30.04.2026
In einem Kollektiv zu arbeiten, hat auch Nachteile

Aber bitte mit Boss!

In Kollektivbetrieben ist niemand Chef. Das hat nicht nur Vorteile.

Manche sind ganz versessen aufs Arbeiten. Für sie dient die Erwerbsarbeit nicht nur dem Unterhalt, sondern sie gibt ihrem Tag auch Struktur und ihnen ein Identitätsgefühl. Dabei spielt es natürlich eine Rolle, ob man Angestellter, Selbständiger oder Chef ist und wie entfremdet oder selbstbestimmt sich die Tätigkeit anfühlt.

In Kollektivbetrieben ist niemand Chef. Alle sollen gemeinsam entscheiden, es gibt einen Einheitslohn und auch die Produktionsmittel gehören allen. Das kann irre identitätsstiftend sein und auch ziemlich anstrengend. Seit den siebziger Jahren entstanden in vielen Bereichen Alternativbetriebe, ob Clubs, Cafés, Bioläden, Druckereien oder Zeitungen. Mitte der achtziger Jahre sollen bundesweit mehrere Zehntausend Personen in gut 4.000 Kollektiven gearbeitet haben. Heute dürfte die Zahl deutlich niedriger liegen.

Viele Kollektive gingen irgendwann pleite, andere sind zur Arbeit mit Chef übergegangen. Einige berichten davon, keine neuen Kollektivmitglieder mehr zu finden. Diese ganze Mitbestimmung sei vielen Leuten einfach zu anstrengend und zu zeitraubend. Nachvollziehbar: Denn das Wort »Plenum« jagt auch vielen, die keine Fans von Effizienz um jeden Preis sind, einen kleinen Schauer über den Rücken.

Wer sich ungerecht behandelt oder machtlos fühlt, hat noch weniger Lust auf seinen Job. Das spricht gegen formelle Hierarchien und für Selbstausbeutung.

Das Arbeiten in hierarchischen Strukturen kann ungeahnte Vorteile haben. Gerade in größeren Betrieben kann man sich gegen einen Chef verbünden, was für das Gemeinschaftsgefühl im Team super ist. Man lästert, rollt mit den ­Augen, wenn er was sagt, und liest sich in der Raucherpause gegenseitig die ulkigsten E-Mails vor. Wenn Feierabend ist, geht man einfach nach Hause. Im besten Fall gibt’s einen Betriebsrat, bei dem man sich beschweren kann, wenn die Klos schmutzig sind oder die Überstunden mal wieder ins Unermess­liche steigen. Nicht so übel. Man ist nicht auf den Kapitalismus sauer, sondern auf den Chef!

Im Kollektiv ist man hingegen selbst verantwortlich dafür, die Arbeitsbedingungen zu regeln beziehungsweise mit den wirtschaftlichen Zwängen umzugehen. Die Tatsache, dass dort niemand (auch kein Boss) mit dem, was man tut, so viel Geld verdient, wie es sonst üblich wäre, mag einige motivieren. Letztlich ist es aber ein schwacher Trost fürs prekäre Schuften.

Was also macht den Reiz aus? Eine der wichtigsten Bedingungen für Arbeitsplatzzufriedenheit ist ein Gefühl von Gerechtigkeit. Wer sich ungerecht behandelt oder machtlos fühlt, hat noch weniger Lust auf seinen Job. Das spricht gegen formelle Hierarchien und für Selbstausbeutung. Für den, der Führung braucht, ist das Arbeiten im Kollektiv jedenfalls nichts.

Illustration: Brennender Bürostuhl