Jungle+ Artikel 30.04.2026
Als jüdisch-amerikanische Schülerin in Weimar

Die Wahrheit ist ansteckend: Weimar, damals und heute

Als amerikanisch-jüdische Teenagerin lernt Joanne Strasser im Weimar der Nachwendezeit Deutsch und erlebt die Nähe zwischen kultureller Größe und der Geschichte der Verbrechen von Buchenwald. Das jüngste Verbot einer Protestveranstaltung der Gruppe »Kufiyas in Buchenwald« in der Gedenkstätte nimmt sie mit Erleichterung auf, aber etwas anderes ist ihr noch wichtiger. Ein persönlicher Essay

Ich habe das Wort »ansteckend« in einem Bus in Weimar gelernt. Jemand gähnte, dann gähnte ich, dann gähnten zwei andere Mädchen, und jemand sagte, Gähnen sei ansteckend – und so fand das Wort seinen Weg in meinen Wortschatz. In einem Bus, frühmorgens, im Mai, in einer Stadt, die einst auf wenigen Kilometern die höchsten Bestrebungen der europäischen Zivilisation und den tiefsten zivilisatorischen Bruch, den die Welt je erlebt hat, in sich vereinte.

Weimar ist so ein Ort. Goethe lebte hier; Schiller auch. Nietzsche verbrachte seine letzten lichten Jahre in einem Haus am Frauenplan, bevor er in den Wahn abglitt. Das Bauhaus wurde hier gegründet. 1919 war die Stadt der erste Tagungsort der Verfassunggebenden Nationalversammlung der ersten deutschen Demokratie, weil Berlin zu instabil war. Und acht Kilometer die Straße hinauf, auf dem Ettersberg, wo Goethe spazieren ging, baute das Regime, das diese Demokratie zerstörte, Buchenwald.

Die Nähe zwischen dem Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Marktplatz und dem Lager auf dem Hügel ist kein Widerspruch, der einer Er­klärung bedarf; es ist einfach eine Nähe. Und man spürt sie, wenn man dort lebt.

Die Nähe zwischen dem Goethe-Schiller-Denkmal auf dem Marktplatz und dem Lager auf dem Hügel ist kein Widerspruch, der einer Erklärung bedarf; es ist einfach eine Nähe. Und man spürt sie, wenn man dort lebt.

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