Es geht immer noch prekärer
Paris. In Frankreich ist kürzlich die erste umfangreiche Studie zu den Arbeitsbedingungen und dem Gesundheitszustand von Lieferdienstfahrern erschienen. Über 1.000 Fahrer der Online-Lieferdienste Uber Eats und Deliveroo aus Bordeaux und Paris wurden unter anderem vom Nationalen Institut für Bevölkerungsforschung und dem humanitären Hilfswerk Médecins du Monde hierfür befragt. Das Ergebnis fällt verheerend aus.
Über 80 Prozent der Studienteilnehmer waren unter 35 Jahre alt; fast ausschließlich handelte es sich um im Ausland geborene Männer (über 98 Prozent), gut 64 Prozent hatten keine gültige Aufenthaltsgenehmigung. Die Mehrheit von ihnen arbeitet also nicht legal, weshalb sie darauf angewiesen sind, die App-Accounts Dritter zu nutzen. Drei Viertel der Befragten gaben an, Accounts von Bekannten für durchschnittlich 528 Euro pro Monat zu »mieten« – eine Praxis, die von den Plattformen eigentlich verboten ist.
Die Mehrheit der Lieferdienstfahrer hat keinen legalen Aufenthaltsstatus, weshalb viele darauf angewiesen sind, die App-Accounts Dritter zu nutzen.
Zudem zeigen die Ergebnisse, dass der Stundenlohn der Lieferdienstfahrer deutlich unter dem gesetzlichen Mindestlohn in Frankreich von derzeit zwölf Euro liegt, ihre Arbeitszeit hingegen weit über der gesetzlichen Höchstarbeitszeit von 35 Stunden pro Woche. Die Mehrheit gab eine durchschnittliche Wochenarbeitszeit von 63 Stunden und einen Bruttoverdienst von 1.480 Euro pro Monat an, was weniger als sechs Euro brutto pro Stunde entspricht. 42,5 Prozent derjenigen, die täglich Essen ausliefern, haben aus Geldmangel in den vergangenen zwölf Monaten mindestens einen Tag ohne Mahlzeit verbracht.
Lieferdienstfahrer gelten in Frankreich rechtlich als Selbständige und nicht als Arbeitnehmer, obwohl sie häufig faktisch von einem einzelnen Auftraggeber abhängig sind. In der Studie wird beschrieben, wie es den Plattformen gelingt, die klassischen Vorgesetztenfunktionen durch »Algorithmen für die Vermittlung, Preisgestaltung und Entlassung« zu ersetzen und so »eine Masse von formal selbständigen Arbeitnehmern zu kontrollieren, ohne auf klassische Managementmethoden innerhalb von Unternehmen zurückgreifen zu müssen«. In Einzelfällen, in denen ein Unterordnungsverhältnis nachgewiesen werden konnte, ist es Kurieren jedoch gelungen, vor Gericht den Arbeitnehmerstatus zu erstreiten. Plattformunternehmen werten solche Entscheidungen allerdings regelmäßig als Sonderfälle und verändern ihre Allgemeinen Geschäftsbedingungen, um den Fahrern in künftigen Prozessen weniger Chancen zu bieten. Insgesamt besteht in dieser Frage weiterhin Rechtsunsicherheit.
Form moderner Sklaverei
Besonders prekär ist die Lage für diejenigen, die ihre Arbeit über Accounts von Dritten machen. Wie die Website Streetpress im Jahr 2023 berichtete, herrscht hier völlige Willkür und Abhängigkeit. Ein Lieferant berichtete: »Manchmal beschließt die Person von heute auf morgen, aufzuhören oder das Konto an jemanden zu übergeben, der mehr zahlen kann. Manchmal arbeitest du wochenlang und der Kontoinhaber verschwindet, wenn es an der Zeit ist, dich zu bezahlen. Er ändert seine Kontaktdaten, und du hast weder Geld noch sonst etwas. Du kannst nicht einmal zur Polizei gehen, also schweigst du.«
Bei solchen Arbeitsverhältnissen ist es kaum übertrieben, von einer Form moderner Sklaverei zu sprechen, wie es verschiedene Hilfsorganisationen und Gewerkschaften tun. In Deutschland sieht beispielsweise die Gewerkschaft Verdi die Situation so; in Frankreich haben im April vier Vereinigungen zur Verteidigung von Lieferfahrern Klage gegen Deliveroo und Uber Eats wegen Menschenhandels eingereicht.
Die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Arbeitsverhältnisse sind ebenfalls gravierend. Die Studie kommt zu dem Schluss, dass der körperliche Gesundheitszustand der Kuriere unter dem Niveau der Gesamtbevölkerung liegt. 32 Prozent der Befragten gaben an, über keinerlei Krankenversicherung zu verfügen, weswegen sie sich medizinische Versorgung gegebenenfalls nicht leisten könnten.
Katastrophale Arbeitsbedingungen
Fast 60 Prozent gaben an, bei ihrer Arbeit mindestens einen Verkehrsunfall erlebt zu haben, ein Viertel sah sich bereits körperlicher Gewalt bei der Arbeit ausgesetzt und knapp 45 Prozent sind der Ansicht, ihr Gesundheitszustand habe sich seit Beginn ihrer Tätigkeit verschlechtert. Hinzu kommt bei den Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus die Angst, im Falle eines Krankenhausaufenthalts angezeigt zu werden. 91,2 Prozent von ihnen gaben an, dass sie diese Tätigkeit aufgeben würden, wenn sie einen regulären Aufenthaltsstatus erhielten.
Wie viele Menschen insgesamt unter diesen katastrophalen Arbeitsbedingungen leiden, können auch die Autoren der Studie nicht angeben. Denn es gibt keine offiziellen Zahlen über die Anzahl der Lieferdienstfahrer und die Plattformbetreiber wollen darüber keine Auskunft erteilen. Mit Blick auf verschiedene andere Untersuchungen zum Thema gehen die Autoren von einer Zahl zwischen 54.000 und 94.000 aus.
Hoffnung für diese Zehntausende prekär beschäftigter Kuriere bietet die EU-Richtlinie Nr. 2024/2831 über den Rechtsrahmen für Plattformarbeit, die auf einen besseren Schutz der Lieferdienstfahrer abzielt. Sie muss in den kommenden Monaten in französisches Recht übertragen werden und könnte den Weg dafür ebnen, die Fahrer als Arbeitnehmer anzuerkennen.