09.04.2026
Gedenkpolitik

Zweckmäßiges Erinnern

Derzeit fordern die unterschiedlichsten Personen eine grundlegende Wende im Erinnern an den Nationalsozialismus. Alle diese Forderungen führen in ihrer Konsequenz nicht hin zu einer Beschäftigung mit der Shoah und den aus ihr zu ziehenden Lehren, sondern von ihr fort.

Nicht nur Rechtsextremen, auch antizionistischen Linken ist die etablierte Form der Erinnerung an die Nazi-Verbrechen ein Dorn im Auge. Mit Blick auf diese geschichtsrevisionistische Kritik an der deutschen Erinnerungspolitik ist es notwendig, darüber nachzudenken, was an ihr zu verteidigen ist – und was nicht. Nikolas Lelle forderte, die in der offiziellen Gedenkpolitik institutionalisierten Errungenschaften jahrzehntelanger erinnerungspolitischer Kämpfe zu verteidigen (»Jungle World« 7/2026 ). Justin Monday hielt dagegen, die Schuldanerkennung fungiere identitätsstiftend für die vermeintlich geläuterte Nation (13/2026). 

 

Wer das Gedenken an den Nationalsozialismus als routiniert kritisiert, kann sich allgemeiner Zustimmung gewiss sein. Dabei stecke dahinter nicht viel mehr als bloße Bürokratiekritik, wie Justin Monday an dieser Stelle schrieb. Eine Kritik der deutschen Erinnerungspolitik habe vielmehr ihre Institutionalisierung zu treffen, »weil die Institutionen solche des deutschen Nationalstaats sind, aus dem das ›national‹ in ›Nationalsozialismus‹« stamme. Zwar schießt Monday mit der darin enthaltenen Gleichsetzung übers Ziel hinaus; es wäre auf die Unterschiede zwischen dem staatlichen Nationalverständnis der BRD und dem völkischen der NSDAP hinzuweisen – gerade auch weil die Nazis den Nationalstaat der Tendenz nach abschafften. Dennoch ist die Stoßrichtung der Kritik verständlich. Die deutsche Erinnerungspolitik kann als ein ideologisches nation building verstanden werden, das die Ursachen des Nationalsozialismus unangetastet lässt.

Die deutsche Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus auf ihren Nutzen für dieses nation building zu reduzieren, birgt jedoch die Gefahr, sie als eine teleologische Notwendigkeit zu betrachten – als Entwicklung, die anders nicht hätte laufen können. Doch deutsches Selbstbewusstsein hätte ebenso gut im Dresden-Mythos oder in Heimattümelei seine Grundlage finden können. Die Westbindung der frühen BRD ist ohne Schuldeingeständnis ausgekommen, und beispielsweise die Türkei benötigt bis heute keine Anerkennung des Völkermords an den Armeniern, um ein international salonfähiges Nationalverständnis zu formen.

Die Erinnerungskultur soll vital sein, quirlig, produktiv, diskursiv, plural, partizipativ, multiperspektivisch. Und vor allem: offen für geläufige Identitätsfragen und Interessen.

 

Warum ist das in Deutschland seit den späten Siebzigern anders? Ist es nur auf den Machtanspruch zurückzuführen, den man als geläutertes Deutschland glaubwürdiger formulieren konnte, oder setze in den Siebzigern und Achtzigern nicht doch in Teilen der (deutschen) Bevölkerung eine von der Shoah ausgehende Erschütterung ein? Könnte das Bedürfnis nach Aufarbeitung nicht mit der Präzedenzlosigkeit der Shoah zusammenhängen?

Diese Präzedenzlosigkeit veranlasste Theodor W. Adorno in den Sechzigern jedenfalls dazu, einen neuen kategorischen Imperativ zu formulieren: im Stande der Unfreiheit Denken und Handeln so einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe. Damit kommen dem Gedenken an den Nationalsozialismus zwei Aufgaben zu. Erstens der anhaltenden Unfreiheit, die Auschwitz zugrunde lag, zum Bewusstsein zu verhelfen, um sie abzuschaffen; zweitens, in der bestehenden Unfreiheit einen Rückfall hinter die instrumentelle Vernunft, einen Rückfall in die »Vernichtung um der Vernichtung willen« (Moishe Postone) zu verhindern. Weil diese Vernichtungslogik, Saul Friedländer folgend, aufs Engste mit dem Antisemitismus verbunden ist – oder genauer: weil sie der praktische Vernichtungsantisemitismus ist –, leitete Gerhard Scheit jüngst einen neuen praktischen Imperativ daraus ab: staatliche Machtmittel instrumentell zu gebrauchen, um die jüdische Selbstverteidigung zu unterstützen.

Zu retten wäre an der Erinnerungspolitik daher die Möglichkeit dessen, woran sie selbst kein Interesse zeigt: die Ursachen des Nationalsozialismus und der Genese des Antisemitismus verstehen lehren sowie die Solidarität mit dem dem jüdischen Staat als Konsequenz aus der Shoah. Insofern ist auch die Unterscheidung von »Erinnerungsarbeit von unten« und »staatlicher Erinnerungspolitik« hinfällig, wie sie Nikolas Lelle und Tom Uhlig in einem Artikel in der Taz vornehmen. Ob die gegenwärtige Erinnerungskultur »hart erkämpft« (Lelle) oder leicht gewonnen wurde, tut nichts zur Sache.

Nun mag man gegen den hier geforderten instrumentellen Umgang einwenden, er wäre verwandt mit den In­strumentalisierungen seitens »Kufiyas in Buchenwald« oder der sich gelbe Sterne anheftendern »Coronarebellen«. Das ist jedoch nicht der Fall, weil sich die Objekte der Instrumentalisierung unterscheiden. »Kufiyas in Buchenwald« tritt mit einem gegenwartsbezogenen politischen Anliegen an die Erinnerung an die Shoah heran und macht sich diese zunutze, während die erwähnten Imperative von der Shoah ausgehen und auf die Gegenwart einwirken. Die Shoah zu instrumentalisieren, ist etwas anderes, als nationalstaatliche Institutionen instrumentell zu nutzen, um die Shoah zum Sprechen zu bringen. Gemeint ist damit, dass Gedenkende sich für einen möglichen objektiven Gehalt der Shoah öffnen, in den man sich einarbeiten muss, was sich grundlegend unterscheidet von einem politischen Zugriff auf die Shoah.

In der Floskel »Erinnern heißt Handeln« oder auch »Erinnern heißt Kämpfen« geriert sich das praktische Tun als Kern des Erinnerns. In ihm wird nicht gefragt, ob das Bewusstsein, das eine Handlung als richtig oder falsch bewertet (etwa mit Kufiya in Buchenwald zu demonstrieren), Resultat falscher Verhältnisse sein könnte. Kritisches Gedenken müsste dieses Problem ins Zentrum rücken, also davon ausgehen, dass die Wahrheit von Erinnerungsformen im zu erinnernden Geschehen selbst zu finden ist und nicht bloß in der Gegenwart konstruiert wird. Für ein kritisches Gedenken an den Nationalsozialismus bedeutet das noch mehr: Die Shoah zertrümmerte den geschichtsphilosophischen Fortschrittsgedanken, an ihr sind Dialektik und Grenzen von Aufklärung deutlich geworden, von ihr geht eine Erschütterung aus, die jede postnazistische Gesellschaft, ebenso wie die Rebellion gegen diese, in ihren Grundfesten angreift. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit der Shoah drängt zur Frage nach dem »Warum?« Der Versuch sich da durchzuarbeiten, legt offen, wo sich Gegenwart und Vergangenheit im Grundlegendsten – und nicht etwa im Konkretesten – berühren. Die Verteidigung Israels ergibt sich somit aus der Erfahrung des in der absoluten Vernichtung gipfelnden Antisemitismus; sie basiert nicht bloß auf aktuellen Konfliktwahrnehmungen. Oder umgekehrt formuliert: Wer sich ernsthaft mit der Shoah befasst, wird kein Antizionist.

Nun ruft die Erinnerungspolitik keine Erschütterung hervor. Einig ist man sich stattdessen in der Auffassung, sie müsse »lebendig« sein. Björn Höcke, Susanne Siegert, Max Czollek, A. Dirk Moses, die Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft« oder irgendeine Gedenkinitiative: Sie alle fordern lebendiges Erinnern. Die Erinnerungskultur soll vital sein, quirlig, produktiv, diskursiv, plural, partizipativ, multiperspektivisch. Und das bedeutet letztlich: offen für heutige Identitätsfragen und Interessen. Unterscheiden tun sich die erinnerungspolitischen Forderungen dann lediglich danach, wessen Interessen am Werk sind. Dem »deutschen Volk« hat die Vergangenheit seinen Patriotismus zur Verfügung zu stellen, der Migrationsgesellschaft ihr multikulturelles Selbstbewusstsein. Ob der Gegenstand dieses Zugriffs die Shoah ist oder ein willkürlich gewähltes anderes historisches Ereignis, erscheint vor dessen Funktion bereits zweitrangig; nicht umsonst konstatierte Jan Gerber zuletzt in seinem gleichnamigen Buch »Das das »Verschwinden des Holocaust«.

Wenn es dem politischen Kampf nützt, kann auch die »Stadtbild«-Aussage von Bundeskanzler Friedrich Merz mit der von Propagandaminister Joseph Goebbels (1941 schrieb er, Juden verderbten das »Straßenbild« und müssten daher schnellstmöglich nach Osten in den sicheren Tod deportiert werden) in einen Topf geworfen werden. Auch Susanne Siegert von »keine Erinnerungskultur« hatte in einem Beitrag auf Instagram auf die vermeintliche Parallele hingewiesen. Dass beide damit etwas Unterschiedliches eingefordert haben – Merz Abschiebungen, Goebbels Vernichtung –, scheint irrelevant. Weil die Funktion solcher Analogie gleichgültig gegen ein Verstehen der Shoah ist, tendiert sie zur am konkretesten scheinenden Anknüpfung und bleibt gerade darin blind und taub für ihren bloß herbeizitierten Gegenstand.

Justin Monday stellt fest, der ständige Rekurs auf die deutsche Schuld (zum Beispiel in »Free Palestine from German guilt«) zeige eine »integrierte Schuldanerkennung«. Doch er übersieht dabei, dass die Anerkennung von Schuld oftmals mit einem Desinteresse daran einhergeht, worauf sie sich bezieht. Ein abstraktes Schuldeingeständnis und das freie Verfügen über die Vergangenheit machen den Ruf nach einem Schlussstrich nur deshalb überflüssig, weil sie ihn bereits von sich aus ziehen.

Wie also umgehen mit der deutschen Erinnerungspolitik? Während allseits eine (längst vollzogene) 180-Grad-Wende gefordert wird, die nicht mehr zurück, sondern nach vorne blickt, wäre eine tatsächlich Wende notwendig: zum Vorrang des Vergangenen, zum Vorrang der Shoah vor dem politischen Zugriff aus der Gegenwart. Die gegenwärtige Linke hat in dieser Hinsicht nichts anzubieten, in den Gedenkstätten kann man hingegen noch fündig werden. Tendenz sinkend.