19.03.2026
Ergonomisches Arbeiten

Homestory #12/2026

Ein ergonomischer Arbeitsplatz ist theoretisch zu begrüßen, in der Praxis sind schlechte Angewohnheiten und Fehlhaltungen so verbreitet wie hartnäckig - auch in der Jungle-World-Redaktion.

Bis zu sechs Kilogramm wiegt der Kopf eines Erwachsenen. Das entspricht in etwa dem Gewicht einer handelsüblichen Wassermelone. Sieben Halswirbel halten den Schädel samt Inhalt auf seinem Platz, unterstützt natürlich von den Muskeln, den Bändern und dem ganzen Gewebekram. Schon bei einer leichten Abwärtsneigung des Kopfes um 15 Grad erhöht sich die Last, die der Nacken zu tragen hat, auf 13 Kilogramm. Diese 15-Grad-Neigung gilt als optimale Haltung bei der Arbeit vor dem Computer. Wer sie erreicht, arbeitet wahrscheinlich vor einem Bildschirm, der durch Hilfsmittel erhöht ist, während Tisch und ergonomischer (!) Bürostuhl in einem vorteilhaften Verhältnis eingestellt sind.

Optimalerweise arbeitet man demnach nicht auf seinem kleinen Laptop, den man, wie manch ein Redakteur ihrer Lieblingszeitung, dann noch statt auf dem Tisch auf den Knien ablegt. Bei dieser Arbeitshaltung hätte man sicherlich die für die Smartphone-Nutzung typische Neigung des Nackens von 45 bis 60 Grad erreicht. Die Belastung, die man seiner oberen Wirbelsäule damit zumutet, liegt bei bis zu 27 Kilogramm. Wird das zur Gewohnheit, trainiert man sich wahrscheinlich eine Fehlhaltung an, die so schöne Namen hat wie Geierhals oder Smartphone-Nacken. Was dagegen helfen soll, weiß die Werbung für Trainingsapps, Fitness-Influencer und überteuerte Nackenkissen auf Instagram, die eine Kollegin ständig reingespült bekommt, während sie durch ihr Smartphone scrollt.

»Rücken« ist längst keine typische Altersbeschwerde mehr, man könnte fast sagen im Gegenteil.

Warum immer mehr junge Menschen sowie Redakteure Ihrer Lieblingszeitung von Rückenproblemen dieser Art betroffen sind, lässt sich anschaulich erklären: Eigenen Angaben zufolge verbrachten 30- bis 65jährige im Jahr 2024 durchschnittlich ungefähr zweieinhalb Stunden pro Tag am Smartphone. Und wer ist aus Scham nicht versucht, da ein bisschen zu mogeln? Die JIM-Studie (Jugend, Information, Medien), die seit 1998 das Medienverhalten von Jugendlichen im Alter von zwölf bis 19 Jahren abbildet, kommt für das Jahr 2025 sogar zu dem Ergebnis, dass die durchschnittliche Bildschirmzeit bei Jugendlichen pro Tag vier Stunden beträgt. »Rücken« ist also längst keine typische Altersbeschwerde mehr, man könnte fast sagen im Gegenteil. So winkt eine andere Kollegin auch direkt ab: »Ich fange mal besser nicht an, mein Leid zu klagen.« Sie habe auf die harte Tour lernen müssen: »Prävention ist nicht nur eine üble neoliberale Gesundheitsideologie, sollte man machen.«

Und weil in Bewegung bleiben die beste Prävention ist, schauen Sie gern auf der Leipziger Buchmesse (19. bis 22. März) vorbei. Am Stand des Ca-ira-Verlags können Sie nicht nur kluge Bücher erhalten, sondern auch die neuste Ausgabe der Jungle World abgreifen und mit den Mitarbeiterinnen Ihrer Lieblingszeitung ins Gespräch kommen.

Am Freitagabend um 19 Uhr präsentieren wir dann im Tanzcafé »Ilses Erika« gemeinsam mit dem Ventil-Verlag die Buchpremiere des Sammelbands »Bored Teenagers«. Es lesen neben anderen Christine Keppeler, Bettina Wilpert und unser Autor Thorsten Mense aus ihren Texten zu 50 Jahre Punkgeschichte.