19.03.2026
Kritik an Reza Pahlavi

Die Pahlavi-Falle

Reza Pahlavi beansprucht die Führung der iranischen Opposition und will nach einem Sturz des Regimes die Geschicke des Irans in die Hand nehmen. Kritik an seinen national-autoritären Vorstellungen, die vor allem Minderheiten vor den Kopf stoßen und den emanzipatorischen Gehalt der Bewegung »Frau, Leben, Freiheit« vermissen lassen, wehren Pahlavis Anhänger aggressiv ab.

In der Opposition zur Islamischen Repu­blik Iran wird teilweise heftig über die Haltung zu Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten Schahs, gestritten. Wie ist seine politische Rolle zu bewerten – oder ist das derzeit die falsche Frage? Yevgen Bruckmann und Moritz Y. Meier argumentierten, Kritik an Pahlavi bedeute keine Entsolidarisierung mit den Kämpfen gegen die Islamische Republik (Jungle World 9/2026). Andreas Benl schrieb, derzeit könne nur Reza Pahlavi eine gesamtiranische Opposition anführen, um das Regime zu stürzen (11/2026).

 

In einer beispiellosen Medienkampa­gne wurde im Zuge der jüngsten Massenerhebungen gegen das iranische Regime Reza Pahlavi als Führungsfigur in der Exilopposition propagiert. Seine Anhänger:innen sehen in ihm einen Anführer, der internationale Unterstützung mobilisiert und im Iran nach einem Regimewechsel Einheit und ­Stabilität garantieren könnte. Er werde, so hoffen sie, als Übergangsherrscher die Bevölkerung über die Staatsform entscheiden lassen, einen gesellschaftlichen Zusammenbruch verhindern und dem Land helfen, an die Moder­nisierung unter seinem Großvater Reza Shah Pahlavi und seinem Vater ­Mohammad Reza Pahlavi, dem 1979 gestürzten letzten Schah des Iran, anzuknüpfen.

Kritiker:innen werden von Pahlavis Anhängern als »Spalter« bezeichnet, bedroht und aufgefordert zu schweigen. Der Sturz des Regimes habe Vorrang und die Mehrheit der Iraner:in­nen unterstütze Reza Pahlavi, heißt es. ­Notwendige Kritik wird als Verrat oder ­Unterstützung der Mullahs diskreditiert. Demokratie allerdings erfordert, dass Kritik offen und ohne Rücksicht geäußert wird.

Die Lehre von 1979 lautet, sich eben nicht einem mächtiger erschei­nen­den Führer anzuschließen, sondern auf menschenrechtlichen und demokratischen Forde­rungen zu beharren.

Derzeit herrscht Krieg zwischen den USA und Israel auf der einen Seite und dem Regime auf der anderen. Nach dem Tod des Obersten Führers Ali ­Khamenei wurde dessen Sohn, ­Mojtaba Khamenei, zu seinem Nachfolger bestimmt und die Revolutionsgarden haben ihre Kontrolle über den iranischen Staat gefestigt. Sollte auch der neue Oberste Führer getötet werden, könnten die Revolutions­garden vollends die Macht an sich reißen, oder das Land könnte bei einem Regimesturz in führungsloses Chaos abrutschen. Reza Pahlavi gilt nun als einfache Antwort auf eine hochkomplexe Realität: Ohne organisatorische Verankerung im Land, ohne Rückhalt in den pluralen Oppositionsstrukturen eines multinationalen und multikulturellen Iran, soll er als »Vater« des Landes, wie er sich selbst sieht, mit einem nationalistisch-autoritärem Programm eines der brutalsten Regimes unserer Zeit ablösen.

Die von Reza Pahlavi propagierte Übergangsregierung, wie sie der in den USA ansässige Think Tank National Union for Democracy in Iran (­NUFDI) in einem rund 160seitigen Papier skizziert hat, offenbart ein grundlegendes Defizit: Es fehlt eine Strategie dafür, wie die Bevölkerung das Regime ­stürzen kann.

Mangels eines gesellschaftlich verankerten Transformationsplans hofft Pahlavi auf Unterstützung durch die USA und Israel sowie auf Teile des iranischen Repressionsapparats, die sich ihm anschließen sollen. US-Präsident Donald Trump jedoch hat Pahlavi bereits zweimal öffentlich als nicht geeignet für eine von den USA unterstützte Machtübernahme abgetan, weil er nicht über ausreichend Unterstützung im Land verfüge.

Das Dokument sieht zudem vor, dass die Mitglieder der drei zentralen staatlichen Gewalten der Übergangsregierung von Pahlavi selbst bestimmt werden. Die dreijährige Übergangsphase kann demnach einseitig verlängert werden. Zudem wäre die provisorische Regierung befugt, das Kriegsrecht zu verhängen.

Aus Kreisen von Pahlavis Anhängern stammt der Slogan »Mann, Heimat, Fortschritt«, womit sich diese ­gegen die wichtigste Freiheitsbewegung »Jin, Jiyan, Azadî« (Frau, Leben, Freiheit) stellen, die von Frauen, politischen ­Gefangenen und ethnischen Minderheiten getragen wird. Bei De­monstra­tionen seiner Anhänger sind immer wieder auch reaktionär-monarchistische Slogans wie »Eine Nation, eine Flagge, ein Führer«, »Javid Shah – King Reza Pahlavi« sowie »Tod den drei Verdor­benen: Mullahs, Linken, Mujahedin« zu hören.

Zugleich beschwört Pahlavi natio­nale Einheit und Opferbereitschaft. Eine kurz vor Beginn der Angriffe der USA und Israels auf den Iran veröffentlichte Erklärung Pahlavis wirkt wie eine ­Drohung gegen das neu gegründete »Bündnis der politischen Kräfte Kurdistans im Iran«. Darin prangert er »Separatisten« an und ignoriert die ­legitimen Forderungen kurdischer Parteien nach Selbstbestimmung. Dieses Selbstbestimmungsrecht fordern die Kurden seit Jahrzehnten – zunächst im Widerstand gegen die Schah-Diktatur, später gegen die Islamische Repu­blik. Und sie haben dafür einen hohen Preis gezahlt (Jungle World 7/2026). Pah­lavi fordert nicht nur implizit seine Anhängerschaft dazu auf, ­gegen die »Separatisten« vorzugehen, er fordert auch die »iranische« Armee auf, »ihrer nationalen und patriotischen Pflicht nachzukommen« und den »Iran gegen die Islamische Republik und ­Separatisten zu verteidigen«.

Aus Kreisen von Pahlavis Anhängern stammt der Slogan »Mann, Heimat, Fortschritt«, womit sich diese ­gegen die wichtigste Freiheitsbewegung »Jin, Jiyan, Azadî« (Frau, Leben, Freiheit) stellen.

Das Regime seines Vaters, ­Mohammad Reza Pahlavi, gehörte in den siebziger Jahren zu den schlimmsten Menschenrechtsverletzern weltweit. Folter, politische Morde und systematische Repression durch die Geheimpolizei Savak waren feste Bestandteile der Herrschaft im Iran. Etliche Mitglieder des Savak dienten sich nach dem Umsturz Khomeini an.

Pahlavi behauptete Mitte vergangenen Jahres, dass ihn bis zu 100 000 Regime-Insider unterstützen würden; ­Repressionsapparate der Islamischen Republik könnten teilweise in künf­tige Strukturen integriert werden. Aber wo waren seine Sympathisanten am 9. und 10. Januar, als die Protestierenden zu Zehntausenden massakriert wurden?

Dass derzeit insbesondere deutsche Verbündete der iranischen Freiheits­bewegung das Pahlavi-Ticket verkaufen wollen und behaupten, er allein sei »israelfreundlich« und die einzige ­Option, um das Regime zu unterstützen, ist in der Hauptsache tragischer Resignation angesichts der nieder­geschlagenen Aufstände der vergangenen Jahrzehnte geschuldet. In dieser Sicht ist ein Regimewechsel, auch ein schlechter, dem vorzuziehen, auf der Forderung nach Recht auf Freiheit und Demokratie für alle im Iran le­benden Menschen zu bestehen.
Die Vehemenz, mit der jene angegangen werden, die es wagen, das Schah-Ticket zu kritisieren, erinnert an die deutsche Nachkriegszeit, als so manche Deutsche und ihre Medien den Schah wie einen Ersatzkaiser ­feierten.

Reza Pahlavis Berater Saeed ­Ghasseminejad sagte im Interview mit der Taz über Pahlavi: »Das Volk hat ihn zu seinem Anführer gewählt, der diese Revolution leiten soll. Sollten einige Gruppen seine Führung noch nicht an­erkannt haben, werden sie dies nach und nach tun. Unweigerlich werden sie sich dem Schwung dieser Volksmehrheit anpassen müssen.«

Gewählt wurde Pahlavi natürlich nie, vor allem nicht von den Bewohnern des Iran. Derartige Aussprüche erinnern eher an die von Theodor Adorno beschriebene »Irrationalität der widerstandslosen und emsigen Anpassung an die Realität«, die »für den Einzelnen vernünftiger als die Vernunft« wird, wobei diese Realität mit einer teuren Medienkampagne produziert worden ist. Mit Vertrauen in die demokratische Entscheidungsfindung einer frei ihre Regierung bestimmenden Bevölkerung haben solche Ankündigungen nichts zu tun.

Pahlavis Einheitsgebot erinnert an die Revolution von 1979: Als Ergebnis der revolutionären Einheit mit den ­Islamisten wurden Linke, Liberale, ­Feministinnen und nationale Minderheiten ausgeschaltet, Ruhollah ­Khomeini errichtete ein noch autori­täreres System als das des Schahs. Die Lehre von 1979 lautet, sich eben nicht einem mächtiger erscheinenden ­Führer anzuschließen, sondern auf menschenrechtlichen und demokra­tischen Forderungen zu beharren.

Keine Kultfiguren – gleich welcher ideologischen Couleur – dürfen zu Heilsgestalten erhoben werden.

Die Linken, Liberalen, Feministinnen und nationalen Minderheiten haben immer wieder eingefordert, sich der Verantwortung dafür zu stellen, dass sie sich irrsinnigerweise mit den ­Islamisten verbündet hatten. Die ­meisten haben diese Verantwortung übernommen. Der Sohn des Schahs und seine Anhänger hingegen haben die Rolle der Monarchie für die Machtübernahme der Ayatollahs nie auf­­ge­arbeitet.

Pahlavi ist nicht bereit, sich von ­seinem Vater oder seinem Großvater zu distanzieren, der die Schia als Staats­religion oktroyierte. Beide ver­sahen die Ayatollahs mit einer bis ­dahin unerreichten Machtfülle. Sein Sohn aber weigert sich, die eine Verantwortung zu übernehmen, die ihm, wie es Jean Améry formulierte, auf­erlegt ist: »Es geht euch nichts an, was geschah, denn ihr wusstet nicht oder wart zu jung oder noch nicht einmal auf dieser Welt? Ihr hättet sehen müssen und eure Jugend ist kein Freibrief und brecht mit eurem Vater.«

Keine Kultfiguren – gleich welcher ideologischen Couleur – dürfen zu Heilsgestalten erhoben werden. Das gilt auch für monarchistische Ersatz­phantasien, die von nationalkonservativen oder rechtspopulistischen Kreisen in den USA, Deutschland und letztlich hinter den Kulissen von den Golfmonarchien mit einer überbordend ­finanzierten Kampagne in Medien wie Manoto TV und Iran International ­aufgebaut werden; rechte Politiker in den USA und Europa, die Bild-Zeitung und durchinszenierte Massendemonstrationen tragen das Ihre dazu bei. Die Monarchien am Golf würden alles tun, um eine von Frauen geprägte Revolu­tion im Iran zu verhindern. Die iranische Opposition ist aber kein Projek­tionsobjekt für autoritäre Sehnsüchte, sondern führt einen eman­zipato­rischen Kampf gegen religiösen ­Faschismus.

Die Gesichter der kommenden Revolution sind das von Jina Mahsa Amini, die Gesichter der Hingerichteten, der Frauen in den Gefängnissen, der Mädchen auf den Straßen, der Mütter, die ihre Kinder zu Grabe tragen – und nicht das Gesicht König Pahlavis.

Die iranische Revolution gehört den Töchtern – nicht den Vätern.