»Das iranische Regime ist noch nicht am Ende«
Seit Monatsanfang gibt es täglich Raketenalarm in Israel, auch Einschläge mit Toten und Verletzten. Was hat die israelische Bevölkerung in den kommenden Tagen noch zu erwarten?
Ein großer Teil der iranischen Abschussanlagen ist bereits zerstört worden, und das macht sich inzwischen bemerkbar. Die Häufigkeit und die Intensität der Angriffe nehmen ab.
Und trotzdem ist das Leben in Israel immer noch stark beeinträchtigt, ständig sind Sirenen zu hören und die Menschen müssen in die Luftschutzräume laufen …
»Natürlich wünschen wir uns einen Regimewechsel in Teheran. Aber weder Israel noch die USA sind in der Lage, ein politisches System von außen einfach zu ersetzen.«
Der Iran feuert derzeit meist nur noch einzelne oder wenige Raketen gleichzeitig ab – nicht mehr die großen Salven wie zu Beginn des Kriegs. Nicht, weil sie es nicht wollten, sondern weil sie es nicht mehr können und zudem einen Teil ihres Arsenals als Reserve zurückhalten. Ich gehe davon aus, dass die Angriffe auf Israel im Laufe der Zeit weiter abnehmen werden. Stattdessen dürfte sich die iranische Kriegsführung stärker gegen die Golfstaaten richten. Der Iran verfügt über mehr Raketen mit kürzerer Reichweite, die Israel nicht erreichen können.
Berichten zufolge haben die Vereinigten Arabischen Emirate am vergangenen Wochenende erstmals Ziele im Iran angegriffen. Verändert das die Dynamik des Kriegs?
Die Emirate wurden in diesem Krieg von allen Golfstaaten bisher am stärksten von iranischen Raketen getroffen. Vermutlich hängt das auch mit ihren relativ engen Beziehungen zu Israel zusammen. Viele Staaten in der Region reagieren jetzt auf iranische Angriffe, zumindest symbolisch. Sie wollen damit zeigen, dass sie sich verteidigen können und nicht einfach passiv bleiben.
Was will der Iran mit seinen Angriffen auf die Golfstaaten erreichen?
Der Iran hatte schon vor Beginn des Kriegs angekündigt, dass man überall dort angreifen werde, wo US-Stützpunkte sind. Und genau das sehen wir jetzt.
Darüber hinaus versucht der Iran, den globalen Öl- und Gasmarkt zu destabilisieren. Neben den energieproduzierenden Staaten der Golfregion attackiert das iranische Regime deshalb auch die für den internationalen Energiehandel entscheidende Meerenge von Hormuz. Zudem versuchte es – wenn auch erfolglos –, durch einen Anschlag eine Ölpipeline in Aserbaidschan zu sabotieren.
Worauf zielt das ab?
Die iranische Führung hofft darauf, dass die USA empfindlich auf steigende Ölpreise reagieren. Ihr Kalkül: Wenn der Krieg die Energiepreise stark nach oben treibt, könnte Trump auf ein rasches Ende der Kämpfe drängen.
Zugleich spekuliert die iranische Führung darauf, dass die Golfstaaten für die USA strategisch zu wichtig sind, als dass sie diese wirtschaftlich oder militärisch unter starken Druck geraten lassen könnten. Auch das könnte die US-Regierung – so die Erwartung – dazu bewegen, auf eine schnelle Deeskalation hinzuwirken.
Bislang scheint all das Trump jedoch wenig zu beeindrucken. Im Iran schätzen sie den US-Präsidenten gerade falsch ein. Die Strategie bewirkt eher das Gegenteil des Geplanten: Statt Trump zum Einlenken zu bewegen, hat sie zur Konfrontation zwischen den Golfstaaten und dem Iran geführt.
Welchen Effekt hat diese Eskalation auf das Verhältnis zwischen Israel und den Golfstaaten? Führt die gemeinsame militärische Gegnerschaft zum Iran zu einer Annäherung – oder eher zu einer Distanzierung, weil Israel dafür verantwortlich gemacht wird, dass diese Länder in den Krieg hineingezogen wurden?
Ich glaube nicht, dass der Krieg die grundlegende Einstellung dieser Staaten zu Israel stark verändert. Da spielen ganz andere Faktoren eine Rolle. Vor allem ist ihnen auch klar, dass die militärische Kampagne vor allem von den USA geführt wird. Trump hat die Entscheidung zum Krieg getroffen und treibt ihn voran. Israel ist dabei ein wichtiger Partner, aber nicht die ausschlaggebende Kraft.
Für die Golfstaaten ergibt sich daraus eine komplexe Situation. Einerseits sehen sie die militärische und technologische Stärke Israels. Andererseits möchten sie nicht, dass Israel zur dominierenden Macht im Nahen Osten wird – insbesondere dann nicht, wenn das iranische Regime tatsächlich zusammenbrechen sollte.
Am Sonntagabend wurde Mojtaba Khamenei, der Sohn des getöteten Obersten Führers des Iran, Ali Khamenei, zu dessen Nachfolger ernannt. Welche Bedeutung hat das?
Das iranische Regime versucht, mit dieser Entscheidung zu signalisieren, dass das System weiterhin funktioniert und über geordnete Entscheidungsstrukturen verfügt. Realistisch betrachtet liegt die eigentliche Macht in der gegenwärtigen Situation jedoch nicht bei Khameneis Sohn, sondern bei einigen mächtigen Figuren der alten Machtelite des Regimes, wie dem Sekretär des Nationalen Sicherheitsrats, Ali Larijani, Parlamentspräsident Mohammad Bagher Ghalibaf, dem Oberbefehlshaber der Revolutionsgarden sowie der Führung des Wächterrats. Diese Figuren bestimmen derzeit maßgeblich den Kurs des Landes im Krieg. Die Ernennung von Khameneis Sohn zum neuen Obersten Führer hat eher symbolischen Charakter.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu sagte in einer Ansprache am vergangenen Samstag, Israel werde diesen Krieg »bis zum Ende« führen. Was bedeutet das? Was will Israel in diesem Krieg erreichen?
Israel will erreichen, dass der Iran weder Raketen noch nukleare Waffen herstellen kann und militärisch geschwächt wird. Kurz gesagt: Der Iran soll keine militärische Bedrohung mehr für Israel darstellen.
Aber in Israel wünscht man sich doch auch einen Fall des iranischen Regimes?
Natürlich wünschen wir uns einen Regimewechsel in Teheran. Aber weder Israel noch die USA sind in der Lage, ein politisches System von außen einfach zu ersetzen.
Im Unterschied zu westlichen Beobachtern sind viele israelische Experten davon überzeugt, dass das iranische Regime am Ende ist. Teilen Sie diese Einschätzung nicht?
Nein, zumindest nicht im Moment. Geheimdienste können vieles analysieren – militärische Fähigkeiten, Waffenprogramme oder politische Strukturen. Aber sie können nur sehr begrenzt vorhersagen, wann ein politisches System zusammenbrechen wird.
Was wir derzeit sehen, ist nicht unbedingt ein System am Rand des Kollapses. Die Revolutionsgarden bestehen weiterhin. Auch der militärische Apparat des Iran funktioniert noch. Es gibt bislang keine Anzeichen dafür, dass zentrale Institutionen auseinanderbrechen. Das kann sich natürlich ändern. Vielleicht sehen wir in einigen Wochen eine ganz andere Situation. Aber im Moment erkenne ich keine unmittelbaren Anzeichen dafür, dass das Regime morgen zusammenbrechen wird.
Warum ist die Hizbollah im Libanon in den Krieg eingetreten, indem sie Israel mit Raketen beschoss?
Die Hizbollah ist vom Iran abhängig und würde ohne ihn nicht existieren. Sie bekommt seit Jahren Geld und Waffen vom Iran und folgt deshalb dessen strategischen Entscheidungen. Hinzu kommt, dass Offiziere der iranischen Revolutionsgarden dabei geholfen haben, die Hizbollah nach dem vorigen Krieg wiederaufzubauen, und ich gehe davon aus, dass auch sie die Organisation dazu gedrängt haben, in den Krieg einzutreten.
Sowohl der Libanon als auch Syrien stellen sich deswegen jetzt entschlossener als früher gegen die proiranische Terrormiliz. Gerät die Hizbollah unter Druck?
Die Libanesen wollen nicht von der Hizbollah in einen Krieg hineingezogen werden, der ihr Land zerstört. Allerdings muss man auch sagen, dass die libanesische Regierung trotzdem nicht all zu viel unternimmt. Sie redet mehr, als sie tut. Sie hat alle möglichen Maßnahmen gegen die Hizbollah erlassen, ist aber nicht in der Lage, diese auch durchzusetzen. Denn letztendlich ist die Hizbollah militärisch stärker als die libanesische Armee. Und die libanesische Regierung will auch keinen Bürgerkrieg.
Dennoch: Die Bevölkerung des Libanon hat genug davon, dass ihre Interessen den regionalen Ambitionen des Iran untergeordnet werden. Das gilt auch für den schiitischen Teil der libanesischen Bevölkerung, der der Hizbollah als schiitischer Organisation traditionell nähersteht. Deswegen unterminiert sich Miliz mit ihrem Kriegseintritt gerade selbst.
Warum beteiligen sich die Houthis im Jemen nicht an dem Krieg? Wie die Hizbollah sind auch sie vom Iran abhängig …
Die Houthis haben noch andere strategische Interessen. Sie wollen Druck auf Saudi-Arabien ausüben, nicht in den Krieg einzutreten. Vor allem wollen sie den Jemen beherrschen und vermeiden, dass ihre Machtbasis durch eine direkte Konfrontation mit Israel zerstört wird. Israel hat ihnen im vorigen Krieg schwere Schläge versetzt. Allerdings würde ich auch nicht ausschließen, dass die Houthis doch noch in den Krieg eintreten.
Israel sind in den vergangenen Jahren immer wieder sehr präzise und erfolgreiche Operationen gegen führende Funktionäre der iranischen Revolutionsgarden und ihrer Verbündeten im Iran, im Libanon und in Syrien gelungen. Am ersten Tag des jetzigen Kriegs wurde Irans Oberster Führer Ali Khamenei getötet. Diese Erfolge stehen in starkem Kontrast zum Versagen der israelischen Sicherheitskräfte am 7. Oktober 2023, als der Angriff der Hamas auf Israel aus dem Gaza-Streifen nicht verhindert werden konnte. Auch danach dauerte es über ein Jahr, bis mit Yahya Sinwar einer der Hauptdrahtzieher der Anschläge getötet wurde. Wie erklären Sie, dass sich die Fähigkeiten der israelischen Sicherheitskräfte an diesen unterschiedlichen Fronten so stark unterscheiden?
Das hat viel mit Prioritätensetzung zu tun. Israel hat über viele Jahre einen großen Teil seiner geheimdienstlichen Ressourcen auf den Iran und die Hizbollah konzentriert, weil diese als die größte strategische Bedrohung galten. Die Hamas stand in dieser Prioritätenliste deutlich weiter unten.