07.05.2026
In Indien protestieren prekär Beschäftigte gegen geringe Löhne

Kaum genug zum Leben

In den Industriegebieten rund um Neu-Delhi sind Zehntausende Beschäftigte auf die Straße gegangen. Steigende Lebenshaltungskosten als Folge des Iran-Kriegs, geringe Löhne und prekäre Arbeitsverhältnisse treiben den Protest an.

Fabrikfenster wurden eingeschlagen, Motorräder brannten, Arbeiterinnen und Arbeiter sammelten sich zu Tausenden auf den Straßen: Anfang April kam es in den Industriegebieten rund um die indische Hauptstadt Neu-Delhi zu Protesten. »Erhöht die Löhne entsprechend unserer Arbeit!« riefen die Demons­trierenden. Gemeint war damit nicht nur eine Lohnerhöhung, sondern etwas Grundsätzlicheres: Der Arbeitslohn müsse zum Leben reichen. Viele Beschäftigte mit prekären Verträgen berichteten der BBC zufolge von ausbleibenden Zahlungen, unregelmäßig ausgezahlten Löhnen und Einkommen, die mit den steigenden Preisen nicht Schritt hielten.

Die Proteste begannen im Industrieort Manesar südwestlich von Neu-Delhi, wo sich zahlreiche Fabriken internationaler Zulieferer angesiedelt haben. Von dort aus weiteten sie sich im April auf weitere Industriestandorte in der Region aus. Laut Berichten der Nachrichtenagentur Reuters beteiligten sich über 40.000 Beschäftigte daran. In der Textilbranche beispielsweise legten Arbeiterinnen und Arbeiter des Exporteurs Richa Global Exports, eines Zulieferers internationaler Marken wie Calvin Klein und Superdry, die Arbeit nieder. Auch aus Elektronikfabriken im Großraum Delhi, darunter Produktionsstätten des südkoreanischen Konzerns Samsung Electronics, wurden Arbeitsniederlegungen gemeldet. Auffällig war die Breite des Streikgeschehens: Unter den Streikenden waren zahlreiche Frauen aus prekären Beschäftigungsverhältnissen, neben den Industriearbeiterinnen auch Hausangestellte, Plattformarbeiterinnen etwa in Liefer- und Fahrdiensten sowie Beschäftigte im häufig informellen Dienstleistungssektor, die für wohlhabendere Haushalte in der Metro­pole arbeiten.

In vielen Städten sind die Preise für Kochgas stark gestiegen, mitunter ist es nur noch auf dem Schwarzmarkt zum zehnfachen Preis erhältlich.

Die Unruhen sind zum Teil auf anhaltende Spannungen aufgrund der Blockade der Straße von Hormuz im Zuge des Iran-Kriegs und die erheb­liche Störung des internationalen Handels mit Öl und Gas zurückzuführen. Für Indien, das einen großen Teil seiner Energie aus dem Krisengebiet importiert, hat das direkte Folgen. In vielen Städten sind die Preise für Kochgas stark gestiegen, mitunter ist es nur noch auf dem Schwarzmarkt zum zehnfachen Preis erhältlich. Das Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) schätzt, dass etwa 2,5 Millionen Menschen in Indien unter die Armutsgrenze fallen könnten, sollte der Konflikt noch über acht Monate lang zu Störungen in Produktion und Handel führen.

Was das konkret bedeutet, zeigt sich im Alltag. Restaurants nehmen populäre Gerichte wie das crêpeähnliche Reismehlgericht Dosa von der Speisekarte, dessen Zubereitung viel Energie erfordert. Familien beginnen, Mahlzeiten umzustellen oder ganz ausfallen zu lassen. Für Haushalte mit niedrigen Einkommen wird Kochen zum Kostenfaktor. Wer in den Fabriken rund um Neu-Delhi arbeitet, muss oft entscheiden, wofür das Geld noch reicht: für Miete, für Lebensmittel oder eben für den Brennstoff.

Die globale Krise der ­Lebenshaltungskosten trifft in Indien auf einen zersplitterten Arbeitsmarkt. Seit Jahren verspricht die Regierung, das Arbeitsrecht grundlegend zu reformieren und mit einer nationalen Lohnuntergrenze mehr Einheitlichkeit zu schaffen. Ein verbindlicher landesweiter Mindestlohn existiert jedoch weiterhin nicht, und die Umsetzung der Reformen kommt nur schleppend voran. Stattdessen ­legen die Bundesstaaten ihre eigenen Mindestlöhne fest, die je nach Region, Branche und Qualifikation stark variieren. Weil sich Zentralregierung und Bundesstaaten die Zuständigkeit teilen, bleiben die Löhne stark vom Arbeitsort und den regionalen Regelungen abhängig.

Uneinheitliche Rechtslage

Für viele Beschäftigte, die auf eine verlässliche Untergrenze gehofft hatten, bedeutet das weiterhin: gleiche Arbeit, unterschiedliche Bezahlung, je nachdem, auf welcher Seite einer oft nur wenige Kilometer entfernten Bundesstaatsgrenze ihre Fabrik steht. Gerade in Delhi macht sich die uneinheitliche Rechtslage bemerkbar. Die Metropole grenzt an die Bundesstaaten Haryana, Uttar Pradesh und Rajasthan, deren wirtschaftliche Strukturen eng miteinander verflochten sind. Wo sich ein Arbeitsplatz befindet, kann hier für die Angestellten einen Einkommensunterschied von mehreren Tausend Rupien (1.000 Rupien sind rund neun Euro) bedeuten.

Genau diese Ungleichheit war entscheidend für die Ausweitung der ­Proteste. Als die Regierung von Haryana einwilligte, den Mindestlohn um 35 Prozent auf 15.221 Rupien (rund 140 Euro) zu erhöhen, fürchteten die Beschäftigten in Uttar Pradesh, leer auszugehen. Statt einer Lohnanpassung sprach die Regierung des Bundesstaats hier von einer »Verschwörung« und ging mit Tränengas und Verhaftungen gegen die Protestierenden vor. Erst nach über einer Woche lenkte die Regierung von Uttar Pradesh ein und verkündete eine Erhöhung des regionalen Mindestlohns von 11.313 Rupien auf 13.693 Rupien (von etwa 100 auf 120 Euro). Doch viele Arbeiterinnen und Arbeiter ­sehen darin lediglich einen teilweisen Ausgleich für Preissteigerungen. Berichten des Magazins Frontline zufolge liegen die Preise für Gaszylinder, die im Mittel einen Monat lang ausreichen, in der Hauptstadtregion derzeit bei etwa 5.000 bis 6.000 Rupien (45 bis 55 Euro), hinzu kommen noch etwa ­genauso hohe Mietzahlungen.

Selbst dort, wo Löhne angepasst wurden, bleibt ein strukturelles Problem bestehen. Mindestlöhne setzen sich in Indien traditionell aus zwei Bestand­teilen zusammen: einem festen Grundgehalt und einem variablen Inflationsausgleich. Während Letzterer in den vergangenen Jahren immer wieder angepasst wurde, jedoch nicht ausreichend, blieb das Grundgehalt oft über lange Zeit unverändert, so auch in ­Haryana und Uttar Pradesh. Das führte dazu, dass Einkommen zwar nominell stiegen, ihre Kaufkraft jedoch faktisch sank. Besonders deutlich wurde dies bei Gütern des Grundbedarfs wie Lebensmitteln oder Energie, deren Preise zuletzt überdurchschnittlich gestiegen sind, worunter besonders die wenig Begüterten leiden. Vergleicht man die Erhöhung des Mindestlohns in den beiden Bundesstaaten um 20 Prozent im Zuge der Streiks mit der Inflation, so fällt auf, dass diese in Indien der Tageszeitung Economic Times zufolge seit 2021 bei 26,6 Prozent lag, bei Lebensmitteln sogar bei 28 Prozent.

Wachsende Verschuldung vieler Haushalte

Hinzu kommt eine wachsende Verschuldung vieler Haushalte. Kredite dienen in Indien häufig nicht dem Aufbau von Vermögen, sondern der Finanzierung des täglichen Lebens. Nach Angaben der Zentralbank Reserve Bank of India geben die Inder 13 Prozent ihres Einkommens für die Rückzahlung von Krediten aus – mehr als in China oder den USA. Diese konsum­orientierten Darlehen etwa für Reisen, Hochzeiten oder Smartphones machen über die Hälfte der Haushaltsschulden aus und wachsen schneller als Immobilienkredite. Insgesamt entspricht die Verschuldung etwa 42 Prozent des BIP, wovon rund die Hälfte konsum­getrieben ist. Die Kredite überbrücken Lücken, die durch stagnierende Einkommen entstehen – und verstärken zugleich die Abhängigkeit von einem beständigen Einkommen. Fällt dieses aus, wird die Situation schnell existentiell bedrohlich.

Trotzdem deutet die Anhebung des Mindestlohns darauf hin, dass sich ­Regierung durchaus der Tragweite der Preissteigerungen bewusst ist. In seinem monatlichen Ausblick warnte das Finanzministerium vor einem drohenden »Angebotsschock« und spürbaren Konsumeinschränkungen für weite Teile der Bevölkerung.

Die Asian Development Bank sieht durch das Zusammenspiel dieser Faktoren die wirtschaftliche Entwicklung des Landes gefährdet und senkte daher ihre Prognose für das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 7,5 auf 6,9 Prozent. Die Regierung warnt zusätzlich, dass die landwirtschaftliche Ernte außergewöhnlich schwach ausfallen könnte, da der Monsunregen Voraussagen zufolge zu großen Teilen ausbleiben dürfte.

Vor diesem Hintergrund erscheinen die derzeitigen Proteste als Ausdruck einer breiteren Entwicklung: Ökonomische Unsicherheit, steigende Lebenshaltungskosten und strukturelle Ungleichheiten greifen ineinander. Für viele Beschäftigte in der Hauptstadt­region bedeutet das vor allem, dass die Preise weiter steigen könnten – und die Spielräume, damit umzugehen, weiter schrumpfen.