Duo infernale
Eine der wenigen blöden Sachen, die Quentin Tarantino je gemacht hat, ist, dass er verkündete, insgesamt nur zehn Filme drehen zu wollen. Während seine Begründung – nämlich dass er aufhören wolle, wenn es am schönsten sei, und nicht wie andere berühmten Regisseure zum Ende seiner Karriere schlechte Filme nur um ihrer selbst willen machen wolle – ganz sympathisch ist, hat sein Credo nicht nur zur Folge gehabt, dass man mit jedem neuem Film von ihm trauriger als beim vorigen dem Ende entgegensieht, sondern auch, dass obsessive Fans sich darüber streiten, wie viele Filme der Regisseur denn bis jetzt eigentlich wirklich gemacht hat. Offiziell war »Once Upon A Time in Hollywood« sein neunter Spielfilm, doch manche Klugscheißer meinen, es besser zu wissen, und behaupten, tatsächlich müsse er als sein zehnter gelten – immerhin erschien ja »Kill Bill«, offiziell der vierte, in zwei Teilen.
In der Tat wurde »Kill Bill« zunächst nicht als ein Film veröffentlicht, »Vol. 1« erschien 2003, »Vol. 2« 2004. Der Film über die Braut/Beatrix Kiddo (Uma Thurman), die Rache an ihrem ehemaligen Liebhaber Bill (David Carradine) und seiner Bande aus Auftragsmördern nimmt und dabei eine Hommage an das westliche wie östliche Kino entfaltet, war aber als ein Film konzipiert – doch weil Tarantino aus den über vier Stunden Laufzeit nichts herauskürzen wollte, schlug sein Studio Miramax vor, einen Zweiteiler daraus zu machen.
»The Whole Bloody Affair« wird seinem Titel mehr als gerecht; schon der Originalfilm sparte nicht mit der künstlich hergestellten und verspritzten Körperflüssigkeit, doch die neue Fassung übertreibt es schon fast.
Das, was nun als »Kill Bill: The Whole Bloody Affair« in die Kinos kommt und – die Promotion wird nicht müde, das immer wieder zu verkünden – der Film ist, wie Tarantino sich ihn ursprünglich vorgestellt hatte, ist aber kein ganz neuer director’s cut, keine kürzlich erstellte Schnittfassung: Bereits 2004 wurde ein Zusammenschnitt beider Filme beim Filmfestival in Cannes gezeigt, 2011 lief er dann in dem von Tarantino betriebenen Kino »New Beverly Cinema« in Los Angeles. Wirklich neu an »The Whole Bloody Affair« ist nur eine Animationssequenz, die hinzugefügt wurde – und dass er einen Kinostart bekommen hat.
»Kill Bill« stellt eine Besonderheit in Tarantinos Filmographie dar: Während alle seine Filme mehr oder weniger dem »Pulp«-Prinzip folgen, also nicht nur exzessiv Gewalt darstellen und bezogen darauf geradezu obszön sind (Sex spielt hingegen bei Tarantino so gut wie gar keine Rolle), sondern auch sprunghaft, nicht linear und fragmentarisch erzählt sind, spielt die erste Hälfte seiner Filmographie (»Reservoir Dogs«, »Pulp Fiction« und »Jackie Brown«) in kleinkriminellen, mehr oder weniger realistisch gezeichneten Milieus in Los Angeles, während seine späteren Filme wie »Inglourious Basterds«, »Django Unchained« oder »Once Upon a Time in Hollywood« allesamt Alternate-History-Geschichten sind, also von historischen Ereignissen ausgehen (Nationalsozialismus, Sklaverei, der Mord an Sharon Tate), dann aber eine von den Tatsachen abweichende Geschichte erzählen, gewissermaßen sogar die Geschichte vor sich selbst retten: Wenn Adolf Hitler in »Inglourious Basterds« in einem brennenden Kino von den Maschinengewehrkugeln zweier US-amerikanisch-jüdischer Soldaten durchlöchert wird, wenn Django (Jamie Foxx) seine Frau aus der Sklaverei befreit und die Plantage ihres Peinigers in die Luft jagt, wenn die Schauspielerin Tate (Margot Robbie) am Ende eben nicht bestialisch von den Anhängern Charles Mansons ermordet wird – immer dann schlägt Tarantino der Geschichte ein Schnippchen und beweist, wozu Kunst und ein Künstler in der Lage sind. Der kann nämlich, wie es Tarantino als Autor tut, den historisch übermittelten Weltverlauf einfach umschreiben, die Welt aus den Angeln heben, selbst entscheiden, was in seinem Werk stattdessen geschehen oder nicht geschehen soll – und damit dafür sorgen, dass wenigstens auf der Kinoleinwand die Bösen nicht gewinnen.
Dieser Kraft der Fiktion bediente sich Tarantino allerdings nie eifriger als in »Kill Bill«. Der Film spielt zwar in dieser Welt, in der Gegenwart, doch je länger der Film andauert, desto phantastischer, ja geradezu aberwitziger wird es: eine ehemalige Auftragskillerin, die nun ein ruhiges Leben als Hausfrau und Mutter in einer Kleinstadt führt? Eine brutale Killerin, der von ihrem Lehrer ein Auge ausgerissen wurde? Eine japanisch-chinesische Amerikanerin, die der Boss der japanischen Mafia ist und deren persönliche Armee auf den Namen »The Crazy 88s« hört – und von einer einzigen Person hinweggerafft wird? Ein abgehalfterter, in der Wüste in einem Wohnwagen lebender Ex-Gangster? Eine bei lebendigem Leib beerdigte Frau, die sich nur mit ihrer Faust den Weg aus ihrem Grab bahnt? Ein abgeschieden in den Bergen Chinas lebender Kung-Fu-Meister, der mit ein paar Schlägen Herzen explodieren lassen kann? Ein Schmied, der Schwerter herstellen kann, die ohne Probleme Schädel spalten können? Und ein Bandenchef, der aus Rache seiner ehemaligen Geliebten in den Kopf schießt – während diese das überlebt?
Das alles passiert in »Kill Bill«, einem Film, für den sein Regisseur ein phantastisches Paralleluniversum erschaffen hat, in dem die Gesetze der Physik außer Kraft gesetzt sind und in dem Menschen weiterleben, obwohl sie mausetot sein müssten. Als Uma Thurman 2003 in der Talkshow von Charlie Rose auf die schrecklichen Dinge angesprochen wurde, die ihrer Figur im Film angetan werden, erzählte sie, in der Ursprungsfassung sei alles noch viel grausamer gewesen, um dann über ihren Regisseur Tarantino zu sagen: »Der Typ hat eine lebhafte Phantasie.«
Ein Detail aus dem Film, das diese lebhafte Phantasie noch deutlicher machte, ist in der neuen Schnittfassung allerdings leider verschwunden: »Rache ist ein Gericht, das am besten kalt serviert wird« war das als Texttafel eingeblendete Motto von »Kill Bill«, als Urheber der Aussage wurden darunter die blutrünstigen Klingonen aus »Star Trek« genannt – Tarantino zitiert hier nerdig aus einem Paralleluniversum, um sein eigenes zu beginnen, eine schöne Geste. Doch in »The Whole Bloody Affair« wird der selbstreferentielle Witz gegen eine viel zu ernste Lobhudelei ausgetauscht, nämlich gegen eine Widmung an den 2003 verstorbenen japanischen »Master Filmmaker« Kinji Fukasaku, der Tarantinos Lieblingsfilm »Battle Royal« drehte und dessen Blutrünstigkeit großen Einfluss auf Tarantino hatte.
»The Whole Bloody Affair« wird seinem Titel mehr als gerecht; schon der Originalfilm sparte nicht mit der künstlich hergestellten und verspritzten Körperflüssigkeit, doch die neue Fassung übertreibt es schon fast – und zerstört dabei eine der interessantesten Sequenzen des ersten Films. Im »Haus der blauen Blätter«, einer Bar in Tokio, trifft die Braut auf die Privatarmee des Yakuza-Bosses O-Ren (Lucy Liu) – und muss diese erst einmal schlagen, um sich an O-Ren rächen zu können. Der blutige Schwertkampf wurde 2003 allerdings nicht komplett in Farbe gezeigt: Ein großer Teil davon ist in Schwarzweiß gehalten, um von der US-amerikanischen Filmfreigabestelle MPAA das Rating »R« statt »NC-17« zu bekommen, denn Letzteres hätte sich für den Film an der Kinokasse desaströs auswirken können.
Dass Gewalt nicht mehr so verstörend sei, wenn man die rote Farbe des Bluts nicht mehr sieht, ist eine ziemlich bescheuerte Idee der Zensurbehörde – doch indem Tarantino dieser Vorgabe folgte und produktiv mit ihr umging (in der Geschichte der Zensur nicht das erste Mal, dass das gelingt), baute er in seinen Film eine Ebene ein, die das Sehen selbst reflektiert: Die blutrünstige Szene wechselt in Graustufen in dem Moment, als die Braut einem Mann ein Auge mit der bloßen Hand ausreißt – und die Farbe setzt dann wieder ein, als sie selbst blinzelt.
Dieser ganze Aspekt geht in der neuen Fassung flöten, denn Tarantino hat sich nun dafür entscheiden, die komplette Sequenz in Farbe zu zeigen – was nicht nur die genannten Details zunichte macht, sondern auch die ästhetische Annäherung an klassische Samurai-Filme (von denen die meisten in Schwarzweiß gedreht wurden), auf die Tarantino ohnehin subtil verweist, zurücknimmt. Der Youtuber Rick Worley argumentiert zwar in einem Video über die neue Schnittfassung, die grellen Farben der Szene und das übermäßig viele Blut seien so comichaft, dass einem bereits dadurch bewusst werde, hier keine in irgendeiner Art realistische Darstellung zu sehen (und deshalb habe die Zensurbehörde durch ihren Eingriff die Darstellung von Gewalt sogar noch extremer gemacht). Doch man könnte auch umgekehrt argumentieren: Gerade die Abstraktion durch die Graustufen sorgt für einen solchen comichaften Effekt. Jenseits der Frage nach der Zensur sind die schwarzweißen Aufnahmen schlicht so schön, dass man sie sich zurückwünscht.
Auf eine andere Sache hätte man dafür allerdings gut verzichten können, nämlich die im Manga-Stil animierte zusätzliche und vorher noch nie gezeigte Sequenz über die Kindheit von O-Ren, deren Eltern von einem brutalen Mafia-Boss ermordet wurden und deren Rache an dem Boss man bereits im Original in Manga-Optik zu sehen bekam. Die neue, etwa sieben Minuten lange Sequenz zeigt nun auch noch ihre Rache an der rechten Hand des Bosses, einem Killer namens Pretty Riki. Doch wie sie ihn in einem Fahrstuhlschacht umbringt, nachdem erst die Fahrstuhlkabine explodiert und sie danach mehrere Stockwerke den Schacht heruntergefallen ist, ist selbst für einen so von der Phantasie beflügelten Film wie »Kill Bill« einfach too much. Es drängt sich der Verdacht auf, dass es diese Szene nur in die neue Fassung des Films geschafft hat, um Werbung damit machen zu können, dass etwas noch nie Gesehenes gezeigt wird – dem Film selbst ist diese Sequenz jedenfalls nicht zuträglich.
Es scheint so, als wäre die neue Fassung vor allem auch dadurch motiviert gewesen, ein neues Publikum an den Film heranzuführen, das ihn noch nicht kannte. »Kill Bill« in seiner Gänze auf der großen Leinwand sehen zu können, ist zweifelsohne toll – doch diejenigen, die den Film bereits kennen, haben im Zweifel mehr Freude daran, ihn so zu sehen, wie sie sich an ihn erinnern, und nicht so, wie ihn sich der Regisseur einmal vorgestellt hat (Künstler neigen nämlich dazu, ihr eigenes Werk auch mal völlig falsch einzuschätzen). Tarantino, der einen Hang zum Doppelfeature-Kinoabend hat (in seinem »New Beverly Cinema« werden immer zwei Filme im Doppelpack gezeigt), hätte zum Start von »The Whole Bloody Affair« ruhig auch anregen können, dass manche Kinos die Originalfilme nacheinander zeigen.
Kill Bill: The Whole Bloody Affair (USA 2025). Buch und Regie: Quentin Tarantino. Darsteller: Uma Thurman, Lucy Liu, Vivica A. Fox, Daryl Hannah, Michael Madsen, Sonny Chiba, Gordon Liu, David Carradine