05.03.2026
Kritik am Antiamerikanismus bedeutet nicht, die US-Außenpolitik zu idealisieren

Ungeschminkte Weltmacht

Antiamerikanismus als deutschnationales Ressentiment zu kritisieren, muss nicht bedeuten, imperialistisches Gebaren der USA zu ignorieren. Es geht vielmehr um einen illusionslosen Blick auf die USA als ­kapitalistischen Hegemon.

Die Kritik des linken Antiamerikanismus ist eine der wichtigsten Errungenschaften der emanzipatorischen Linken. Aus dem Interesse an der US-amerikanischen Politik und Gesellschaft entwickelte sich in diesem Teil der Linken auch eine gewisse Affinität zu den USA. Geben Präsident Donald Trumps Angriffe auf das transatlantische Bündnis und die Entwicklung der USA nach rechts Anlass, die positive Bezugnahme auf die Vereinigten Staaten zu überdenken? Andreas Thiesen (»Jungle World« 5/2026) fordert angesichts des US-ameri­kanischen Überfalls auf Venezuela die Erneuerung antikapitalistischer Kritik.

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»Kein Krieg im Irak, kein Frieden mit Deutschland!« stand auf dem Transparent, mit dem sich die Gruppe Demontage im März 2003 an einer Hamburger Demonstration gegen den Zweiten Irak-Krieg der USA beteiligte. Mit den dortigen Friedensbewegten diskutierte die Gruppe darüber, warum eine Ablehnung der US-Intervention nicht ausschloss, ebenfalls die damalige deutsche Appeasement-Politik gegenüber dem irakischen Diktator Saddam ­Hussein abzulehnen, der brutal Opposition und Minderheiten unterdrückte und Israel bedrohte. Während ein Teil der antideutschen Linken sich damals von einem regime change Demokratisierung und Freiheit versprach, beteiligten sich andere sich als emanzipatorisch verstehende Linke an den Protesten gegen den Angriff auf den Irak.

Die Ablehnung der US-Intervention im Irak 2003 begründete sich auch mit dem Wissen um den Verlauf des Golfkriegs 1991. Die Armee des Diktators Saddam Hussein hatte im August 1990 das Nachbarland Kuwait überfallen und annektiert, die von den USA angeführte internationale Kriegskoalition intervenierte daraufhin im Januar 1991 und besiegte die irakische Armee. Nachdem der Irak schließlich Kuweits Souveränität anerkannt hatte, beließ man den Diktator Hussein an der Macht. US-Präsident George H. W. Bush hatte zwar Iraker aufgerufen, sich gegen Hussein zu erheben, war aber nicht bereit, selbst einen regime change anzustreben.

Bei der hegemonialen Absicherung des weltweiten Kapitalismus standen und stehen die USA ebenso wie die Bundesrepublik oft an der Seite von Diktaturen, die sie auch mit Waffen unterstützen.

Antideutsche Linke aus der dama­ligen Gruppe K beteiligten sich in Hamburg an der Herausgabe der »Anti-Kriegs-Info« und an Aktivitäten gegen den Krieg, verurteilten gleichzeitig die Angriffe des Irak mit Scud-Raketen auf Israel und die antisemitischen Vernichtungsdrohungen Husseins. Derweil zerlegte sich die 1989 gegründete Sammlungsbewegung namens Radikale Linke. Um breitere Bündnisse gegen die US-­Intervention zu schmieden, opferten einige ihrer Protagonist:innen die Kritik des Antiamerikanismus in der Friedensbewegung und die Solidarität mit Israel.

Anders als es Andreas Thiesen in seinem Beitrag an dieser Stelle konstatiert hat, erschüttert die »Schwächung der Idee eines politischen Westens« nicht die gesamte emanzipatorische Linke. Die verstand den »politischen Westen« als ein historisch gewachsenes Zweckbündnis aus Großbritannien, Frankreich und der Führungsmacht USA, dessen Anlass und Ziel die Niederschlagung des deutschen Nationalsozialismus war. Ein Garant für die ­internationale Demokratisierung waren die USA danach nur in seltenen Ausnahmen.

Eine sich als emanzipatorisch verstehende Linke darf sich nicht damit begnügen, gegen Antiamerikanismus und für das Existenzrecht Israels einzutreten. Und wer gegen Antiamerikanismus ist, muss nicht die US-Außen­politik lobpreisen. Oder sich die USA als dauerhaften Verbündeten halluzinieren im Kampf um Emanzipation, Gleichberechtigung und Demokratie. Dies waren die Vereinigten Staaten als Alliierte gegen Deutschland in einer konkreten historischen Situation. Dies sind sie für Israel.

USA als Zentrum im kapitalistischen Weltsystem

Eine Konstante der USA als Staat ist die Stellung als Zentrum im kapitalistischen Weltsystem – neben weiteren Zentren, der EU um Deutschland, Japan und China. Daher haben die USA als Metropole das Interesse, weltweit von der Ausplünderung der Peripherie zu profitieren und dafür die Rahmenbedingungen des kapitalistischen Weltsystems abzusichern, auf Kosten der Verelendung großer Bevölkerungsgruppen, ökonomisch wie militärisch, auch in Konkurrenz zu den anderen kapitalistischen Zentren sowie den Subzentren im Zusammenschluss Brics.

Bei der hegemonialen Absicherung des weltweiten Kapitalismus standen und stehen die USA ebenso wie die Bundesrepublik oft an der Seite von Diktaturen, die sie auch mit Waffen unterstützen. Ein Beispiel aus jüngster Zeit ist die von den USA betriebene und von Deutschland unterstützte Auslieferung der ehemaligen US-Verbündeten der YPG/YPJ und SDF in Rojava an die Islamisten in Syrien und der Türkei.

Die USA haben – neben den bei der Ausplünderung Afrikas, Asiens und Lateinamerikas historisch vorangegangenen europäischen Kolonialmächten – ihren Anteil daran, diese Kontinente beziehungsweise Subkontinente durch immer intensivere Integration in den kapitalistischen Weltmarkt kontinuierlich auszubeuten und dabei auch gerne Diktaturen als Statthalter zu protegieren – von Südafrikas früherem Apartheidregime bis hin zur Militärdiktatur im heutigen Ägypten. Auch in Europa haben die USA ebenso wie Deutschland gerne mit Diktatoren kooperiert – sei es Spanien unter »Generalissimus« Franco, den Militärdiktaturen in Portugal und Griechenland oder auch in der Türkei, wo nach dem Putsch einer Nato-Armee 1980 die linke Opposition verfolgt wurde und ein brutaler Krieg gegen die innere Kolonie Kurdistan begonnen wurde.

Das Recht des militärisch und ökonomisch Stärkeren

Dabei ging es auch den USA außer um militärische Präsenz immer auch um Rohstoffe und Absatzmärkte. Absurd ist es, wenn Thiesen schreibt: »Autoritären Regimen gleich, orga­nisieren die USA den Wettbewerb um die Ausbeutung natürlicher Ressourcen nicht mehr auf dem Boden völkerrechtlicher oder humanitärer Grundprinzipien.« Wann haben die gewaltsame Unterwerfung und Integration der Staaten und Territorien der Peripherie in den kapitalistischen Weltmarkt denn jemals anders funktioniert als durch das Recht des militärisch und ökonomisch Stärkeren? Die Kritik am Antiamerikanismus kann nur ­lauten, dass es dabei um die Durchdringung der Welt durch das Kapital und seine Machtapparate geht, nicht um eine US-amerikanische Beson­derheit.

Gleichzeitig ist es wichtig, Unterschiede wahrzunehmen. Thiesen zufolge unterscheidet sich die Strategie der derzeitigen US-Regierung in der Art, wie sie Kontrolle über andere Staaten anstrebt, »kaum von den proklamierten Ansprüchen Chinas auf Taiwan oder Russlands auf die Ukraine«.

Sicher handelt es sich in allen drei Fällen um aggressive Expansion und militaristische Machtpolitik – Kanonenbootpolitik hieß das zur Hochzeit des klassischen Imperialismus um 1900. Aber wo Russland aus ökonomischer Schwäche mit dem militärischen Überfall auf die Ukraine eine Flucht nach vorne antrat, agiert China aus einer Position der ökonomischen und militärischen Stärke heraus. Und ob die USA von der Maga-Politik schon zugerichtet genug sind, dass die Regierung die US-Armee wieder zu einem jahrelangen aggressiven Krieg inklusive Terror gegen die Zivilbevölkerung wie in Vietnam bis 1975 einsetzen könnte, der sich so mit dem Ukraine-Krieg vergleichen ließe?

Mitten in einem erneuten Umbruch des Kapitalismus?

Das bisher noch vorherrschende Modell des Kapitalismus, der Postfordismus mit seinen frei fließenden internationalen Kapitalströmen, einer intensiveren internationalen Verflechtung der Nationalökonomien und deren verstärkten Dependenzen, der De­regulierung der Sozialstaatlichkeit und der Abschreibung und Ausgrenzung nicht verwertungsrelevanter Bevölkerungsgruppen, ist keiner US-amerikanischen Bosheit entsprungen, sondern dem Verwertungszwang des Kapitals und dem Klassenwiderstand dagegen. Derzeit sind wir vielleicht mitten in einem erneuten Umbruch wie dem vom Keynesianismus zum Neoliberalismus in den Siebzigern und Achtzigern – die Politik Trumps, Putins und Xi Jinpings sind aber nur Symptome, nicht die Ursachen.

Ist die Hinwendung zu aggressiveren Aushandlungsformen der Konkurrenz kapitalistischer Metropolen und Subzentren nur eine Zuspitzung der Formierung nationaler Wettbewerbsstaaten der postfordistischen Regula­tionsweise, die bereits auf der Computerisierung der Produktion mit Hilfe der Mikroelektronik und damit einhergehend internationalisierten Wertschöpfungsketten basiert? Oder erleben wir den Umschwung in eine neue Form des kapitalistischen Weltsystems, mit qualitativ anderen Methoden der Austragung staatlicher Kon­kurrenz?

Thiesens Analyse, wonach die Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch US-Streitkräfte eine »Zäsur« darstelle, ist weniger »kapitalismuskritisch« als geschichtsvergessen, weil sie die vielen direkten oder indirekten US-Interventionen in der Vergangenheit ignoriert.

Thiesens Analyse, wonach die Entführung des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro durch US-Streitkräfte eine »Zäsur« darstelle, ist weniger »kapitalismuskritisch« als geschichtsvergessen, weil sie die vielen direkten oder indirekten US-Interventionen wie in Argentinien, Brasilien, Chile, Grenada, Nicaragua, El Salvador, Guatemala, Honduras oder Kuba ignoriert. Zumal diese sich in der Mehrzahl gegen linke Emanzipationsbestrebungen richteten – und seltener gegen widerspenstige autoritäre Machthaber wie Manuel Noriega in Panama 1989 oder eben Maduro in Venezuela.

Durch Trump ist jetzt nicht auf einmal alles völlig anders. Auch früher waren die USA nicht Emanzipation und Weltfrieden verpflichtet. So kollaborierten die USA unter Präsident ­Ronald Reagan 1986 und 1987 sogar mit dem Iran und Drogenkartellen, um ihre verdeckte Finanzierung der Contra-Todesschwadronen im Krieg gegen den damals sozialistisch-sandinistisch regierten Nicaragua abzuwickeln: Dem Mullah-Regime im Iran wurden heimlich Waffen für den Krieg gegen den Irak unter Saddam Hussein verkauft, die Einnahmen gingen an die Contras.