»St. Pauli bleibt stabil«? Von wegen
Selig Cahn war im Hamburg der 1910er Jahre ein früher Fußballstar, gemeinsam mit seinen Teamkollegen Max Kulik und dem späteren Vereinspräsidenten Wilhelm Koch. Während Kulik und Cahn 1935 als Juden aus dem FC St. Pauli ausgeschlossen wurden, trat Koch der NSDAP bei. Kulik emigrierte 1938, Cahns vierköpfiger Familie gelang es nicht, den Schlächtern zu entgehen. Sie wurde im Juli 1942 nach Auschwitz deportiert und dort ermordet.
Das FC-St. Pauli-Museum hat sich darum verdient gemacht, lang verdrängte Biographien jüdischer Vereinsmitglieder zu erforschen, so auch die der Familie Cahn. Während der Stolperstein-Einweihung im Beisein von Vizepräsidentin Luise Gottberg wurde auch eine Videobotschaft von Cahns Großnichte Lidia Sperber-Mankita eingespielt, die sich tief bewegt von der späten Würdigung des Schicksals ihres Großonkels zeigte.
Jackson Irvine ist im Hauptberuf Fußballer und schillerndes Aushängeschild des FC St. Pauli, Jemilla Pir dessen Ehefrau, die sich als Modedesignerin versucht. Beide verstehen sich als Menschenrechtsaktivisten, ihre große Obsession ist jedoch augenfällig das Thema Israel.
Knapp hundert Jahre nach der Shoa tötet Judenhass weiterhin. Das uralte Ressentiment, seit jeher an den jeweiligen Zeitgeist anpassungsfähig, versteckt sich heute gern hinter der Fassade eines postkolonialen Befreiungskampfes. Ausgerechnet das Pogrom des 7. Oktober 2023 und die Geiselentführung lösten wie von den Tätern beabsichtigt eine globale antisemitische Welle aus. Tausende Influencer reiten diese seither und haben gelernt, dass der Algorithmus Israeldämonisierung mit maximaler Reichweite belohnt.
Zwei dieser Wellenreiter sind Jackson Irvine und Jemilla Pir. Irvine ist im Hauptberuf Fußballer und schillerndes Aushängeschild des FC St. Pauli, Pir dessen Ehefrau, die sich als Modedesignerin versucht. Beide verstehen sich als Menschenrechtsaktivisten, ihre große Obsession ist jedoch augenfällig das Thema Israel.
Tiefpunkt dieses performativen Aktivismus war das Posieren Irvines in einem Trikot des fiktiven »FC Palestina«, das ein sich über Israel erstreckendes Großpalästina abbildet. Mehr noch als die eliminatorische Symbolik schockte die Tatsache, dass dessen Schöpfer die Gräueltaten der Hamas offen bejubelt hatten. Kommentare unter Irvines Posts, die darauf aufmerksam machten, waren allesamt binnen kürzester Zeit gelöscht. Ebenso solche, die an die Toten des Nova Festivals erinnerten.
Während Irvine und Pir sich an hasserfüllten Auslöschungsphantasien gegen den jüdischen Staat erkennbar nicht störten, machten sie die Erinnerung an jüdisches Leid gezielt unsichtbar. Ein Schlag ins Gesicht nicht nur der betroffenen Familien, sondern auch das der Überlebenden der Cahns, die in Israel ihre neue Heimat fanden.
Keine Distanzierung von Vernichtungssymbolik und Pogromjubel
Wer gehofft hatte, der Verein würde, auch angesichts seiner Historie, das hunderttausendfache Multiplizieren derartiger Hassbotschaften durch seinen Kapitän nicht dulden, wurde auf ganzer Linie enttäuscht. Irritierten Fans beschied der FC St. Pauli, Irvines Engagement sei rein humanitärer Natur und entspreche den Werten des Klubs. Nur kurz darauf konterkarierte Irvine diese Aussage, als er die »SOS Gaza«-Querfrontdemonstration unterstützte, obwohl der Klub Aufrufe zu dieser klar verurteilt hatte.
Auf der mit Spannung erwarteten Mitgliederversammlung tat Präsident Oke Göttlich die Kritik an Irvine als »Social-Media-Reflexe« ab und wollte beim Kapitän »keinerlei Anzeichen auf menschenfeindliche Einstellungen« festgestellt haben. Nachdem der Verein zuvor daran gescheitert war, seinen Star zumindest zu einer Distanzierung von Vernichtungssymbolik und Pogromjubel zu bewegen, scheute er nun wohl den Eklat.
Derlei Einknicken ist umso bemerkenswerter vor dem Hintergrund, dass der FC St. Pauli sich als »Haltungsmarke« definiert und somit als Vorreiter im Kampf gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit sieht. In riesengroßen Lettern schmückt daher der Schriftzug »Kein Fußball den Faschisten« das Millerntorstadion. Göttlich wird in Interviews nicht müde zu betonen, dass der FC St. Pauli auch deshalb in die deutsche Eliteklasse gehöre, um seine einzigartigen Werte in die Welt zu tragen. Und als er für einen Boykott der WM in den USA plädierte, tönte er: »Wir verlernen es als Organisationen und Gesellschaft gerade, Tabus und Grenzen zu setzen und Werte zu verteidigen. Tabus sind ein wesentlicher Bestandteil von Haltung«.
Beim Thema Israelhass alle Augen zugedrückt
Ausgerechnet Göttlichs Klub ist es jedoch, der beim Thema Israelhass seit nunmehr einem Jahr alle Augen zudrückt und seinen Kapitän unsanktioniert die Grenzen des Sagbaren verschieben lässt. Das schlägt sich auch in der Atmosphäre im Stadion nieder: Denn während Fans, die gelbe Schleifen zur Erinnerung an das Schicksal der Geiseln trugen, wiederholt Bedrohungen erlebten, fassten Fanclubs wie die »Rote Brigade« und »ÖNSP«, beide stalinistisch-antizionistischen Gruppen wie Young Struggle nahestehend, immer stärker Fuß auf den Rängen.
Während der FSV Mainz 05 ohne viel Aufhebens das Richtige tat und seinen Spieler Al-Ghazi nach dessen terrorverherrlichenden Post vor die Tür setzte, versagt ausgerechnet der Verein, der sich den Slogan »St. Pauli bleibt stabil« auf die Fahne schreibt, hier auf ganzer Linie. Sogar der FC Barcelona, in einer Hochburg des Palästina-Aktivismus beheimatet, rügte seinen Weltstar Lamine Yamal öffentlich für das Schwenken einer palästinensischen Flagge während der Meisterfeier.
Anders in Hamburg: Anlässlich des 8. Mai etwa setzte Pir die IDF bildlich in Zusammenhang mit der deutschen Wehrmacht. Und allein der Umstand, dass Fans des FC St. Pauli Kontakte zu linken israelischen Gruppen pflegen, genügt ihr, um einen Boykottaufruf gegen den Klub ihres Mannes zu unterstützen.
Als deutlich wurde, dass der Kiezklub in Sachen Irvine weiter wegzuschauen gewillt ist, gingen viele davon aus, dass der Verein seinen Star fortan zumindest weniger ins Schaufenster stellen würde als bisher. Doch stattdessen geschah das Gegenteil und das »Abgekulte« Irvines, wie viele es genervt bezeichnen, nahm noch groteskere Züge an.
Trotz der Tatsache, dass der 33jährige Irvine seinen Zenit überschritten hat und eine schwache Saison spielte, wurde er durch das Stadionsprecherteam Spieltag für Spieltag so frenetisch angekündigt wie kein Spieler je zuvor. Auf Instagram erhob ihn sein Klub überschwänglich gar zum »Greatest of All Times«. Auch auf der Homepage fungiert Irvine weiterhin als Galionsfigur, ausgerechnet mit dem Claim versehen: »St. Pauli bleibt stabil.«
Zionismus mit Faschismus gleichgesetzt
Und so sendet Irvine unbeirrt immer neue, kaum codierte Botschaften an und für Israel-Hasser: In England ließ er sich kürzlich in der Bar eines langjährigen Freundes beim Verkleben eines »St. Pauli-Fans against Genocide«-Aufklebers filmen. Jener stammt von einer Zionismus mit Faschismus gleichsetzenden Fangruppe, der vom Klub untersagt worden war, das Vereinslogo auf ihren Accounts zu missbrauchen. Für Irvine kein Hinderungsgrund, für diese hauptsächlich im Netz präsente Gruppe Werbung zu machen und damit zu suggerieren, diese stünde für die Haltung der Fanszene.
Betreiber jener Bar wiederum ist Sam Venton vom Fanclub Yorkshire St. Pauli. Anhänger des FC St. Pauli schildern, dass unter dem Vereinsaccount wiederholt israelfeindliche Posts Ventons gelöscht werden mussten, so auch der Gewaltaufruf »Every day and every place, smash a zio in the face!«.
Zudem teilt Ventons Account zahlreiche antisemitische Verschwörungsmythen, etwa das durch Maduro-Netzwerke in Umlauf gebrachte Meme »Meet the new President of Venezuela« – eine KI-Montage, die die venezolanische Oppositionspolitikerin María Corina Machado mit Kippa an der Klagemauer zeigt. Die Diskreditierung der politischen Gegnerin als heimlich jüdischen Auftraggebern dienende Landesverräterin, unterstrichen durch entsprechende Symbolik – mehr antisemitische Botschaft lässt sich in einem Meme kaum unterbringen.
Es geht nicht um Kritik am autoritären Staatsumbau der Netanyahu-Regierung
Unverändert spendiert Irvine seine große Reichweite somit Leuten, denen es nicht etwa um Kritik am autoritären Staatsumbau der Netanyahu-Regierung geht, nicht um Verständigung oder ein besseres Leben der betroffenen Menschen auf beiden Seiten, sondern ums Ganze, sprich die Vernichtung des jüdischen Staates.
Auch wenn im Stadion noch kein größerer organisierter Protest gegen die menschenfeindliche Agitation des Kapitäns stattfand, bewegt dieses Thema viele. Es dominiert seit langem auch das inoffizielle Fanforum, wo sich jahrzehntelange Anhänger täglich intensiv austauschen. Scharfe Kritiken an der Diskrepanz zwischen feierlicher »Nie wieder«-Rhetorik einerseits und dem Ausbleiben gelebter Solidarität mit heutigen Opfern von Antisemiten andererseits erhalten dabei immer wieder Rekordzustimmungswerte. Auch Eingeständnisse wie »Hand aufs Herz, der HSV ist leider inzwischen stabiler als wir« verraten angesichts der traditionellen Rivalität zum Stadtrivalen einiges über die gedrückte Stimmung.
Derweil tauchen im Viertel vermehrt Flyer und Sticker auf, die vermitteln, dass Irvine und Pir dort nicht länger willkommen seien. Und als die Ultras nach der verhängnisvollen Niederlage in Heidenheim die Spieler ins Gebet nahmen, schickten sie den Kapitän Irvine fort und verlangten stattdessen nach dessen Stellvertreter Hauke Wahl.
Als die Ultras nach der verhängnisvollen Niederlage in Heidenheim die Spieler ins Gebet nahmen, schickten sie Kapitän Irvine fort und verlangten stattdessen nach dessen Stellvertreter Hauke Wahl.
St. Paulis Glamourpärchen ficht derlei bislang nicht an. Es stützt sich auf die offiziell noch ungebrochene Idolisierung und dürfte sich bewusst sein, dass der »Rebel Club« auch weiterhin der perfekte Ort für die Markenbildung in eigener Sache ist. Denn als als dessen vermeintlich perfekte Verkörperung sicherte Irvine sich mehrere exklusive Sponsorendeals am Verein vorbei. Bei seinem Partner »Lemonaid«, einer hippen Getränkemarke, die der Verbraucherzentrale suspekt ist, sitzt er nun sogar im Aufsichtsrat. Pir wiederum hat sich eine florierende und eng an die Marketingstrategie des Klubs angelehnte Streetwear-Marke aufgebaut.
Wenig verwunderlich daher, dass Irvine, direkt nachdem der Bundesligaabstieg feststand, in die Mikrophone verkündete, dem FC St. Pauli selbstverständlich erhalten zu bleiben. Dass er im gleichen Atemzug äußerte, auch die Vereinsführung müsse sich angesichts des Abstiegs hinterfragen, kam dort freilich nicht gut an. Und so vernahm man als Reaktion darauf etwas, was es im Zuge der israelfeindlichen Agitation nie gab: Verhaltenen öffentlichen Widerspruch an die Adresse Irvines.
Insider gehen derzeit dennoch davon aus, dass sich die Liaison zwischen Klub und Kapitän fortsetzen wird, und somit auch die antizionistische Agitation unter dem Dach des FC St. Pauli. Sollte sich das bewahrheiten, wird es mit einem Spitzenplatz in Sachen Stabilität auch in der neuen Saison nichts werden. Ganz gleich, welchen Slogan man propagiert.