30.04.2026
»Eisenmund«, das Debütalbum der Band Schimmel über Berlin

Einzig sie selbst

Im Berliner Nordosten lebt der Untergrund: Hier sind um das Aufnahmestudio ADK in den vergangenen Jahren eine Reihe von Bands entstanden, unter anderem Schimmel über Berlin. Deren aktuelles Album »Eisenmund«, dessen Sound die düsteren Achtziger aufleben lässt, changiert zwischen surrealem Traum und totaler Abgebrühtheit.

Die Allee der Kosmonauten, die sich kilometerlang durch die Berliner ­Bezirke Lichtenberg und Marzahn-­Hellersdorf zieht, zeugt zwar bis heute von der industriellen Bau­weise der DDR, ist dafür jedoch mit einem entwaffnend charmanten ­Namen gesegnet. Mittlerweile heißt auch einer der gewichtigsten Knotenpunkte auf der informellen Landkarte des Punk nach dieser Ausfallstraße, weil sich dort, im tiefen Osten der Stadt, ein Aufnahmestudio befindet, das eine ganze Reihe auf­regender Bands für Proben und Aufnahmen nutzt. Gern als »ADK« ­ab­gekürzt, legt dieser Ort eine falsche Fährte zur Akademie der Künste und klingt zumindest für Berliner Ohren ähnlich wie »UdK« (Univer­sität der Künste), was das künstle­rische Wirken in der Plattenbau­gegend unweigerlich mit einem Augenzwinkern vorstellt.

Mit den 2020 und 2022 erschie­nenen Tape-Samplern »Achtung ADK« und »Neues aus der ADK« steckte diese Szene ihr Areal ab, dokumentierte sich selbst und zeigte an, was seither an hervorragender Musik zu hören sein würde. Eine Art Beipackzettel zur zweiten Kassette informierte damals: »Die Allee der Kosmonauten ist eine Proberaum- und Studio-Gemeinschaft aus Berlin. In wechselnden Kombinationen ­ergeben sich immer wieder neue Bands und Kurzzeitprojekte.«

Zu den beständigen unter diesen Gruppen zählen unter anderem Noj, deren dräuender Noise Rock sich wie eine Botschaft aus nachapokalyptischen Zeiten an das Unbehagen im Hier und Jetzt ausnimmt; Liiek, die dem kantigen Genre des Post-Punk jede Menge tanzbarer Energie und Funk zugeführt haben; Benzin, deren kurz­weilige, in der Regel einminütige Punksongs ebenso knallig wie gewieft sind; Die letzten Ecken, die mit ihrer LP »Talisman« eine der gelungensten Verneigungen vor der Musik der achtziger Jahren hingelegt haben und trotzdem klingen, als stammten sie aus der ­nahen Zukunft; oder auch die elegant unterkühlten Aus, mit denen es nach zwei vorzüglichen ­Alben und der Wahnsinns-Single »Der Schöne Schein« leider buchstäblich aus war.

Was die vier Bandmitglieder von Schimmel über Berlin vorgelegt haben, klingt, als hätten sie einfach mal so ein perfektes Punk-Album eingespielt.

Eine weitere ADK-Band trägt den heiteren Namen Schimmel über Berlin. Sie besteht aus Lisa von Billerbeck (Gesang), Viet Phuong Vu (­Gitarre), Christian Ramisch (Schlagzeug) und Tilman Rexilius (Bass), veröffentlichte mit »Dunkler Traum« erstmalig auf »Achtung ADK« ein Stück; 2025 folgte ihr ­Debütalbum »Eisenmund«. Auf ­Vinyl erschien es bei Static Age ­Music, das dankenswerterweise schon mehrere Releases der vorgenannten Bands besorgt hat, die ­Kassette wiederum auf Billerbecks vorzüglichem Tape-Label Billo, dessen flotte Devise »Untergrund ist auch ein Grund« lautet. Aufgenommen und abgemischt wurde das ­Album von Rexilius, der sich als Produzent unter dem Alias T-Rex längst zu Recht einen hervorragenden ­Namen gemacht hat. Dem Underground-Ethos, alles selbst zu ver­antworten und nur auf die eigenen Kreise zu vertrauen, wird hier mit größter Selbstverständlichkeit, ­wiewohl ­unaufgeregt entsprochen.

Der auffällige zeitliche Abstand von fünf Jahren zwischen dem ersten Song und der ersten LP ist dem konstellativen Charakter der ADK-Projekte geschuldet, der es diesen zwar ermöglicht, vieles zu erproben, der aber auch erklärt, wieso sich das Fertigstellen eines Albums sehr lange ziehen kann und weshalb manche dieser Gruppen eher spora­disch ­auftreten, wenn überhaupt. Oftmals ist das Mitglied einer Band gerade ­musikalisch anderweitig eingebunden oder befindet sich auf Tour.
Auch in diesem Fall sind die fortlaufenden Verpflichtungen beachtlich: Billerbeck, Ramisch und Rexilius sind Mitglieder von Die letzten Ecken; ­Ramisch und Vu spielen bei Noj; Rexilius und Vu bei Benzin; Billerbeck und Rexilius bilden das Duo Olaf und Olga; Vu wie Biller­beck sind zudem jeweils solo unterwegs. So erstaunt es nicht, dass »Eisenmund« schon vor Jahren eingespielt wurde, während der Gesang erst vorletztes Jahr ­dazugekommen ist, bevor das Album im vergangenen Herbst tatsächlich erscheinen konnte.

Obwohl Schimmel über Berlin die hochproduktive Ruhelosigkeit der eigenen ­Um­gebung und die Über­schneidungen mit anderen Pro­jekten anzumerken ist, ist die Band jedoch weder Die letzten Ecken plus eins noch 50 Prozent von Benzin, sondern einzig sie selbst. Was die vier Bandmitglieder hier vorgelegt haben, klingt zudem, als hätten sie einfach mal so ein perfektes ­Punk-Album eingespielt. Schon die ­umwerfende Abfolge der drei ersten ­Lieder der LP – »Komm schon«, »Schattenriss« und »Der Gute Sohn« – sucht an Wucht, Esprit und Innovation ihresgleichen. Die ins­gesamt neun Stücke bieten un­mit­telbar Packendes, das auf unwiderstehliche Weise antreibt, zugleich aber auch sanft entrückt; exzellente ­Gitarrenriffs, ein hyper­präzises Schlagzeug und perfekte Bassläufe; Lyrics, die zwischen surrealem Traum und totaler Abgebrühtheit (»Alles … alles is’ wie angekohlt«) changieren. Und dennoch sind damit lediglich formale Kriterien umschrieben, denn es stimmt hier ­einfach alles.

Erinnerung an die düstere Phase, die auf Punk folgte 

In einem kurzen Begleitschreiben zur Veröffentlichung hat Fiona Sangster, einst Keyboarderin bei Xmal Deutschland, an die düstere Phase erinnert, die auf Punk gefolgt war. Das großstädtische Lebensgefühl während der letzten Jahren des Kalten Kriegs setzt sie ins Verhältnis zu dem, was Schimmel über Berlin heutzutage auszeichnet: »Das ­makellos von T-Rex produzierte ­Album fängt diese klassische ­Post-Punk-Stimmung aus urbanem ­Verfall, nächtlicher Introspektion und unnachgiebigem Bewegungsdrang ein, die für jemanden wie mich, die damals dabei war, absolut vertraut wirkt, ohne je in bloße ­Nostalgie abzugleiten.«

Neben den Anklängen an Vergangenes, das hier gleichwohl völlig ­gegenwärtig wirkt, besticht »Eisenmund« allerdings noch durch etwas anderes. Der Musiker und Schriftsteller Hendrik Otremba, von dem ein zweites Begleitschreiben zur LP stammt, hat darauf hingewiesen, dass das Album den Minnegesang aufzugreifen scheint, weswegen durchgehend »etwas Märchenhaftes mitschwingt«. Tatsächlich macht das Album, dessen Artwork ohnehin an mittelalterliche Kunst gemahnt, den Eindruck, als spiele sich darauf eine Geschichte ab – dies aber, so wäre zu ergänzen, für Erwachsene, zeugt das Besungene doch weniger von Erbaulichem denn von Gespenstischem.

Das gilt vor allem für jene Lieder, die Billerbecks merklich an Poesie geschulte Texte im Besonderen ­her­vor­treten lassen. Auf »Komm schon« wirkt der prosaische Charme noch verspielt: »Schneid es ab, es wächst schon herüber/ Dreh’ es aus, es kocht schon über/ Wirf es weg, es ist schon längst drüber/Halt es auf, es schwappt schon herüber!« lautet der be­schwing­te Refrain. Auf »Der Gute Sohn« hingegen ist es, als entpuppe sich die vermeintliche Märchenlandschaft im Sekundentakt als Illusion: »Und ob Du dann auf der anderen Seite der Schlucht stehst wie der gute Sohn, kann ich nicht sagen / Aber wo auch immer Du bist, wirst Du die Posaunen hören, oder ein Fagott / Und wenn der Dolch in der Baumrinde ritzt, wirst Du Bescheid wissen«, heißt es dort mysteriös, bevor der Song dank der glanzvollen Virtuosität Vus eine unglaub­lich kraftvolle Wendung nimmt und zum schieren Seelen­sturm wird, den Ramisch und Rexilius im selben Moment antreiben: ­­»So manche Brücke bricht / Zu viel Tin­te ging verschütt/Werd’ mich nicht ­ergeben / Mein Herz hadert eben /  Hast den Tod an die Wand gemalt /  Er spuckt Gift und Galle / Ich will höher, immer höher, immer ­höher«.

Das Märchenhafte, fast wie ein Spuk

In »Weise Fee« nimmt sich das Märchenhafte fast wie ein Spuk aus, der von einer fast vergrämt wirkenden Vernunft betrachtet wird: »Weise Fee, drei Wünsche frei für alle Töchter / Die Sterne stehen günstig / Weise Fee, spare nicht an Deiner Gunst / Weise Fee, ich will ohne ­Sor­­gen sein, dass andere Zeiten kommen / Die Zeremonien und Ehe­ver­sprechen sind in die Jahre ge­kom­men« – »Dornen blüh’n! ­Dornen blüh’n! Überall!« Und dann wäre da noch das Sujet der Trennung, welches gleich mehrere Songs durchzieht, in »Klagegesang« seinen ­Höhepunkt findet und das Album traurig-schön beschließt: »Abgesang auf alles und jeden / Hab’ den Win­ter­anfang vorverlegt / Abgesang auf ­alles und jeden / Der Klagegesang wird mich immer umwehen«. Dazwischen findet sich noch das einer Vision gleichende »Hohe Lichter«, Bittersüßes wie »Schreck« und unmittelbar Tanzbares wie »Taifun«.

All dies und so vieles mehr macht »Eisenmund« zum eindrucksvollsten Album, das sowohl Berlin wie auch Punk seit sehr langer Zeit hervor­gebracht hat. Schon vor Jahren hat das beständige Flirren und Flimmern der ADK Band um Band bewiesen, dass dieser bewegungsreiche Kreis an Musikerinnen und Musikern, der sich dem Underground verpflichtet hat, dem Neuen den Weg zu ebnen vermag.

»Eisenmund« ist das eindrucksvollste Album, das sowohl Berlin wie auch Punk seit sehr langer Zeit hervor­gebracht hat.

Mehr noch: Es rettet dieses auch vor den kulturellen Erdrückungsversuchen dieser Ära mit all ihren schalen Versprechungen, seichten Zumutungen und auf Endlosschleife abgespulten Belanglosigkeiten. Zugleich kündigte dieses Ethos unbändiger Unabhängigkeit allen, die wachsam genug waren, um zu begreifen, was hier passiert, etwas überaus Bedeutsames an.

Nun hat es tatsächlich Einzug gehalten. »Es gibt Dinge, die man nicht ändern kann / Er sprach mit Eisenmund: Da sind Dinge, die man nicht wenden kann«, verkündet der Titeltrack des Albums. Für Persönliches, das das eigene ­Leben aus der Bahn wirft, stimmt das mit Sicherheit. Für besagte Last der Gegenwart nicht, denn über Stagnation, das Bekannte und die Langeweile triumphieren Schimmel über Berlin mit beispielloser, vorwärtsgewandter Leichtigkeit. Diese Band ist bereits die Zukunft.

Schimmel über Berlin: Eisenmund (Static Age/Billo)