Im Saft der eigenen Visionen
Manchmal scheitern Filme daran, dass sie sich ihrer selbst zu sicher sind. »Mother Mary« hat – als Film über die Entstehung eines Kleides – eine originelle Idee und kommt im Fahrwasser des Hypes um »Der Teufel trägt Prada 2« zur rechten Zeit, da ohnehin ganz Hollywood auf die Modewelt schaut. Mit FKA Twigs und Charli XCX sind sogar zwei hochkarätige Popstars an dem Projekt beteiligt. Auch der Cast ist starbesetzt, mit Anne Hathaway als titelgebender Sängerin Mother Mary, Hunter Schafer als deren Assistentin Hilda sowie der kraftvollen Darstellung der Gegenspielerin durch Michaela Coel. Begleitet wird die Vermarktung des Films von der Veröffentlichung eines Albums mit den Liedern des fiktiven Popstars, eingesungen von der Hauptdarstellerin Hathaway höchstpersönlich – was soll da schon schiefgehen? Leider so einiges.
Regisseur David Lowery, der auch für das Drehbuch verantwortlich ist, hat zwar immer wieder originelle Ideen, scheitert aber letztlich daran, diese in einem dramaturgisch schlüssigen Bogen zusammenfinden zu lassen.
Dabei fängt »Mother Mary« durchaus vielversprechend an. Nach einer Ouvertüre, in der ein düsterer Monolog die Vehemenz des Bruchs zwischen den beiden Protagonistinnen verdeutlicht und eine Konzertszene in die kühle, blaue, sphärische Popwelt der titelgebenden Sängerin einführt, kreuzt diese völlig abgekämpft in der Dunkelheit eines nächtlichen Unwetters vor einem britischen Anwesen auf. Dieses gehört der Modeschöpferin Sam Anselm (Michaela Coel), Mother Marys ehemals bester Freundin, die als aufstrebende Designerin die charakteristische Ästhetik des Popstars entscheidend geprägt hat. Nun scheint sie, in ihrem einschüchternden Landgut aus schwerem Stein, auf dem Gipfel ihrer Karriere angekommen zu sein, während sich der Höhenflug Mother Marys offenbar seinem Ende zuneigt.
Denn die Musikerin ist erschöpft von all der Aufmerksamkeit, den Erwartungen und den Blicken, die auf ihr lasten – ihre Anhängern schreiben ihr die quasireligiöse Rolle einer Göttin der Popmusik zu, die sie mit ihrer Inszenierung als Heiligengestalt auch selbst bedient. Und sie wird geplagt von Schuldgefühlen über falsche Entscheidungen, die sie getroffen hat und zu denen offenbar der Bruch mit Sam gehört, dessen Umstände der Film im Unklaren belässt. Die vielbeschäftigte Sam reagiert zunächst abweisend auf Marys verzweifelte Bitte, ihr ein besonderes Kleid für ihren letzten großen Auftritt zu entwerfen – ein »absolutes« Kleid, in dem ihre ganze Karriere zu sich selbst kommen und zugleich aufgehoben werden soll. Erst als der Weltstar wortwörtlich zu Kreuze kriecht, lässt Sam sich – weiterhin mit subtiler Feindseligkeit – auf das Vorhaben ein.
Bis zu diesem Punkt erinnert die Regiearbeit David Lowerys atmosphärisch und ästhetisch an schwarzhumorige britische Thriller und vermag durchaus Neugierde darauf zu wecken, welche Untiefen sich im Zuge dieser ungewöhnlichen Zusammenarbeit auftun, was über die Vergangenheit und den großen Bruch der einstigen Freundschaft bekannt wird, weshalb Mother Mary ihre Karriere beenden möchte und ob das Entwerfen des Kleids ein Akt der Versöhnung oder der Rache sein wird. Mit den ersten Arbeitsschritten – der Auswahl der Stoffe, dem Maßnehmen – in der steinernen, wuchtigen Scheune, die Sam als Atelier dient, nimmt auch der Film an Fahrt auf, und wie jene schöpferische Zusammenarbeit mit der unversöhnlichen Auseinandersetzung über die Verletzungen der Vergangenheit korrespondiert, macht Lust auf mehr.
An sich selbst berauschter Ästhetizismus
Doch leider gerät »Mother Mary« immer tiefer in einen an sich selbst berauschten Ästhetizismus und beschäftigt sich lieber mit übernatürlichen Elementen und ausufernder Symbolik, als sich in die Niederungen der Figurenentwicklung zu begeben. Es bleibt seltsam unklar, woran Mary derart leidet und weshalb Sam so verhärtet auftritt. Zur Identifikation lädt daher keine der beiden Protagonistinnen ein, als Persiflage erfolgreicher Kreativer taugen sie aber ebenso wenig – dazu fehlt es dem Drehbuch an Humor und Doppeldeutigkeit. Die wenigen Stellen, an denen »Mother Mary« dann doch ironisiert – wenn etwa die Sängerin auf Sams ausschweifende Vorwürfe erwidert, die ständigen Metaphern seien ermüdend, und damit unweigerlich zugleich das Drehbuch kommentiert – wirken deshalb seltsam deplatziert.
Lowery, der auch für eben dieses Drehbuch verantwortlich zeichnet, hat zwar immer wieder originelle Ideen, scheitert aber letztlich daran, diese in einem dramaturgisch schlüssigen Bogen zusammenfinden zu lassen. Statt auf Reduktion und Entwicklung konzentriert sich »Mother Mary« auf Rausch und Bilderflut und versteigt sich dabei so weit in einen surrealistischen Symbolismus, dass man zeitweise jedes Interesse an dem Gezeigten verliert. Dass Lowery seine beiden Protagonistinnen – die es in ihrem jeweiligen Metier immerhin zu Weltruhm gebracht haben – um eine Konfliktgeschichte bringt und sie stattdessen auf ihre Emotion festschreibt, mag man dramaturgisch fragwürdig finden. In Verbindung mit jenem abgedroschenen Mystizismus, der durch Totenanrufung und übersinnliche Visionen beschworen wird, setzt sich Figurenzeichnung zumindest auch dem Verdacht einer gewissen Misogynie aus.
Auf jeden Fall aber handelt es sich dabei um eine Verschwendung schauspielerischen Potentials. Michaela Coel verkörpert Sam mit einer so energischen Erhabenheit, dass sie zu einer großen Darstellung der Gegenspielerin aufgelaufen wäre – hätte das Drehbuch ihr die Gelegenheit dazu gegeben. So aber klingt in ihrem Spiel ein Anspruch an, dem »Mother Mary« nicht gerecht wird – und den sie hoffentlich bei Zeiten in einem anderen Film erfüllen darf.
Verständnis von ästhetischer Transzendenz
Anne Hathaway wiederum mangelt es gewiss nicht an anderen Gelegenheiten, doch in diesem Film bleibt auch sie – trotz Gesangseinlagen – in der durchweg leidenden Darstellung hinter ihren Möglichkeiten zurück. Charakteristisch bleibt eine Szene, in der Mary den Tanz zu ihrem letzten großen Song ohne musikalische Begleitung darbietet, weil Sam ihre Musik nicht hören möchte – auch der Film verdammt Hathaways Darstellung zur Eindimensionalität, weil er sich an Mother Marys Leid ergötzt, anstatt sich für sie zu interessieren.
Insgesamt drängt sich der Eindruck auf, dass Lowery durch überladene Metaphorik, ausschweifende Exkurse ins Übernatürliche und einen Ästhetizismus, der weder für Figuren noch für Handlung Platz lässt, die Schwächen seines Drehbuchs zu kaschieren versucht. Von »Mother Mary« bleibt so vor allem eine Bildwelt, die von den religiös stilisierten Auftritten der Sängerin mit dem Heiligenschein bis zu Anleihen beim Horrorfilm reicht, wenn die Protagonistinnen sich den Stoff für das große Kleid wortwörtlich aus dem Fleisch schneiden – aber auch die bleiben, wie die ironischen Spitzen, derart sparsam gesetzt, dass sie eher verwirren, als dem Film zu dienen. Hier schmort eine Regiearbeit im Saft der eigenen Visionen, anstatt nach Überschreitung und Aufhebung zu streben – was umso ärgerlicher ist, als der Film in seiner Idee eines absoluten Kleids durchaus ein Verständnis von ästhetischer Transzendenz anklingen lässt.
Anscheinend war Lowery seines Erfolges aufgrund der hochkarätigen Beteiligten so gewiss, dass nötige Reduktionen vermieden wurden und er sich mit einem dramaturgischen Chaos zufriedengab, das vielleicht als Materialsammlung für Trailer und Clips zu gebrauchen ist – aber eben eher eine Abfolge von Bildern bleibt, als wirklich zum Film zu werden. In letzter Konsequenz drängt sich die Frage auf, ob wirklich Mother Marys Album die Veröffentlichung des Films begleiten soll oder man es vielmehr umgekehrt mit dem neuen Phänomen eines Werbefilms für das Album einer fiktiven Popmusikerin zu tun hat – im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz eine ebenso deprimierende wie realistische Vorstellung.
Mother Mary (USA/Deutschland 2026). Buch und Regie: David Lowery. Darsteller: Anne Hathaway, Michaela Coel, Hunter Schafer, Kaia Gerber, Sian Clifford, FKA Twigs