14.05.2026
Die Antisemitismus-­Skandale der Green Party haben ihr nicht geschadet

Grüner Judenhass

Die Green Party in Großbritannien hat bei den Kommunalwahlen in London unter ihrem neuen Vorsitzenden Zack Polanski einen Achtungserfolg erzielt. Diverse Antisemitismusskandale konnten der Zustimmung keinen Abbruch tun.

»Nimm, und lass den Teufel dir’s bezahlen.« So heißt es in Christopher Marlowes »The Tragical History of Doctor Faustus« aus dem späten 16. Jahrhundert. Diesem Motto folgten die britischen Grünen, die seit vergangenem Jahr von einem Wahlerfolg zum nächsten eilen, und nahmen die Stimmen und das Personal von Linksliberalen, aber auch von der antizionistischen Linken und Islamisten in Großbritannien auf. Da für dieses Milieu die Labour Party unwählbar geworden war, weil sie Israel im Gaza-Krieg nicht in Bausch und Bogen verurteilt hatte, und Jeremy Corbyns antizionistisches Projekt namens Your Party sich durch den Konflikt zwischen Altlinken und Islamisten selbst zerlegt hat, bietet sich die Green Party den antiisraelisch gestimmten Wähler:innen an.

Vor den Kommunalwahlen in Großbritannien in der vergangenen Woche und in Hinblick auf judenfeindliche Angriffe im Vereinigten Königreich in den vergangenen Monaten haben Kandidat:innen der Grünen zahlreichen antisemitische Aussagen getroffen. Im Londoner Stadtteil Lambeth zog Saiqa Ali als Kandidatin der Green Party als Drittplatzierte in den Gemeinderat ein und das, obwohl ihre Parteimitgliedschaft zu dem Zeitpunkt bereits wegen einer ganzen Reihe offen antisemitischer Social-Media-Posts ausgesetzt worden war.

Einer Umfrage des Jewish Policy Report zufolge sehen 88 Prozent der britischen Juden und Jüdinnen Israel als das angestammte Heimatland der Juden.

So hatte sie am 26. August 2025 geschrieben, in Großbritannien seien »zionistische Juden in der Regierung überrepräsentiert, und es scheint, als läge ihnen Israel mehr am Herzen als England«. Am 30. April nahm die Metropolitan Police Ali und ihre Parteikollegin Sabine Mairey sogar wegen des Verdachts der »Anstiftung zum Rassenhass im Internet« zur Vernehmung in Gewahrsam. Mairey hatte zuvor auf Facebook ein Bild veröffentlicht mit dem Text: »Mit einem LKW in eine Synagoge zu rasen, ist kein Antisemitismus, sondern Rache.«

Noch höhere Wellen schlug der Fall von Tina Ion, die einem Bezirk von Newcastle kandidiert hatte. Ihr wird vorgeworfen, seit 2025 auf der Social-Media-Plattform Threads unter dem Pseudonym »The Real Anne Frank« antisemitische Hetze zu verbreiten. Über den Account wurden Zionisten unter anderem als »Ungeziefer« und »geldgierige Diebe« beschimpft und die Vertreibung von Juden aus Israel gefordert. Philip Brookes, der im Ostlondoner Wahlkreis Manor Park für die Green Party kandidierte, beschrieb auf Facebook Israels jüdische Bevölkerung als einen »Haufen Polen, Russen und Ungarn, die seit 76 Jahren Palästinenser töten«.

Die Reaktion der Green Party auf diese Vorfälle war hilflos und alles andere als einheitlich. Viele taten die Antisemitismusvorwürfe vor der Kommunalwahl als Schmutzkampagne gegen die Partei ab. Im Fall Ion jedoch suspendierte die Partei ihre Unterstützung der Kandidatin aufgrund ihrer antisemitischen Äußerungen. In anderen Fällen wurden die Kritisierten lediglich angehalten, ihre Social-Media-Posts zu löschen. Alle Kandidat:innen blieben jedoch für die Wahl am 7. Mai auf dem Wahlzettel stehen. Ion hatte in Newcastle keinen Erfolg. Mohammed Suleman, ein anderer Grünen-Kandidat, von dem sich die Partei in letzter Minute ebenfalls aufgrund antisemitischer Posts distanziert hatte, wurde dort hingegen in den Stadtrat gewählt.

Parteichef Zack Polanski wirkt unbeholfen

Einem Bericht der Times zufolge riet der stellvertretende Parteivorsitzende Mothin Ali den Beschuldigten, gegen die Suspendierungen juristisch vorzugehen – eine beispiellose Rebellion innerhalb der grünen Parteiführung, die bis jetzt keine Konsequenzen nach sich gezogen hat. So oder so scheinen die Suspendierungen kaum einen Effekt gehabt zu haben. Vor der Wahl wurde wiederholt berichtet, dass suspendierte Mitglieder weiter am Wahlkampf beteiligt und zusammen mit anderen Grünen-Kandidaten aufgetreten seien.

Der Parteivorsitzende Zack Polanski wirkt unbeholfen. Er ist erst seit sieben Monaten Parteivorsitzender, hat die britischen Grünen jedoch in ihre bisher erfolgreichste Phase geführt. Unter Polanski, der sich als »Ökopopulist« bezeichnet, stieg die Zahl der Parteimitglieder von 60.000 auf über 220.000. Dass die Medien sich dem Antisemitismus in der Green Party widmen, stellt nach den anfänglichen Höhenflügen nun die erste große Krise dar, der sich der Politiker stellen muss.

Polanski selbst ist Jude. Nachdem er zu Schulzeiten aufgrund seiner Herkunft und seiner Homosexualität gemobbt wurde, entschloss er sich mit 18 Jahren, seine jüdische Identität zu betonen, und änderte seinen Nachnamen von Paulden zu Polanski, dem Namen, den seit Großvater trug, als er aus Polen nach Großbritannien floh.

Polanski sagte kürzlich in einem Interview mit dem New Statesman, dass er in einer streng zionistischen Familie aufgewachsen sei, er habe sich jedoch in seinen Zwanzigern nach Kontakt mit jüdischen Sozialisten dem Antizionismus zugewandt. Polanski behauptet, er vertrete eine große Zahl britischer Juden, die Israel nicht unterstützen. Diese Einschätzung geht an der Realität vorbei. Einer Umfrage des Jewish Policy Report aus dem Jahr 2024 zufolge lehnt eine große Mehrheit der britischen Juden und Jüdinnen die Politik von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu ab, 88 Prozent schätzen Israel aber als das angestammte Heimatland der Juden und 77 Prozent geben an, sich diesem Land emotional verbunden zu fühlen.

Dass es Antisemitismus in Großbritannien und in seiner Partei gibt, schien Polanski länger nicht wahrhaben zu wollen.

Polanski, der als Schauspieler und Hypnosetherapeut arbeitete, begann seine politische Karriere bei den Liberal Democrats. Während der antisemitischen Vorfälle in der Labour-Partei 2018, als Jeremy Corbyn noch Vorsitzender war, tweetete Polanski, dass er »als proeuropäischer Jude zwei Gründe habe, nicht für Corbyn zu stimmen«. Mittlerweile hat er sich für diesen Tweet bei Corbyn entschuldigt und sagt, er sei damals gegen Corbyn gerichteter »Propaganda« erlegen. Seit er Grünen-Vorsitzender ist, sagt Polanski auch, dass die Antisemitismusvorwürfe gegen Corbyn fingiert worden seien, um ihm zu schaden.

Dass es Antisemitismus in Großbritannien und in seiner Partei gibt, schien Polanski länger nicht wahrhaben zu wollen. Noch nachdem am 23. März vier Krankenwagen des jüdischen Rettungsdienst Hatzolah in London angezündet worden waren, hatte Polanski in einem Interview mit der israelischen Tageszeitung Haaretz am 21. April gesagt, man müsse darüber sprechen, »ob es sich um ein Gefühl der Unsicherheit handelt oder um tatsächliche Unsicherheit«, wobei er beides als »inakzeptabel« verurteilte.

Acht Tage später wurden zwei jüdische Männer im Londoner Stadtteil Golders Green Opfer einer Messerattacke. Polanskis Reaktion darauf bestand in einem Retweet auf X am Folgetag, der die Metropolitan Police der übermäßigen Gewaltanwendung bei der Festnahme des Angreifers beschuldigte. Polanski entschuldigte sich für den Post, nachdem Mark Rowley, der Leiter der Metropolitan Police, ihn öffentlich kritisiert hatte.

Es scheint, als hätten die Vorwürfe des Antisemitismus den britischen Grünen bisher kaum schaden können. Die Partei kam bei den Wahlen auf durchschnittlich 17 Prozent und konnte der Labour-Partei, die insgesamt schwach abschnitt, die Bürgermeisterämter in den Londoner Stadtteilen Hackney und Lewisham abspenstig machen.