Kein Platz im Kaffeehaus
Der Eurovision Song Contest (ESC) geht schon lange nicht mehr als unpolitisches Fest der Popkultur, der Vielfalt und europäischen Offenheit durch. Tatsächlich ist der Wettbewerb seit Jahren eine Bühne politischer Konflikte – insbesondere dann, wenn Israel teilnimmt. Auch in Wien zeigte sich dieses Jahr rund um den ESC erneut, wie schnell aus antiisraelischem Aktivismus ein Klima wird, in dem jüdische und israelische Präsenz nicht mehr als selbstverständlich gilt. Proteste, Boykottforderungen und aggressive Stimmungsmache begleiteten die Veranstaltung über Tage hinweg.
Schon vor dem ESC kursierten in sozialen Medien Videos brennender Israel-Flaggen und Boykottaufrufe gegen die israelische Delegation. In der Wiener Innenstadt tauchten Plakate mit Parolen wie »Boycott Zionism« auf, dazu Graffiti und Sticker, die Israel des »Genozids« beschuldigten. Mehrere Demonstrationen richteten sich ausdrücklich gegen die Teilnahme des Landes am Wettbewerb. Selbst aus dem ESC-Umfeld kamen Boykottforderungen. Der österreichische Vorjahressieger Johannes Pietsch, Künstlername JJ, sprach sich öffentlich gegen eine Teilnahme Israels aus und relativierte seine Aussagen erst nach deutlicher Kritik aus Politik und Öffentlichkeit.
In der Wiener Innenstadt tauchten Plakate mit Parolen wie »Boycott Zionism« auf, dazu Graffiti und Sticker, die Israel des »Genozids« beschuldigten.
Zum Song Contest selbst sollten schließlich bekannte Wiener Cafés die Patenschaft über Teilnehmerländer übernehmen. Im April hatten der Rundfunksender ORF, das Unternehmen Echo-Medienhaus und der Kaffeehausbesitzerverein Wiener Kaffeesieder den Teilnehmerländern per Los ihr jeweiliges Partnercafé zugeteilt, alles durchaus bekannte Alt-Wiener Cafés. Deutschland landete beispielsweise im »Café Hummel«, Schweden im »Café Mozart«. Am Ende hatte nur ein Land keine Herberge: Israel.
Wie das passieren konnte, darüber gibt es unterschiedliche Versionen. Die höheren Sicherheitsauflagen spielten wohl eine Rolle. Beschämend war es allemal. »Ein Wien ohne Kaffeehaus für die israelische ESC-Delegation und ihre Fans schafft sich ab! Und es wäre nicht einmal schade um dieses Wien«, schrieb der Autor und ehemalige Bezirksrat der Sozialdemokratischen Partei Österreichs (SPÖ) Wien, Götz Schrage, auf Facebook.
Der Vorfall löste in der jüdischen Gemeinde starke Reaktionen aus und wurde auch in Israel diskutiert. Schließlich erklärte sich die »MQ-Kantine« im Kulturareal Museumsquartier – eher urbanes Szenelokal als klassisches Wiener Kaffeehaus – bereit, als ESC-Fancafé für Israel einzuspringen. Ihre Betreiberin Lisa Wegenstein sprach danach offen über die heftigen Anfeindungen, denen sie seitdem ausgesetzt war. Bereits kurz nach Beginn der Veranstaltung wurden Toiletten mit israelfeindlichen Parolen beschmiert, in sozialen Medien folgten Drohungen und Beschimpfungen. Die Polizei musste danach sämtliche Veranstaltungen dort schützen.
Eine jüdische Veranstaltung galt als zu riskant
Gleichzeitig genehmigten die Behörden eine antiisraelische Protestveranstaltung direkt gegenüber der »MQ-Kantine«, auf dem Maria-Theresien-Platz. Dort versammelten sich Aktivisten unter dem Motto »No Stage for Genocide«. Palästina-Flaggen, Sprechchöre und lautstarke Proteste prägten das Bild. Zu hören waren von der Bühne aus auch Parolen wie »Death to the IDF«. Dass eine derart aufgeheizte Kundgebung direkt neben einem jüdisch-israelischen Veranstaltungsort stattfinden konnte, blieb vielen Beobachtern unverständlich.
Die Sicherheitslage wirkte sich auch auf jüdische Studierende aus. Die Jüdischen österreichischen Hochschüler:innen (JöH) wollten, wie auch in den Jahren zuvor, ein public viewing auf dem Campus veranstalten. Das Vorhaben musste jedoch abgesagt werden. In ihrer Stellungnahme teilten die JöH mit, man habe von Behörden wiederholt signalisiert bekommen, eine öffentliche Ausstrahlung sei aufgrund der Sicherheitslage derzeit nicht ausreichend zu schützen. Für viele jüdische Studierende war das ein alarmierendes Signal: Während der ESC offiziell unter dem Zeichen von Offenheit und Diversität stand, galt ausgerechnet eine jüdische Veranstaltung als zu riskant.
Schließlich fand das public viewing vor rund 100 Leuten im Rahmen einer Solidaritätskundgebung der JöH statt, um so das public viewing durch die Polizei schützen zu lassen.
Wiens lange Geschichte des Antisemitismus
Die Entwicklung ist keineswegs losgelöst von der politischen Stimmung in Österreichs Hauptstadt zu betrachten. Wien besitzt eine lange Geschichte des Antisemitismus – von Karl Luegers politischer Agitation im späten 19. Jahrhundert bis zur begeisterten Beteiligung vieler Wiener an den nationalsozialistischen Novemberpogromen. Auch heutzutage registriert die Antisemitismus-Meldestelle der Israelitischen Kultusgemeinde Jahr für Jahr steigende Zahlen antisemitischer Vorfälle in Wien, die sich häufig in antiisraelischer Form artikulieren.
Die erhitzte Stimmung zeigte sich auch bei einem offiziellen ESC-Fest in der Innenstadt. Eine kleine Gruppe propalästinensischer Aktivisten störte dort die Reden von Bürgermeister Michael Ludwig (SPÖ) und Außenministerin Beate Meinl-Reisinger von der liberalen Partei Neos mit Trillerpfeifen, Zwischenrufen und »Genozid«-Rufen. Ludwig reagierte ungewöhnlich scharf. Mit Blick auf die enormen Sicherheitsvorkehrungen rund um den ESC verlautbarte er in Richtung der Demonstrierenden: »Wir lassen uns hier nicht wegterrorisieren!« Und weiter: »Das ist nicht unser Wien.«
»Beim ESC wird gerne betont, dass man gegen jede Form von Diskriminierung steht – wenn es aber um Antisemitismus geht, wird oft geschwiegen, relativiert oder geleugnet«, sagte Philipp Kothe, der Bundessprecher der österreichischen Grünen Jugend.
Am Samstagnachmittag sollte dann die größte Demonstration gegen die Teilnahme Israels beim ESC stattfinden. Unter dem Motto »Keine Bühne für den Völkermord« zogen etwa 2.000 Teilnehmerinnen und Teilnehmer Richtung Austragungsort, deutlich weniger als ursprünglich angekündigt.
Ein Zeichen gegen Boykott- und Ausschlussforderungen setzte die Grüne Jugend mit einer Banneraktion gegenüber der israelischen Delegation. »Beim ESC wird gerne betont, dass man gegen jede Form von Diskriminierung steht – wenn es aber um Antisemitismus geht, wird oft geschwiegen, relativiert oder geleugnet«, sagte Philipp Kothe, der Bundessprecher der Grünen Jugend, in einer Pressemitteilung. Österreich trage eine besondere historische Verantwortung, sich jeder Form von Antisemitismus entgegenzustellen. Gegen den »grassierenden antizionistischen Boykott-Wahnsinn« protestierten auch die Gruppen »Bündnis gegen Antisemitismus« und »Artists Against Antisemitism Wien« am Urban-Loritz-Platz mit einer Kundgebung und einem Informationsstand, um ein »Zeichen für Gastfreundschaft und Solidarität« zu setzen.
Bemerkenswert blieb am Ende vor allem der Kontrast zwischen öffentlichen antiisraelischen Protesten und Zuschauerreaktionen. Trotz der vielen Demonstrationen und der Stimmungsmache in den sozialen Medien erhielt Israel beim Publikumsvoting breite Unterstützung und belegte den zweiten Platz. Offenbar wollten viele Zuschauer den Versuch politischer und kultureller Ausgrenzung nicht mittragen.