Der Feind in deiner Nähe
Ein Ausschnitt aus dem »Heute Journal« des ZDF kursierte vergangene Woche vielfach in den sozialen Medien. Die Moderatorin Dunja Hayali interviewte Dirk Peglow vom Bund der Deutschen Kriminalbeamten. Was könne er Frauen angesichts der hohen Anzahl von Gewalttätern aus dem direkten Umfeld der Opfer raten, fragte sie.
Peglow antwortete schlicht: »Wenn man nach der statistischen Anzahl geht: besser keine Beziehung mit einem Mann eingehen. Da ist das Risiko erheblich höher, Opfer von psychischer oder physischer Gewalt zu werden.«
In den vergangenen fünf Jahren wurden 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer Opfer einer Vergewaltigung.
Der kurze Clip wurde in feministischen Kreisen ebenso gefeiert, wie er bei Rechten für Aufregung sorgte. Das Phänomen, auf das Peglow pointiert hinwies, ist jedoch nicht von der Hand zu weisen. Das Bundeslagebild zu häuslicher Gewalt aus dem Jahre 2024 wertete die Kriminalstatistik für das Jahr 2024 hinsichtlich einer Reihe relevanter Delikte aus, von Mord und Totschlag über Körperverletzung bis zur sexuellen Nötigung. Demnach war fast jedes sechste Opfer dieser Taten von Partnerschaftsgewalt betroffen. Die Zahl der registrierten Fälle häuslicher Gewalt hatte im vergangenen Jahr einen neuen Höchststand erreicht.
Die Zahl der Sexualdelikte insgesamt ist der kürzlich veröffentlichten Kriminalstatistik zufolge im Jahr 2025 im Vergleich zum Vorjahr um 8,5 Prozent auf insgesamt 14.454 Fälle angestiegen; die Zahl der Vergewaltigungen stieg um neun Prozent.
Die Statistik erfasst allerdings nur die angezeigten Taten. Eine Dunkelfeldstudie vom Februar ergab, dass Frauen bei sexuellen Übergriffen in gerade einmal drei Prozent der Fälle Anzeige erstatten, Männer in 14,5 Prozent der Fälle. Der Studie zufolge waren 17,8 Prozent aller Frauen und 4,8 Prozent aller Männer in ihrem Leben schon einmal von einem sexuellen Übergriff betroffen. Außerdem seien 1,5 Prozent der Frauen und 0,2 Prozent der Männer in den vergangenen fünf Jahren Opfer einer Vergewaltigung gewesen – der »Geschlechterunterschied ist signifikant«, heißt es dazu.
Die Scham solle die Seiten wechseln, forderte Gisèle Pelicot 2024
Die Scham solle die Seiten wechseln, forderte Gisèle Pelicot bekanntermaßen 2024 – selbst Opfer von vielfacher Vergewaltigung durch ihren ehemaligen Ehemann und seine Komplizen. Die gesellschaftliche Realität sieht größtenteils allerdings noch anders aus: Die Stigmatisierung und die damit verbundenen Schamgefühle halten immer noch viele von einer Strafanzeige ab. Bei Gewalt durch Partner kommt die Gefahr hinzu, dass die Anzeige nichts strafrechtlich Relevantes nach sich zieht und man dem Täter dann schutzlos ausgeliefert wäre.
Das 2025 verabschiedete Gewalthilfegesetz sieht eigentlich vor, dass Frauen, die in der Partnerschaft sexuelle oder anderweitige Gewalt erlitten haben, einen Rechtsanspruch auf Beratung und entsprechende Hilfe erhalten, also auch Platz in einem Frauenhaus, wenn sie ihn brauchen. Die Realität sieht anders aus. Der Bund hat angekündigt, bis 2035 insgesamt 2,6 Milliarden Euro in das Hilfesystem für Frauen zu investieren. Doch der Verein Frauenhauskoordinierung schätzt, dass es jährlich mehr als 1,6 Milliarden Euro bräuchte, »um allein die laufenden Kosten zu decken – wenn das Hilfesystem erst mal bedarfsgerecht ausgebaut wäre«. Deshalb dürften die geplanten Investitionen des Bundes »lediglich der Startschuss sein«. Auf kommunaler und Landesebene werden unterdessen häufig sogar die Mittel für Frauenhäuser gekürzt.
Die Frauenrechtsorganisation Terre des Femmes fordert unter anderem einen Ausbau der Gewaltprävention, verpflichtende Schulungen für die Polizei sowie Richter- und Staatsanwaltschaft und verpflichtende Antigewaltprogramme für gewalttätige Männer. Für die Opfer fordert sie das Recht auf kostenfreie psychosoziale Prozessbegleitung und den Ausbau von Frauenhausplätzen und Zufluchtswohnungen.
Professionalisierung von Vergewaltigungen
Lange schon dürfte klar sein, dass es sich nicht um tragische Einzelfälle handelt, in denen einzelne Männer aus der Norm schlagen. Sexuelle Gewalt wird begünstigt, indem andere wegschauen, rechtfertigen oder sogar mitmachen. Das geht schon mit einem derzeitigen Tiktok-Trend los, bei dem Männer demonstrieren, wie sie reagieren würden, falls eine Frau beim Heiratsantrag nein sagt – mit Schlägen und Tritten ins Gesicht nämlich. Das Ganze soll ein Witz sein, versteht sich.
Eine relativ neue Erscheinung der kollektiven Täterschaft ist eine schaurige Form der Professionalisierung von Vergewaltigungen, die dadurch ermöglicht wird, dass sich Täter online vernetzen. Im Februar wurde Dapeng Z. in Frankfurt zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt; das Urteil ist noch nicht rechtskräftig. Der 44jährige hatte nicht nur die Taten gegen Gisèle Pelicot online gefeiert, sondern auch mehrere Frauen betäubt und vergewaltigt.
CNN berichtete im Februar von einer »globalen ›Vergewaltigungsakademie‹«. Eine Darknet-Website, die etliche Videos von Vergewaltigungen betäubter Frauen zeige, habe allein im Februar 62 Millionen Aufrufe gehabt.
Darüber, wie solche Taten begangen werden können, hatte er sich in 25 Telegram-Chatgruppen mit insgesamt mehreren Tausend Mitgliedern ausgetauscht. Konkrete Anleitungen für die Gewalttaten, aber auch Fotos und Videos der Übergriffe wurden in den chinesischsprachigen Chatgruppen geteilt. Es wird derzeit gegen weitere Mitglieder der Chatgruppen ermittelt. Mitte April wurde bereits der Student Zhongyi Y. in München zu elf Jahren Gefängnis verurteilt, der seine Freundin mehrfach betäubt und vergewaltigt und dabei gefilmt hatte; auch dieses Urteil ist noch nicht rechtskräftig.
Pelicots Ehemann fand seine Mittäter ebenfalls in Chatgruppen. CNN berichtete im Februar von einer »globalen ›Vergewaltigungsakademie‹«. Eine Darknet-Website, die etliche Videos von Vergewaltigungen betäubter Frauen zeige, habe allein im Februar 62 Millionen Aufrufe gehabt. In den daran angeschlossenen Telegram-Gruppen würden sich Männer über ihre Taten austauschen und gegenseitig Tipps geben – zum Beispiel welche Betäubungsmittel die besten seien und keinen Geruch und Geschmack hätten, damit »deine Frau nichts merkt«.