Unberechenbare Qualzucht
Kürzlich schmolz mir fast die Plastikdutte über mein Gesicht. Am Geburtstagstisch einer junggebliebenen Freundin wurde eine als Geschenk getarnte Frechheit ausgepackt: ein Furby. Ja, richtig, dieser seltsame, eulenähnliche Spielzeugalptraum, den Ende der Neunziger alle haben wollten. Ihr ahnt es, hinter meiner Empörung steckt natürlich eine erfahrene Demütigung.
In Mode gekommen sind die Furbys damals ausgerechnet, während ich im Urlaub war. Schwer vorstellbar, aber in einer Welt ohne Smartphones konnte ein Trend durchaus an einem vorüberziehen. So kam ich nach Hause und wurde sogleich von einem Freund angerufen mit der Frage, ob ich bereits einen Furby hätte. »Einen was?!« Am anderen Ende herrschte völliges Unverständnis. »Na, einen Furby. Wo lebst du denn bitte? So eine Kreuzung aus Katze und Vogel, die deine Sprache lernt, auf dich reagiert und dich anschaut, als würde sie dich verstehen. Erst plappern die Blödsinn, dann reden die mit dir.«
Vor meinem inneren Auge formte sich ein atmendes Wesen mit glasigen Augen, ein schauriger Laborunfall, der hinter Panzerglas großgezogen wird, nur um anschließend rücksichtslos auf den Markt geworfen zu werden.
Mir wurde schlagartig blümerant. Vor meinem inneren Auge formte sich ein atmendes Wesen mit glasigen Augen, ein schauriger Laborunfall, der hinter Panzerglas großgezogen wird, nur um anschließend rücksichtslos auf den Markt geworfen zu werden. »Moment, du willst mir erzählen, es gibt Viecher zu kaufen, die deine Sprache lernen und sich mit dir unterhalten? Und die Leute holen sich das freiwillig ins Haus?« In meinem Kopf lief längst die passende Tierschutzkampagne an. »Ja klar, ist doch voll cool«, kam es zurück. »Die reagieren auf dich, entwickeln so ihre eigene Art. Und wenn du dich nicht richtig um die kümmerst, werden die auch komisch.« Ich hakte kurz aus: »Was heißt hier komisch?! Entwickeln die dann Mordgelüste? Wer kauft sich so eine unberechenbare Qualzucht?!« Kurze Stille. »Sag mal … du weißt schon, dass wir von einem Spielzeug reden, oder?«
Aha. Angewidert von meiner eigenen Naivität und mit dem festen Vorsatz, nie wieder zu telefonieren, legte ich auf.
Zurück am Geburtstagstisch wurde mir verkündet, dass es sich hier um einen Furby der neuen Generation handle. Inzwischen reagieren sie nicht nur auf Ansprache, sondern auch auf Berührungen und Bewegungen, hören auf Zuruf, entwickeln noch mehr »Persönlichkeiten« und erinnern sich an Interaktionen. Zudem vernetzen sie sich mit anderen ihrer Art. Super. Jetzt haben diese Monstrositäten also auch noch ein KI-Herz. Mit Bildern wie aus den »Terminator«-Filmen vor Augen, die zeigen, wie pelzige Furbys die Weltherrschaft übernehmen, lächelte ich gequält und kippte mir meinen Schaumwein hinter die Binde.