Jungle+ Artikel 07.05.2026
50 Jahre nach dem Tod Ulrike Meinhofs – Kritik an den gängigen linken Darstellungen der RAF-Suizide

Tod in Stammheim

In der Nacht zum 9. Mai 1976 nahm sich Ulrike Meinhof im Gefängnis Stuttgart-Stammheim das Leben. Im Herbst 1977 folgten weitere Suizide von RAF-Gefangenen, die als Staatsmorde inszeniert wurden. Stephanie Barts Roman »Erzählung zur Sache« schildert die Tode als Morde. Ihre Romanfigur »Ensslin« träumt ihre Erhängung und äußert dabei Freude darauf, das eigene Begräbnis könne »Widerstand entfalten«. Für solche RAF-apologetischen Darstellungen beruft sich die Autorin auf Peter Weiss und dessen »Ästhetik des Widerstands« – zu Unrecht.

Die öffentliche Erinnerung an den Tod Ulrike Meinhofs ist durch Stefan Aust geprägt. Seine Spiel- und Dokumentarfilme über die RAF zeigen, wie Meinhof von Andreas Baader und Gudrun Ensslin über lange Zeit gemobbt und gedemütigt worden ist, was sie in den Tod getrieben habe. Für einen rüden Umgang mit Meinhof kann Aust also Belege bieten.

Dennoch kommt Stephanie Bart, die ihren RAF-Roman »Erzählung zur Sache« zu Gudrun Ensslin sorgfältig recherchierte, zu einem anderen Bild: Im Frühjahr 1976 habe es eine tiefe Krise zwischen Meinhof und Ensslin gegeben, die aber sei Mitte März 1976 ausgestanden und danach die Zusammenarbeit an neuen Prozessanträgen wieder ähnlich intensiv gewesen wie schon Ende 1975 bei der gemeinsamen Arbeit von Meinhof, Baader, Ensslin und Jan-Carl Raspe an ihrer »Erklärung zur Sache«: ein Manuskript von 194 Schreib­maschinenseiten, das von den Stammheimer Angeklagten im Januar 1976 über volle zwei Prozesstage abwechselnd vorgetragen wurde.

Wo bei Peter Weiss die Auseinandersetzung mit Mythen Raum für kritische Reflexionen eröffnet, gehen bei Stephanie Bart mythisch-romantische Vorstellungen in Theorie ein.

So etwas passt nicht zu Austs auf persönliche Dramen und die Interaktion in der RAF konzentrierten Darstellungen – so kommt die ausführliche Prozesserklärung bei ihm auch kaum je vor. Im über 600 Seiten dicken Wälzer »Der Baader-Meinhof Komplex« widmet er ihr gerade einmal fünf Zeilen. Wer über Gründe für Meinhofs Suizid ernsthaft nachdenken will, hätte also politische Dokumente zu berücksichtigen, die Aust ausblendet.

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