Der analoge Mann
Julia, Vanessa und ich haben am Wochenende einen Ausflug nach Greifswald gemacht. Die Potsdamer Urban Sketcher haben zum gemeinsamen Zeichnen an verschiedenen Orten in der Stadt eingeladen. Es ist ein informelles Treffen. Für Anreise, Unterkunft und Verpflegung sorgt jeder selbst.
Mecklenburg-Vorpommern, am nördlichen Zipfel von Ostdeutschland gelegen, ist zwar nur zwei Stunden von Berlin entfernt, wirkt aber doch seltsam entlegen. Vielleicht, weil es eben nicht mehr Brandenburg, sondern schon Norddeutschland ist. Hier wohnt ein etwas anderer, robusterer Schlag von Leuten – Leute, die mit dem Wind leben.
Die Stadt selbst ist gemütlich und aufgeräumt. Am Bahnhof angekommen, gehen wir an der Universität vorbei zu unserer Unterkunft, legen unser Gepäck ab und erreichen etwas verspätet den Treffpunkt am Marktplatz.
Lange Schatten fallen bereits bis zur Mitte des Platzes, auf dem sich etwa 20 Zeichnerinnen und Zeichner verteilt haben. Wir suchen uns einen Platz in der Sonne. Während wir anfangen zu zeichnen, werden die Marktstände des Wochenmarkts abgebaut. Noch eine Stunde bis zum Throw-down. Um die vielen verzierten Giebel des Hauses im gotischen Stil abzubilden, wird wohl keine Zeit bleiben.
Wir sind sehr zufrieden, dass uns der Zufall diese Demo schickt. So werden unsere Bilder doch noch ganz gut.
Ich habe gerade erst ein paar Häuser angedeutet, da hören wir aus der Ferne laute Stimmen. Schon kommt eine kleine Gruppe aus einer Seitenstraße auf den Marktplatz. Sie tragen Transparente und Fahnen und rufen im Chor: »Katherina Reiche! Will unsere Zukunft streichen!« – »Reiche« und »streichen« will sich nicht so recht aufeinander reimen.
Die Demo macht direkt vor uns halt, wir bleiben sitzen. Während ich die Demo-Teilnehmer zeichne, bemerke ich, dass es Fridays-for-Future-Aktivisten sind. Vielleicht ist es aber auch einfach nur die örtliche Protestjugend, die an allen Greifswalder Demos teilnimmt. Wir sind jedenfalls sehr zufrieden, dass uns der Zufall diese Demo schickt. So werden unsere Bilder doch noch ganz gut.
Vor über 200 Jahren stand Caspar David Friedrich, der in Greifswald geboren worden war, ebenfalls auf dem Marktplatz und hielt in fast der gleichen Technik, einer aquarellierten Tuschezeichnung, die Mitglieder seiner Familie fest – so wie wir jetzt die Demonstranten. Es ist beruhigend, dass nach allen technischen Neuerungen, der Einführung der Fotografie, des Computers und zuletzt der KI, sich Menschen immer noch zeichnend ihrer Umwelt nähern. Und aus dem Stand mit beschränkten Mitteln zu beeindruckenden Bildern kommen.