Tod in Stammheim
Die öffentliche Erinnerung an den Tod Ulrike Meinhofs ist durch Stefan Aust geprägt. Seine Spiel- und Dokumentarfilme über die RAF zeigen, wie Meinhof von Andreas Baader und Gudrun Ensslin über lange Zeit gemobbt und gedemütigt worden ist, was sie in den Tod getrieben habe. Für einen rüden Umgang mit Meinhof kann Aust also Belege bieten.
Dennoch kommt Stephanie Bart, die ihren RAF-Roman »Erzählung zur Sache« zu Gudrun Ensslin sorgfältig recherchierte, zu einem anderen Bild: Im Frühjahr 1976 habe es eine tiefe Krise zwischen Meinhof und Ensslin gegeben, die aber sei Mitte März 1976 ausgestanden und danach die Zusammenarbeit an neuen Prozessanträgen wieder ähnlich intensiv gewesen wie schon Ende 1975 bei der gemeinsamen Arbeit von Meinhof, Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe an ihrer »Erklärung zur Sache«: ein Manuskript von 194 Schreibmaschinenseiten, das von den Stammheimer Angeklagten im Januar 1976 über volle zwei Prozesstage abwechselnd vorgetragen wurde.
Wo bei Peter Weiss die Auseinandersetzung mit Mythen Raum für kritische Reflexionen eröffnet, gehen bei Stephanie Bart mythisch-romantische Vorstellungen in Theorie ein.
So etwas passt nicht zu Austs auf persönliche Dramen und die Interaktion in der RAF konzentrierten Darstellungen – so kommt die ausführliche Prozesserklärung bei ihm auch kaum je vor. Im über 600 Seiten dicken Wälzer »Der Baader-Meinhof Komplex« widmet er ihr gerade einmal fünf Zeilen. Wer über Gründe für Meinhofs Suizid ernsthaft nachdenken will, hätte also politische Dokumente zu berücksichtigen, die Aust ausblendet.
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