12.03.2026
Diskussion über Reza Pahlavi

Es geht ums Ganze

Um die Islamische Republik zu stürzen, braucht es eine gesamtiranische Opposition, die die Macht übernimmt, und die Führungsfigur dieser Opposition ist derzeit Reza Pahlavi. Die von den verschiedensten Seiten an ihm geäußerte Kritik ist oft nicht stichhaltig.

In der iranischen Opposition wird teilweise heftig über die Haltung zu Reza Pahlavi, dem ältesten Sohn des letzten Schahs, gestritten. Wie ist seine politische Rolle zu bewerten – oder ist das derzeit die falsche Frage? Yevgen Bruckmann und Moritz Y. Meier argumentierten, Kritik an Pahlavi bedeute keine Entsolidarisierung mit den Kämpfen gegen die Islamische Republik.

 

»Dieses Regime kann sich nur selbst stürzen«, meinte Anfang Februar Guido Steinberg von der staatsnahen Stiftung Wissenschaft und Politik in einer Fernsehtalkrunde zum Iran. Ein »abgehalfterter Sohn eines Ex-Monarchen aus Kalifornien« sei ganz bestimmt keine realistische Alternative. Die Schmähung zielte auf Reza Pahlavi, den ältesten Sohn des 1979 gestürzten Schahs Mohammad Reza Pahlavi.

Steinberg stützt seine Aussagen auf ein hierzulande gängiges Verständnis der normativen Kraft des Faktischen, dem zufolge es zum Teheraner Regime – auch nach dem in der Geschichte des Iran in seinem Ausmaß präzedenzlosen Massenmord an seinen Bürgern im Januar – keine Alternative gebe. Wandel wird höchstens aus dem inneren Kreis der herrschenden Islamisten heraus für möglich gehalten.

Reza Pahlavi hat spätestens mit seinem Besuch in Israel im April 2023 klargemacht, dass Antizionismus keine Option für eine von ihm geführte Opposition ist.

Auch die sich in immer kürzerer Folge ereignenden und in ihren Slogans immer radikaleren Aufstände gegen die Herrscher der Islamischen Republik ändern nichts an diesem deutschen Urteil. In weniger als einem Jahrzehnt ereigneten sich 2017/2018, 2019, 2022 und nun in den vergangenen Monaten vier große politische Eruptionen im Iran, auf die das Regime zuletzt nur noch mit Hilfe seiner ausländischen Milizen und einem zweitägigen Massaker an Zehntausenden von Iranern zu reagieren wusste.

Dem weitgehenden Schweigen der deutschen Politikberatung zur auf Umsturz drängenden iranischen Opposition im Allgemeinen und zu Reza Pahlavi im Besonderen stehen heftige Auseinandersetzungen in politaktivistischen Zirkeln gegenüber. Die Liste derer, die Pahlavi inbrünstig ablehnen, ist lang: Sie reicht von bekannten Regimelobbyisten über iranische und westliche Linke bis zu konservativen Influencern und sogar Teilen der israelsolidarischen Szene. Man schwankt zwischen der Behauptung, Pahlavis Popularität sei nur ein Medienhype, und Warnungen vor einem »Pahlavi-Faschismus« nach dem Ende der Islamischen Republik.

Diesem diffusen Widerwillen steht die Tatsache gegenüber, dass die Resonanz auf Pahlavis Demonstrationsaufrufe sowohl im Iran im Januar als auch im Exil am 14. Februar unbestreitbar enorm war. Allein in München kamen nach Polizeiangaben 250 000 Menschen zusammen, ähnlich große Demonstrationen gab es in Toronto und Los Angeles. Die Alternativkundgebungen der oppositionellen Gegner Pahlavis in Brüssel und Berlin umfassten jeweils nur einige Tausend Demonstranten.

Dass vor allem die Menschen im Iran Hoffnungen in eine koordinierende Führungsfigur der Exilopposition setzen, erscheint wenig überraschend. Das Regime ertränkt im Iran jeden Anlauf zu oppositioneller Organisierung in Blut, eine spontaneistische Umsturzstrategie ist gegen solch eine Diktatur keine Option. Und auch jede andere Oppositionsfraktion müsste sich für eine Übergangszeit das Ziel setzen, eine provisorische Regierung zu bilden, was noch kein Indiz für diktatorische Machtgelüste ist, wie sie Pahlavi von seinen Gegnern vorgeworfen ­werden.

Reza Pahlavi präsentiert sich nicht als Thronanwärter, sondern als Inte­grationsfigur für einen Übergang in ein durch ein Referendum zu bestimmendes demokratisches System – sei es eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie. Deshalb unterstützen ihn auch viele Iraner, die nicht von Haus aus Monarchisten sind, als den prominentesten iranischen Oppositionellen.

Reza Pahlavi präsentiert sich nicht als Thronanwärter, sondern als Inte­grationsfigur für einen Übergang in ein durch ein Referendum zu bestimmendes demokratisches System – sei es eine Republik oder eine konstitutionelle Monarchie. Deshalb unterstützen ihn auch viele Iraner, die nicht von Haus aus Monarchisten sind, als den prominentesten iranischen Oppositionellen. Ein zentrales Motiv ist, Unterstützung durch einen prominenten Anführer der systemfeindlichen Opposition zu haben, der international Gehör findet, anstatt sich weiter von deutschen und westlichen Experten sagen lassen zu müssen, dass ein Wandel aus dem Regime der antisemitischen Massenmörder heraus das Einzige sei, was man erhoffen könne.

Die vier Kernpunkte, die Pahlavi als sein Programm vorträgt – territoriale Integrität, Säkularismus, Grundrechte und Demokratie – genießen Zustimmung weit über das Lager seine monarchistischen Anhänger hinaus. Ein weiterer wichtiger Faktor von Pahlavis Aufstieg ist die Auseinandersetzung über die Geschichte der Revolution von 1979. Die Opposition ist weniger in Monarchisten und Republikaner gespalten, sondern in jene, die auch als Gegner der Islamischen Republik die Revolution von 1979 verteidigen wollen, und jene, die dies vehement ­ablehnen.

Dass fast alle säkularen nichtmonarchistischen Kräfte vor einem halben Jahrhundert unter dem Dach der Islamisten zusammenströmten, ist ein traumatisches Ereignis in der iranischen Geschichte. Linke und liberale Revolutionäre akzeptierten damals nicht einmal das Interregnum des vom Schah kurz vor seiner Ausreise aus dem Iran als Ministerpräsident eingesetzten Sozialdemokraten Shapour Bakhtiar. Sie unterstellten sich stattdessen bereitwillig Ruhollah Khomeini, dem Gründer der Islamischen Republik. Dieses historische Versagen stärkt heute das Vertrauen in Pahlavi, der von sich sagen kann, nichts mit dem dystopischen Umsturz zu tun gehabt zu haben, der das Urereignis des Bündnisses von Linken und Islamisten im Zeichen des Postkolonialismus darstellt.

In der Bundesrepublik speisen sich die oft wenig informierten, aber dafür umso emotionaleren Aversionen gegen Reza Pahlavi auch aus der Tatsache, dass die Proteste gegen den Besuch seines Vaters in West-Berlin und der tödliche Schuss eines Polizisten auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei Protesten dagegen maßgebliche Ereignisse für die Entstehung der Neuen Linken in Westdeutschland waren.

In der Bundesrepublik speisen sich die oft wenig informierten, aber dafür umso emotionaleren Aversionen gegen Reza Pahlavi auch aus der Tatsache, dass die Proteste gegen den Besuch seines Vaters in West-Berlin und der tödliche Schuss eines Polizisten auf Benno Ohnesorg am 2. Juni 1967 bei Protesten dagegen maßgebliche Ereignisse für die Entstehung der Neuen Linken in Westdeutschland waren. Die Erinnerung an den vermeintlich antifaschistischen Kampf gegen den Schah hilft, die schwache Auseinandersetzung der Achtundsechziger mit dem Nationalsozialismus einerseits und die beschämende Begeisterung westlicher Linker von Michel Foucault bis Joschka Fischer für die Islamische Revolution zwölf Jahre später andererseits zu überdecken.

Schließlich stellt sich die Frage: Gibt es eine Alternative zu Reza Pahlavi als Anführer der iranischen Opposition? Die in Europa besonders stark unterstützte Menschenrechtlerin und Friedensnobelpreisträgerin Narges Mohammadi, die derzeit im Iran im Gefängnis sitzt, genießt im Westen anscheinend größere Bekanntheit und Beliebtheit als dort. Ihr Mann Taghi Rahmani hat sich angreifbar gemacht, da er im Februar eine Stellungnahme veröffentlichte, die viele als Rechtfertigung der Gewalt des Regimes gegen Demonstranten im Januar sehen.

Etliche iranische Linke, die den Anhängern Pahlavis sonst Nationalchauvinismus vorwerfen, argumentierten im Junikrieg 2025 zwischen Israel und der Islamischen Republik Iran plötzlich selbst vermeintlich national, als sie Pahlavi vorwarfen, dass er Israels Angriffe gegen die iranischen Revolutionsgarden nicht verurteilt habe. Pahlavi hatte dagegen spätestens mit seinem Besuch in Israel im April 2023 klargemacht, dass Antizionismus keine Option für eine von ihm geführte Opposition ist. Damit hat er einen wesentlichen Schritt gemacht, um den antisemitischen Bann der Islamischen Republik über die iranische Gesellschaft zu ­brechen.

Die lange Zeit von den Herrschern in Teheran als kompromisslose Gegner aller Fraktionen des Regimes gefürchteten islamischen Volksmujahedin erklärten anlässlich des Junikriegs von 2025 ihre taktische Zurückhaltung mit Kritik an Forderungen des Reformislamisten und ehemaligen Ministerpräsidenten und Präsidentschaftskandidaten Mir Hussein Mousavi nach einem Referendum über das Schicksal der Islamischen Republik, da Attacken gegen Mousavi nur Khamenei nützen würden. Im Gegensatz zu Pahlavi argumentiert Mousavi für eine Einheit unter der Schirmherrschaft des Regimes, beziehungsweise für eine Selbstabschaffung desselben durch Reformen.

Mit ihren Attacken gegen die Repressionskräfte der Islamischen Republik agieren die Armeen der USA und Israels temporär de facto als Luftwaffe der iranischen Opposition

Bleiben noch die kurdischen politischen Parteien, die allerdings mit Ausnahmen gar keinen Anspruch darauf erheben, an einer gesamtiranischen Umsturzstrategie gegen die Islamische Repu­blik teilzuhaben. Ende Februar bildeten fünf iranisch-kurdische Parteien die »Koalition der politischen Kräfte des iranischen Kurdistans« und betonten das »Recht auf Selbstbestimmung des kurdischen Volkes in Ostkurdistan«. Die von Abdullah Mohtadi geführte Partei Komala blieb der Koalition zunächst mit der Begründung fern, die Erklärung der Parteien enthalte keinen klaren Aktionsplan für gemeinsames politisches Handeln – revidierte diese Absage aber am 4. März. Als profiliertester kurdischer Anführer, der in der Vergangenheit auch mit Pahlavi und anderen iranischen Oppositionellen zusammengearbeitet hat, war Mohtadi möglicherweise ursprünglich besorgt, dass eine interpretationsoffene, unkonkrete Absichtserklärung dieser Koalition lediglich Ängste vor Separatismus schüren könne, anstatt einen effektiven Beitrag zum Sturz des Mullah-Regimes zu leisten.

Mit dem Angriff der USA und Israels auf die Herrscher in Teheran seit dem 28. Februar werden die Karten neu gemischt. Mit ihren Attacken gegen die Repressionskräfte der Islamischen Republik agieren die Armeen der USA und Israels temporär de facto als Luftwaffe der iranischen Opposition. Die offene Frage ist, ob beziehungsweise wann relevante Teile der iranischen Armee oder gar der Revolutionsgarden sich für neutral erklären oder sich gegen das Regime stellen werden.

Trump ventiliert verschiedene mögliche endgames inklusive der Möglichkeit einer Machtübernahme durch einen dem Westen eher wohlgesinnten Regime-Insider. Es gibt Berichte über eine Unterstützung kurdischer bewaffneter Gruppen durch die USA. Beides wären lediglich Optionen für eine Umstrukturierung beziehungsweise Schwächung des Regimes. Ein Ende der Islamischen Republik kann aber nur eine gesamtiranische Opposition bewirken – und deren unbestreitbar populärste Führungsfigur ist momentan Reza Pahlavi.