorhaben eine Missachtung des Berufsstands. »Diese Entwertung zeigt, dass psychische Erkrankungen im politischen Diskurs immer noch nicht als ernstzunehmende Krankheiten anerkannt sind, und sie zeigt, dass Psychotherapie – entgegen aller wissenschaftlichen Evidenz – immer noch nicht als wirksame Heilmethode ernst genommen wird«, sagte Jordan.

Es drohen noch längere Wartezeiten

Für die Patient:innen dürften die Kürzungen längere Wartezeiten mit sich bringen. »Das führt zu Verschlechterung der Symptomatik und teils lebensbedrohlichen Zuständen«, kritisierte Jordan. Bisweilen würden die Kürzungen bereits Gegenstand in der Therapie selbst. Patient:innen, die davon aus den Medien erfahren haben, sprächen damit verbundene Sorgen und andere Gefühle in der Therapie an.

Wie lange dürfen sie die therapeutische Unterstützung überhaupt noch in Anspruch nehmen? Solche Fragen seien entscheidend für die therapeutische Beziehung. Patient:innen benötigten diese Sicherheit. Da aber Psychotherapeut:in­nen dem Neutralitätsgebot unterliegen, werde das Thema Kürzungen von ihrer Seite nicht angesprochen. »Wir dürfen Patient:innen nicht für unsere Sache einspannen, aber bei Rückfragen werden sie sachlich über den aktuellen Stand informiert.«

Die Psychoanalytikerin Christa Leiendecker kritisierte ebenfalls, dass die Kürzungspolitik das Verhältnis zwischen Psychotherapeut:innen und Patient:innen beeinflussen werde. »Die Übernahme psychotherapeutischer Behandlungen in Abstimmung mit den Patient:innen erfolgt ausschließlich nach fachlichen Kriterien«, teilte sie der Jungle World mit. »Eine ökonomische Überformung dieser Entscheidungen weisen wir entschieden zurück.«

Leiendecker ist seit 30 Jahren berufspolitisch aktiv, 15 Jahre lang hat sie im Unterausschuss Psychotherapie an der Verbesserung der psychotherapeutischen Versorgung mitgewirkt. Die Kürzungen, so Leiendecker, seien lediglich kurzfristig kostenreduzierend. Chronifizierung, Arbeitsunfähigkeit oder Frühverrentung aufgrund unbehandelter Krankheiten würden die Einsparungen wieder zunichtemachen. »Die Kassen denken in Jahresbudgets und die Politik in Wahlzyklen, die späteren Folgen werden da nicht berücksichtigt.«

Klage gegen die Honorarkürzungen

Die Kassenärztliche Berufsvereinigung (KBV) will Leiendecker zufolge Klage gegen die Honorarkürzungen einreichen. Man sei davon überzeugt, dass der Beschluss juristisch nicht haltbar ist. In der KBV sind nicht nur Thera­peut:innen organisiert, sondern sie vertritt die Interessen aller Vertrags­ärzt:innen. Wenn Klage erhoben wird, heißt das also, dass die Ärzt:innen aus anderen Bereichen ihren psychotherapeutischen Kolleg:innen beispringen. Die Klage habe jedoch keine aufschiebende Wirkung. »Wir klagen immer wieder gegen solche Beschlüsse und kriegen auch oft recht, aber erst Jahre später.«

An den Plänen des Gesundheitsministeriums stört Leiendecker, dass die Psychotherapeut:innen nicht zu Rate gezogen wurden. Man habe sie lediglich kurzfristig in Kenntnis gesetzt. Eine enge Kooperation bei den weiteren Gesetzesberatungen im parlamentarischen Verfahren sei nun dringend geboten. Zudem beunruhige sie das Papier »Weiterentwicklung der ambulanten Psychotherapie«, das derzeit im Verband der Ersatzkassen zirkuliert. Darin wird etwa gefordert, die Stundenkontingente therapieformübergreifend anzugleichen oder eine feste Quote von Gruppentherapiesitzungen einzuführen.

Die Sparpläne in der Psychotherapie sind nur ein kleiner Baustein der Austeritätspolitik der Bundesregierung.

Das Papier passt in den Trend derzeitiger Kürzungsvorhaben. Man nehme es sehr ernst, auch wenn es womöglich bewusst provozierend geschrieben sei, so Leiendecker. Die Wahl der therapeutischen Maßnahmen sei aber Sache der Therapeut:innen und nicht einer Quotierung der Krankenkassen. »Da haben sich scheinbar ein paar Statistiker zusammengesetzt, fernab der Realität der Versorgung«, schließt Leiendecker.

Die Sparpläne in der Psychotherapie sind nur ein kleiner Baustein der Austeritätspolitik der Bundesregierung. Systematisch wird mit vermeintlich alternativloser Rationalisierung der Sozialstaat und die Krankenversorgung abgetragen und ins Private verlagert. Der Protest der Psychotherapeut:innen und ihre schulenübergreifende Solidarität zeigen aber auch ein Protestpotential, mit dem die politisch Verantwortlichen wohl nicht gerechnet haben.