Die letzte Trumpfkarte der Mullahs
In der dritten Woche des Kriegs zwischen dem Iran auf der einen und Israel sowie den Vereinigten Staaten auf der anderen Seite hat sich eine Meerenge im Nahen Osten als kritisch für die Weltwirtschaft erwiesen: die Straße von Hormuz. Seit Beginn der gemeinsamen US-amerikanischen und israelischen Luftangriffe am 28. Februar blockiert der Iran faktisch die Durchfahrt für Öltanker, was die Märkte in Panik versetzte. Die wird nicht nur durch steigende Ölpreise gefördert, sondern auch durch die Befürchtung, dass eine der wichtigsten Routen des Welthandels dauerhaft gestört bleiben könnte.
Der Iran betont, die Meerenge nicht formell gesperrt zu haben, sondern die Durchfahrt von Schiffen lediglich von seiner Genehmigung abhängig zu machen. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie unsicher der Iran die Durchfahrt machen kann. Durch Drohungen und mehrere Drohnenangriffe auf Öltanker hat das Mullah-Regime den Verkehr und damit die wirtschaftliche Funktion der Wasserstraße seit Kriegsbeginn auch ohne eine offizielle Schließungserklärung nahezu vollständig lahmgelegt. Auf iranischer Seite ist die Insel Kharg der bei weitem wichtigste Knotenpunkt des Ölexports: Rund 90 Prozent der iranischen Ölexporte laufen über das dortige Terminal. Die USA haben militärische Ziele auf Kharg angegriffen und gleichzeitig gewarnt, dass eine fortgesetzte Behinderung des Schiffsverkehrs zu Angriffen auf die Ölinfrastruktur führen könnte.
Unter Kriegsbedingungen verschärft sich die ohnehin tiefe Rezession der iranischen Wirtschaft. Viele Haushalte müssen auf Ersparnisse zurückzugreifen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten.
Mittel im Überlebenskampf
Konteradmiral Ali Shamkhani, ein Mitglied des iranischen Schlichtungsrats und ehemaliger Sekretär des Sicherheitsrats des Landes, der am 28. Februar getötet wurde, hatte bereits während des Zwölftagekriegs mit Israel über die Möglichkeit einer Schließung der Straße von Hormuz gesprochen. Nachdem er einen Raketenangriff auf sein Haus überlebt hatte, nannte er dies das »Ausspielen der letzten Karte« – ein persischer Ausdruck für einen letzten riskanten Schritt in einer Situation, in der es um Leben und Tod geht. Damals fügte er hinzu: »Wir haben dieses Stadium noch nicht erreicht.« Doch nach weiteren Angriffen Israels und der USA scheint der Iran nun mit seinen jüngsten Aktionen, einschließlich Raketenangriffen auf Nachbarländer, diese letzte Karte zu spielen.
Indem der Iran die maritime Sicherheit in der Straße von Hormuz bedroht, versucht er offenbar, wirtschaftlichen Druck aufzubauen, um die USA von weiteren militärischen Schlägen abzuhalten. Die Ölpreise sind zwar von einem Höchststand von an die 120 auf rund 100 US-Dollar pro Barrel zurückgegangen, bleiben aber weiterhin extrem volatil. Der Beginn der Kampfhandlungen trieb den Crude Oil Volatility Index, einen US-amerikanischer Börsenindex, rasch auf den höchsten Stand seit Beginn der Covid-19-Pandemie.
Auch Benzin- und Erdgaspreise sind in den vergangenen Wochen nahezu weltweit stark gestiegen. Die Internationale Energieagentur (IEA) und große Industriestaaten haben die größte koordinierte Freigabe von Ölreserven in der Geschichte diskutiert – betonen aber zugleich, dass der Schlüssel für eine Beruhigung der Märkte die Wiederherstellung sicherer Durchfahrt durch die Straße von Hormuz ist. Diese passierten nach Angaben der US-Energieinformationsbehörde EIA passierten im ersten Halbjahr 2025 durchschnittlich 20,9 Millionen Barrel pro Tag – etwa 20 Prozent des weltweiten Verbrauchs an Erdöl und rund ein Viertel des weltweiten Ölhandels auf dem Seeweg.
Es geht jedoch nicht nur um Öl. Die IEA schätzt, dass 2024 rund 20 Prozent des weltweiten Handelsvolumens mit Flüssiggas (LNG) die Meerenge passierten, hauptsächlich aus Katar und in geringerem Umfang aus den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE). Auch die IEA warnt, dass eine Schließung der Meerenge LNG-Exporte aus Katar und den VAE blockieren könnte. Da es keine effektive Alternativroute für LNG-Transporte gibt, könnte die daraus resultierende Gasverknappung erheblich sein.
US-Präsident Donald Trump forderte Staaten, deren Ölimporte durch die Straße von Hormuz verlaufen, offen dazu auf, Seestreitkräfte zu entsenden. Die Reaktionen fielen kühl aus.
Gewinner und Verlierer
Saudi-Arabien war 2024 der größte Exporteur von Rohöl durch die Straße von Hormuz, dies machte 38 Prozent des gesamten Rohölflusses aus. Auf der Nachfrageseite zeigt sich, wer am meisten unter einer Sperrung leiden würde: In Asien sitzen die Hauptabnehmer für Energie, die durch die Straße von Hormuz transportiert wird. Schätzungen zufolge gehen rund 80 Prozent des durch die Meerenge transportierten Öls und Gases nach China, Indien, Japan und Südkorea. Nach Angaben der IEA entfielen hingegen 2025 lediglich 600.000 Barrel pro Tag – rund vier Prozent der regionalen Rohöltransporte durch die Straße von Hormuz – auf den europäischen Markt.
Die USA wiederum sind durch steigende heimische Produktion in den vergangenen Jahren und eine stärkere Kontrolle über venezolanische Ölressourcen nach der Entführung von Präsident Nicolás Maduro im Januar relativ gut vor der Krise geschützt. Die direkte Abhängigkeit von Importen aus dem Golf ist gesunken. Als weltweit größter Ölproduzent überschritten die USA im Juli 2025 eine durchschnittliche Fördermenge von 13,5 Millionen Barrel pro Tag. Allerdings stiegen auch dort die Benzinpreise rasch an, als die weltweiten Ölpreise in die Höhe schossen: Zwischen dem 28. Februar und dem 11. März erhöhten sie sich um rund 20 Prozent.
Um den Ölpreissteigerung einzudämmen, haben die USA nahezu alle verfügbaren politischen Hebel genutzt und nähern sich den Grenzen dessen, was damit erreicht werden kann. Das wichtigste Mittel ist bislang die Freigabe strategischer Ölreserven. Die IEA-Mitgliedsländer beschlossen die Freigabe von mehr als 400 Millionen Barrel aus Notvorräten – die größte koordinierte Aktion in der Geschichte der Organisation. Der US-Anteil beläuft sich auf 172 Millionen Barrel. Zugleich erteilten die USA eine 30tägige Ausnahmegenehmigung, die es Ländern erlaubt, sanktionsfrei russisches Öl und Erdölprodukte zu kaufen.
Die vorübergehende Lockerung der Sanktionen hat die USA erneut in Konflikt mit ihren europäischen Verbündeten gebracht und die Krise noch komplexer gemacht. Darüber hinaus forderte US-Präsident Donald Trump Staaten, deren Ölimporte durch die Straße von Hormuz verlaufen, offen dazu auf, Seestreitkräfte zu entsenden. In einem Beitrag auf Truth Social schrieb er, dass diese Länder Verantwortung für den Schutz der Meerenge übernehmen sollten, die Vereinigten Staaten würden dabei »viel helfen«. Die Reaktionen fielen kühl aus. Deutschland, Griechenland, Australien und Japan teilten mit, sie planten nicht, Kriegsschiffen zu entsenden.
Während die militärischen Fähigkeiten der Islamischen Republik von Tag zu Tag zu schwinden scheinen, erweist sich die Sperrung der Straße von Hormuz möglicherweise ihr bislang wirksamstes Instrument.
Irans Wirtschaft unter Druck
Während die militärischen Fähigkeiten der Islamischen Republik von Tag zu Tag zu schwinden scheinen, erweist sich die Sperrung der Straße von Hormuz möglicherweise ihr bislang wirksamstes Instrument. Auf den ersten Blick scheint das Regime damit seine Trumpfkarte zu spielen, um die Ölpreise in die Höhe zu treiben. Doch für die stark sanktionierte iranische Wirtschaft bringt dies kaum Vorteile. Stattdessen gefährdet es die eigenen Exporte, insbesondere vor dem Hintergrund möglicher militärischer Schläge gegen die Insel Kharg. Trotz des Kriegs exportiert der Iran weiterhin zwischen 1,1 und 1,5 Millionen Barrel Öl pro Tag, wobei China der größte Abnehmer ist. Sollte die Infrastruktur von Kharg ernsthaft beschädigt werden, könnten bis zu zwei Millionen Barrel pro Tag aus dem weltweiten Angebot verschwinden, was die Lage weiter verschärfen würde.
Gleichzeitig erleben viele Iraner, wie ihre Lebensgrundlagen unter dem Druck des Kriegs schwinden. Unternehmen sind bereits seit mehr als drei Monaten von Internetstörungen und -abschaltungen betroffen. Unter Kriegsbedingungen verschärft sich die tiefe Rezession der Wirtschaft. Devisenzuflüsse sind fast vollständig zum Erliegen gekommen, weshalb viele Haushalte auf Ersparnisse zurückzugreifen müssen, um ihren Lebensunterhalt zu bestreiten. Die iranische Wirtschaft ist strukturell anfällig, da sie stark von Öl-, Petrochemie- und Stahlexporten abhängt. Kriegsbedingte Schäden an der Infrastruktur in diesen Sektoren könnten das Land in seiner Entwicklung um Jahrzehnte zurückwerfen.
Obwohl US-Regierungsvertreter bislang wenig Interesse daran gezeigt haben, gezielt wirtschaftliche Infrastruktur angreifen zu lassen, bleibt dieses Risiko bestehen, sollte der Krieg außer Kontrolle geraten. Das iranische Arbeitsministerium hat kürzlich die Löhne um 60 Prozent angehoben, was ungefähr der Inflation in den ersten acht Monaten des vergangenen iranischen Jahres entspricht, das jeweils im März beginnt. Dennoch liegt der Mindestlohn von unter 20 Millionen Toman pro Monat nun dem freien Marktwert nach bei umgerechnet etwa 120 Euro. Offizielle Regierungsschätzungen beziffern die Lebenshaltungskosten für einen durchschnittlichen Haushalt auf rund 50 Millionen Toman monatlich.
Angesichts der eskalierenden Krise erwartet die Investmentbank Goldman Sachs, dass der durchschnittliche Preis der für Europa wichtigsten Rohölsorte Brent im weiteren Verlauf des März 100 US-Dollar übersteigen wird. Bleibt die Straße von Hormuz gesperrt, seien sogar Preise nahe historischen Höchstständen von 150 Dollar möglich. Sobald die Straße wieder offen wäre und der Krieg zu Ende, würden die Preise demnach aber wieder in den Bereich von 70 Dollar fallen.
Vorläufig aber bleiben die globalen Öl- und damit auch die Benzinpreise hoch. Die Notfallfreigabe von Ölreserven durch die Regierung Trump, die Lockerung von Sanktionen gegen Russland sowie der Druck auf Verbündete, die Meerenge zu sichern, sind ein implizites Eingeständnis dessen. Andererseits zeigen die Daten, dass die Verknappung fossiler Energieträger und die Lieferkettenstörungen zunächst am stärksten Asien belasten werden, gefolgt von Europa, das besonders anfällig für steigende Erdgaspreise bleibt.