21.05.2026
Das Hantavirus gab Anlass zu Ver­schwörungs­theorien

Die Pandemie der Erregung

Nach dem Ausbruch des Hantavirus auf einem Kreuzfahrtschiff versuchte so mancher Rechtsextreme und Verschwörungstheoretiker, an seine Publikumserfolge während der Covid-19-Pandemie anzuknüpfen.

Die Variante des Hantavirus, die sich auf dem Kreuzfahrtschiff »Hondius« verbreitete, gilt als gefährlich. Anders als die meisten anderen Hantaviren kann diese »Andes« genannte Variante von Mensch zu Mensch übertragen werden, allerdings nach bisherigem Kenntnisstand nur bei längerem und engem Kontakt.

Anscheinend stirbt fast jeder zweite infizierte Mensch ­daran. Die Weltgesundheitsorganisa­tion meldete vergangene Woche erst acht sicher bestätigte Infektionsfälle. Bislang verstarben drei Passagiere: ein nie­der­ländisches Ehepaar und eine Deutsche. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts befinden sich alle Passagiere aus Deutschland in Quarantäne, eine ­weitere Verbreitung hierzulande gilt als unwahrscheinlich.

Man hat es diesmal also mit einem zwar gefährlichen, aber eher trägen ­Virus zu tun. Umso schneller verbreiteten sich jedoch die Gerüchte in den einschlägigen Ecken des Internets: Es handle sich um eine Spätfolge der Covid-19-Impfung, das Virus sei von Ukrainern auf das Kreuzfahrtschiff eingeschleppt worden oder die Indus­trie wolle damit Nachfrage nach Impfstoffen erzeugen, »um irgendwelchen Pharma-Mist unter die Leute zu ­bringen«.

»Der nächste Virusterror geht los«, betitelte der »Querdenker« Paul Brandenburg seinen Post über den Hantavirus.

Die üblichen Medien stürzten sich auf das Thema und bespielten die ­Ressentiments und Ängste, die während der Covid-19-Pandemie in Teilen der Gesellschaft eingeübt wurden. »Das neue Corona-Virus?« titelte zum Beispiel die extrem rechte Wochen­zeitung Junge Freiheit. Der Artikel vom 8. Mai zitierte unter anderem Wolfgang ­Wodarg, einen Arzt und ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten, der während der Covid-19-Pandemie zur »Querdenker«-Partei »Die Basis« gewechselt war. »Eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung ist auch in der Literatur nicht geschildert. Da steckt etwas ande­res dahinter«, da »will man uns Angst machen«, so Wodarg, der, so die Junge Freiheit, »hinter der aufkommenden Hysterie Interessen der Phar­ma-Indus­trie« vermute: »Da will ­wieder jemand seinen Impfstoff verkaufen.«

In den Kommentaren zu diesem ­Artikel wurde spekuliert, dass die »Wahlen im Herbst abgeblasen werden« und dass sich »Politiker und Pharmakonzerne jetzt schon die Hände« reiben, und es wurde über alt­bekannte Feindbilder hergezogen, wie den ehemaligen Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) oder Uğur Şahin, den Mitentwickler des ­Biontech-Impfstoffs.

Auch klassische »Querdenker« ­erkannten die Gunst der Stunde, zum Beispiel der Arzt und Unternehmer Paul Brandenburg. »Hanta-Psyop und Nürnberger ­Prozesse direkt nebeneinander im Propagandafernsehen«, kommentierte er auf X eine Eilmeldung der »Tagesschau« zum Virus während eines Beitrags über den ­Kinofilm »Nürnberg«. ­Betitelt war sein Beitrag: »Der nächste ­Virusterror geht los«, den ­Moderator der »Tagesschau« bezeichnete er als »Journutte«.

Verschwörungsgeraune um Sicherheitslabor der ­US-Armee

Der Parlamentsberichterstatter der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung, ­Florian Warweg, versuchte sich an ­einem ganz speziellen Spin der ­Geschichte. Auf X erinnerte er daran, dass er vor einem Jahr die Bundes­regierung zu einem im Bau befind­lichen Sicherheitslabor der Schutzstufe 3 für die ­US-Armee im pfälzischen ­Weilerbach befragt habe. Weil in ­diesem ­Labor, so Warweg, »hochinfektiöse ­Biostoffe der Risikogruppe 3 wie SARS-CoV-2, Virus H5N1 und Hanta­virus« ­untersucht würden, sei jetzt »wohl mal Zeit für eine Update-Frage«. Was genau er ­damit meinte, erklärte er nicht.

Das rechtspopulistische Medium Nius schickte zur Einordnung des ­Geschehens seine Mitarbeiter auf die Straßen von Berlin, um die Stimmungslage der Bevölkerung zu eruieren. Allerdings war das Potential der paranoiden Erregung nicht so groß, wie es sich die Redaktion vielleicht ­erhofft hatte. Eine »junge Berlinerin«, die sich gelassen zeigte und meinte, man habe »ja Corona ganz gut weg­gesteckt«, wurde getadelt: »Die Masken, die Ausgangssperren, die gespaltene Gesellschaft zwischen Impfbefürwortern und Impfgegnern, die geschlossenen Läden – all das scheint in ihrer ­Erinnerung keine Rolle mehr zu spielen.«

Ein anderer Passant enttäuschte nicht. Er lehne »die Hanta­virus-Berichter­stattung grundsätzlich ab«, fasst Nius dessen Antwort zusammen, die bestehe nämlich nur aus »­Panikmache« und sei ein »Test, wie weit man die Bevölkerung wieder treiben kann. Die Vogelgrippe habe nicht funktioniert, Covid schon – und jetzt komme das nächste Kapitel.«

Wodarg, Brandenburg, Homburg – es sind die üblichen Verdächtigen

Stefan Homburg, ein emeritierter Professor für Finanzwissenschaften, der mit seltsamen Thesen zu Covid-19 bekannt geworden ist, war den ganz großen Zusammenhängen auf der Spur. Und zwar sei »2020 jemand, der KI zufolge aussieht wie Jake Rosmarin vom Hantaschiff, als Covid-Schauspieler bezichtigt« worden, so Homburg auf X.

Er verlinkte dazu einen Bericht der BBC über einen Covid-19-Patienten, über den damals Verschwörungstheoretiker behauptet hatten, er sei bloß ein Schauspieler; Jake Rosmarin ist ein »Content Creator«, der als Passagier auf dem Kreuzfahrtschiff war und ­Videos über seine anschließende Quarantäne veröffentlichte. Homburg ­behauptete ohne nähere Angaben: »Die meisten Menschen sind naiv. Aber ­einige Gerissene haben bereits jetzt Millionen mit Hanta verdient, egal was daraus wird.«

Der prominente »Querdenker« Bodo Schiffmann sagte zum Ausbruch des Hantavirus auf X: »Also bei dem Scheiß mache ich nicht mehr mit«, denn »das ist wirklich alles nur noch zu albern«. Hätte er nicht das tat­säch­liche Geschehen gemeint, sondern die Reaktionen seines eigenen Milieus, könnte man sich ihm uneingeschränkt anschließen.