21.05.2026
Bei der Fußball-WM in Nordamerika droht Fans und Hoteliers ein Fiasko

Mediale Feldzüge

Bei der im Sommer anstehenden Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada zeichnen sich jetzt schon etliche Probleme ab. Der Boykottaufruf eines ehemaligen Fifa-Präsidenten ist nur eines davon.

Es war ein Frontalangriff mit beabsichtigtem Foulspiel. »Die Fifa ist im Moment eine Diktatur«, sagte der ehemalige Präsident des Weltfußballverbands Fifa, Joseph Blatter, Mitte Mai in einem Interview mit dem ZDF. »Alles, was der Präsident sagt, wird gemacht. Und alles andere wird zum Schweigen gebracht«, legte der 90jährige Schweizer nach und ließ nicht nur seinen Amtsnachfolger, Gianni Infantino, schlecht dastehen. Der gesamte Weltverband sei keine »respektable Organisation« mehr und der Präsident rede »nur noch mit Staatschefs, reist mit Jets um die Welt und hat vergessen, dass die Essenz der Fifa das Spiel ist«. Sein Fazit: »Am Kopf ist es nicht gut.«

Der mediale Feldzug des ehemaligen Fußballfunktionärs gegen seinen Nachfolger kommt nicht überraschend, das Verhältnis der beiden Männer, die sich als Spielführer des Weltfußballs gerieren, gilt als ex­trem angespannt. Medien zufolge kommuniziert Blatter mit Infantino nur noch »via Anwälte«. Schon Anfang des Jahres hatte sich Blatter zu Wort gemeldet und in sozialen Medien den Boykottaufruf des Strafrechtlers und ehemaligen Fifa-Kommissionspräsidenten Mark Pieth verbreitet. »Wenn wir jetzt alles zusammennehmen, worüber wir geredet haben, gibt es für die Fans nur einen Rat: Bleibt weg von den USA!« sagte der Antikorruptionsexperte Pieth in einem Interview. »Ihr seht es am Fernseher sowieso besser.«

Der Hintergrund ist ein äußerst ernster: »Bei der Einreise müssen Fans damit rechnen, dass sie, wenn sie den Beamten nicht gefallen, direkt in dem nächsten Flieger nach Hause geschickt werden«, sagte Pieth weiter. Die Debatte über einen Fanboykott der Fußball-WM im Sommer nahm damit erst so richtig Fahrt auf. »Ich denke, Mark Pieth hat recht damit, diese WM in Frage zu stellen«, sekundierte Blatter auf X und heizte damit die Diskussionen weiter an.

Andreas Engelmann von der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen rät ganz allgemein dazu, »die Fifa-WM zu boykottieren und nicht das Team der BRD zu unterstützen«.

»Sollte man aus wichtigen Gründen in die USA einreisen müssen, kann man, mit rechtzeitigem Vorlauf, alle Social-Media-Accounts auf einen privaten Modus stellen, aus sensiblen Chatgruppen austreten und die Social-Media-Accounts auf Geräten, mit denen man einreist, ausloggen«, erklärte Andreas Engelmann von der Vereinigung Demokratischer Juristinnen und Juristen (VDJ) der Jungle World. Spezifische Tipps für die Einreise von deutschen Fans habe man nicht. Es sei dem VDJ bisher auch unbekannt, ob »die von dem Fifa-Funktionär beschriebenen Willkürmaßnahmen die Schwelle des Einzelfalls bereits überschritten haben«. Engelmann selbst rät ganz allgemein dazu, »die Fifa-WM zu boykottieren und nicht das Team der BRD zu unterstützen«.

Fans der WM-Teilnehmer Iran und Haiti könnten womöglich wegen einer Einreisesperre der USA gegen ihre Herkunftsländer sowieso nicht zu Spielen in den Vereinigten Staaten reisen. Für Anhänger der Elfenbeinküste und des Afrika-Meisters Senegal könnte sich die Einreise aufgrund von Beschränkungen zumindest schwierig gestalten. Die Kaution von 15.000 US-Dollar, die Einreisende aus bestimmten Ländern hinterlegen müssen, soll der Nachrichtenagentur Associated Press zufolge aber für Fußballfans mit einem gültigen Ticket entfallen.

Die Bürgerrechtsorganisation American Civil Liberties Union (ACLU) listet in einer Stellungnahme mehrere Risiken für USA-Reisende auf. So müssten die Schlachtenbummler mit einer willkürlichen Einreiseverweigerung, mit »Festnahme, Inhaftierung und Abschiebung« sowie mit Kontrollen ihrer elektronischen Geräte und Konten in Online-Netzwerken rechnen.

Warnung vor »grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung bis hin zum Tod«

Die Nichtregierungsorganisation warnt vor der »gewaltsamen und verfassungswidrigen Durchsetzung« der US-amerikanischen Einwanderungsgesetze sowie vor »grausamer, unmenschlicher oder erniedrigender Behandlung bis hin zum Tod« im Gewahrsam der US-Einwanderungsbehörde ICE. Der Leiter der WM-Task-Force in der US-Regierung, Andrew Giuliani, sagte zu den Einreiseformalitäten, die Sicherheit stehe bei der Fußball-WM an erster Stelle: »Jede Visumsentscheidung ist eine Entscheidung zur nationalen Sicherheit.«

Die Ungewissheiten bei der Einreise trüben auch die Prognosen der Hotelbranche. Das Großereignis, das vom 11. Juni bis zum 19. Juli stattfindet, sollte als fest eingeplanter Touristenmagnet Einnahmen in die Kasse spülen. Doch sind der American Hotel and Lodging Association (AHLA) zufolge die Hotelbuchungen bisher deutlich hinter den Prognosen zurückgeblieben. In der Branche gilt das Event derzeit als »Nichtereignis«.

Ein Grund für die mangelnde Nachfrage sind die Ticketpreise. Der Weltfußballverband will bei der diesjährigen Weltmeisterschaft so richtig abkassieren. »Das Budget für 2026 wird im Zusammenhang mit der WM neue Höchststände erreichen«, frohlockt die Fifa in ihrem aktuellen Etat. Man rechnet mit Einnahmen von fast neun Milliarden US-Dollar. Allein drei Milliarden Dollar sollen aus dem Verkauf von Tickets und VIP-Paketen kommen – eine Verdreifachung im Vergleich zur vorherigen Weltmeisterschaft.

Ein Hilfsmittel dabei ist – neben den hohen Anfangspreisen – die dynamische Preisgestaltung der Tickets. Dabei orientiert sich die Höhe des Preises nach der Nachfrage. Auf die Preisgestaltung angesprochen, reagierte die Fifa mit einem lapidaren Verweis. »Das gewählte Preismodell« orientiere sich »an der gängigen Praxis in den Gastgeberländern bei großen Unterhaltungs- und Sportveranstaltungen«.

Fanvertreter laufen Sturm

Die Absurdität des gesamten Unterfangens wird angesichts der vom Weltverband selbst eingerichteten Weiterverkaufsplattform deutlich. Dort können Fans ihre bereits erworbenen Karten an andere Fußballfans veräußern – mit Gewinn selbstverständlich. Derzeit werden auf dem Portal die billigsten Karten bei den Gruppenspielen, nämlich jene für 60 Dollar, für ein Vielfaches angeboten. Zum Beispiel werden über 900 Dollar für ein Gruppenspiel in Miami gefordert oder 626 Dollar für eines in Dallas. Tickets für das Finale der Weltmeisterschaft werden auf der Weiterverkaufsplattform der Fifa zum Preis von jeweils knapp 2,3 Millionen Dollar (1,9 Millionen Euro) zum Verkauf feilgeboten.

Daran gibt es viel Kritik. »Was bei der Fifa gerade passiert mit den Preisen für die Weltmeisterschaft in den USA, das lehne ich total ab«, lässt sich sogar der Ehrenpräsident des FC Bayern München und verurteilte Steuerhinterzieher Uli Hoeneß in der FAZ zitieren. Der Weltfußballverband sieht hingegen keine Probleme. Die eigene Plattform wird als ein sicheres Angebot an die Fans verbrämt. Zu den auf der Plattform außerdem erhobenen Gebühren teilte die Fifa mit: Dies sei notwendig, um Ticketkäufer anzuregen, »zweimal nachzudenken, bevor sie ihre Tickets möglicherweise auf dem Zweitmarkt anbieten«.

Internationale Fanvertreter laufen dagegen Sturm. Die Ticketbörse sei nichts anderes als ein organisierter Schwarzmarkt, kritisiert beispielsweise Ronan Evain vom europäischen Fanbündnis Football Supporters Europe im Gespräch mit der »Sportschau«. Er argumentiert: »Die Aufgabe der Fifa ist es, den Markt zu regulieren, und nicht, jede sich bietende Möglichkeit der US-Gesetzgebung auszunutzen, um die eigenen Gewinne zu maximieren.«

Angekündigt als klimaneutrale Veranstaltung, dürften sich bei dieser Weltmeisterschaft im Vergleich zum Durchschnitt der vorherigen vier Endrunden die Treibhausgasemissionen fast verdoppeln.

Aber es gibt auch noch ganz andere Probleme: Die prognostizierte Umweltbelastung durch das Turnier ist nach Berechnungen der britischen Organisation Scientists for Global Responsibility (SGR) eine absolute Katastrophe. Angekündigt als klimaneutrale Veranstaltung, dürften sich bei dieser Weltmeisterschaft im Vergleich zum Durchschnitt der vorherigen vier Endrunden die Treibhausgasemissionen fast verdoppeln.

Ein simpler Grund dafür ist die Erweiterung des Turniers von 32 auf 48 Mannschaften. Ein weiterer sind die großen Distanzen zwischen den verschiedenen Spielstätten in Nordamerika, die häufig mit Flugzeugen zurückgelegt werden müssen. »Bedingt durch eine starke Abhängigkeit vom Flugverkehr und eine deutliche Zunahme der Anzahl der Spiele« werde die Weltmeisterschaft mehr als neun Millionen Tonnen CO2-Äquivalente produzieren, teilten die Wissenschaftler nach Angaben der BBC mit. Bei dem vorherigen Fußballturnier in Katar wird der Ausstoß auf etwa 5,25 Millionen Tonnen geschätzt.

Erst 2021 – im Rahmen der UN-Klimakonferenz in Glasgow – hatte sich die Fifa verpflichtet, ihre Emissionen bis 2030 um 50 Prozent zu reduzieren und bis 2040 netto auf null zu senken. Diese Ziele liegen in weiter Ferne. Die Swiss Fairness Commission, eine unabhängige Institution der Kommunikationsbranche zum Zweck der Selbstkontrolle, kam zu dem Ergebnis, dass die Fifa falsche Behauptungen über die Treibhausemissionen bei der Weltmeisterschaft 2022 in Katar getätigt habe. Damals hatte der Weltverband mit der ersten »vollständig CO2-neutralen WM« geworben. Nach Ansicht der Schweizer Commission konnte die Fifa dafür keine ausreichenden Belege vorweisen.

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