Likes für Antisemitismus
Um Juden zu schikanieren, war der Teenager Harry Marsh, auf Youtube bekannt als »Penofein«, mehrmals von Sussex, wo er lebt, nach Stamford Hill gefahren. Dort im Norden Londons leben Zehntausende Juden, darunter die wohl größte chassidische Gemeinschaft Europas.
Schon Ende des 19. Jahrhunderts waren zahlreiche Juden aus dem East End in die damals ländliche Ortschaft gezogen, 1915 wurde dort die erste Synagoge eingeweiht. Das im eduardischen Stil erbaute Gebäude wurde 1987 an die Bobower Chassidim (benannt nach der polnischen Kleinstadt Bobowa) verkauft und heißt seither Chasidey Bobov D’Ohel Naphtali. Genau dort belästigte Marsh, wie eines seiner Videos zeigt, Betende und ließ auch nicht von ihnen ab, als er höflich darum gebeten wurde, sie in Ruhe zu lassen.
Andere Videos nahm er im nahegelegenen Golders Green auf, wo Ende April ein antisemitischer Terrorist zwei jüdisch aussehende Personen auf der Straße mit einem Messer angriff und schwer verletzte. Die ruhigen Vororte im Norden Londons sind so etwas wie Zentren der kleinen jüdischen Bevölkerung in England, es gibt dort Synagogen, koschere Geschäfte und jüdische Schulen. Männer und Frauen in erkennbarer chassidischer Kleidung gehören zum Straßenbild. Auf sie hatte es Marsh besonders abgesehen.
Das Youtuber-Duo »Dan & Ish« veröffentlichte zunächst Fitness-Content und harmlose Streiche, verlegte sich dann aber immer häufiger darauf, Juden zu belästigen und zu schikanieren.
Mehrere Videos zeigen ihn, wie er auf Bürgersteigen von ihm so genannte »Judenfallen« auslegt. Um das uralte antisemitische Klischee von der jüdischen Geldgier ins Bild zu setzen, legte er Kleingeld aus oder warf es hinter chassidischen Passanten her. Marshs Kalkül ging allerdings nicht auf, niemand bückte sich nach den Münzen, stattdessen wurde versucht, ihm und seiner Kamera auszuweichen. Zusätzlich versuchte er, Jüdinnen dazu zu bringen, ihm gegen Bezahlung ihre Handynummern zu geben. Die Frauen reagierten deutlich verängstigt. In den Kommentarspalten der Videos wurden Marshs Opfer später antisemitisch beleidigt und verhöhnt.
Der Tiktok-Account von Penofein, auf dem er 150.000 Follower hatte, wurde im April 2026 gelöscht, nachdem unter anderem die jüdische Nachbarschaftswache Shomrim auf sein Treiben aufmerksam gemacht hatte. Diese arbeitet eng mit der Polizei zusammen und sammelte Beweise für eine Anzeige gegen Marsh.
Auf Youtube und Instagram ist Penofein noch aktiv. Um der Sperrung wegen Hetze und Verbreitung von Hass zu entgehen, deklariert er seine Videos als »soziale Experimente« und hat die meisten der gegen Juden gerichteten Videos mittlerweile gelöscht. Sollte sein Account dort auch deaktiviert werden, heißt das aber schon lange nicht mehr, dass die Social-Media-Karriere vorbei ist. In der Regel setzt dann das ein, was mittlerweile mit dem Begriff platform hopping (in etwa: von Plattform zu Plattform hüpfen) umschrieben wird: Die Aktivitäten werden einfach auf andere Medien wie Telegram verlagert.
In eine Synagoge eingedrungen
Harry Marsh ist nicht der Einzige, der in London mit antisemitischen Videos Geld zu verdienen versucht. Die Metropolitan Police ermittelt derzeit auch gegen ein Youtuber-Duo namens »Dan & Ish«. Daniel Javanmard und Ismael Puga veröffentlichten zunächst Fitness-Content und harmlose Streiche, verlegten sich dann aber immer häufiger darauf, Juden zu belästigen und zu schikanieren. So fragten sie chassidische Männer auf der Straße beispielsweise, ob sie »Stingy J« (geiziger Jude) oder »Gas Boy« (früher: Tankwart, heute dagegen eine Anspielung auf die Gaskammern der Nazis) hießen, wie die Campaign Against Antisemitism Mitte April dokumentierte.
Vor Marsh, Javanmard und Puga gab es bereits andere, die mit antisemitischem Content Klicks generieren. 2023 war der britische Tiktoker Bacari-Bronze O’Garro, online bekannt als Mizzy, festgenommen und zu einer Geldstrafe verurteilt worden, nachdem er unter anderem an einer Bushaltestelle Bocksprünge über einen chassidischen Mann zu machen versucht hatte und dabei »Scheiß Juden« rief. Seine Opfer waren aber nicht nur Juden, er drang beispielsweise für seine Videos schon mal widerrechtlich in das Haus eines Mannes ein und ließ sich in dessen Wohnzimmer nieder oder kidnappte einen Hund.
2023 war der britische Tiktoker Bacari-Bronze O’Garro, online bekannt als Mizzy, festgenommen und zu einer Geldstrafe verurteilt worden, nachdem er unter anderem an einer Bushaltestelle Bocksprünge über einen chassidischen Mann zu machen versucht hatte und dabei »Scheiß Juden« rief.
Im Sommer 2023 wurde ein anderer Tiktoker gesperrt, der in Stamford Hill in eine Synagoge eingedrungen war und Leute belästigt hatte. In einem anderen Video zeigte er, wie er eine Moschee besuchte, angeblich um mehr über den Islam zu erfahren. In der Moschee verbreitete er dann jedoch antisemitische Hetze darüber, dass Juden auf Nichtjuden als wertlos hinabblicken würden.
Nicht nur recht junge Menschen versuchen, mit Judenhass in sozialen Medien Profit zu machen. Im November 2024 wurde die damals 40jährige Fiona Ryan zu einer mehrwöchigen Haftstrafe auf Bewährung verurteilt, weil sie in mindestens vier Fällen grobe antisemitische Hetze auf Tiktok betrieben hatte. Die Frau, die sich als »geopolitische Analystin« bezeichnete, setzte in ihren Videos aschkenasische Juden und Israelis mit den Nazis gleich, machte Witze über den Holocaust und behauptete, jüdische Ärzte würden medizinische Versuche an Kindern vornehmen. Nach ihrer Verurteilung postete sie zunächst weiter auf Social Media und behauptete unter anderem, Jesus sei Palästinenser gewesen und aus Weihnachten müsse ein palästinensisches Fest gemacht werden.
KI-generierte Rabbiner, die antisemitische Verschwörungslügen verbreiten
Ebenfalls eine große Gefahr geht von einem rein virtuellen Phänomen aus: KI-generierte Rabbiner, die antisemitische Verschwörungslügen verbreiten. Die Autorität ausstrahlenden Kunstfiguren werden als jüdische religiöse Ratgeber präsentiert, die Lebensweisheiten mit ihren Followern teilen, bestätigen dabei jedoch in millionenfach auf Social Media angeklickten Clips, dass uralte Vorurteile über Juden angeblich der Wahrheit entsprächen.
Bis Mai 2026 wurden allein auf Instagram 40 Accounts gelöscht, die auf Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch und Deutsch derartige Videos verbreitet hatten. Auch bei Tiktok und anderen großen Plattformen sind solche virtuellen Rabbiner verbreitet. Sie wirken auf den ersten Blick authentisch und glaubwürdig und werden dadurch von unbedarften Nutzern als echte Rabbiner wahrgenommen. Die NGO Combat Antisemitism warnt: »Antisemitismus verschwindet nicht, er passt sich an und nimmt neue Formen an. Ohne kontinuierliche Überwachung und schnelle Reaktion werden diese falschen Identitäten die Feindseligkeit gegen die jüdischen Gemeinschaften verstärken, die in reale Gewalt mündet.«