26.02.2026
Auf der Berlinale herrschte beim Thema Israel Bekenntniszwang

Zeit zum Jammern trotz »Zensur«

Auf der diesjährigen Berlinale herrschte Bekenntnisdruck. Wer nicht eindeutig auf Distanz zu Israel gehen wollte, dem drohte ein offener Brief.

Noch bevor der Film überhaupt begonnen hatte, gab es am 20. Februar stehenden Applaus im Kino Babylon. Er galt der Familie Cunio. Die beiden Brüder Ariel und David Cunio waren am 7. Oktober 2023 aus dem israelischen Kibbuz Nir Oz von der Hamas nach Gaza verschleppt worden. 738 Tage überlebten sie in den Tunneln der Islamisten. Im Oktober 2025 kamen beide im Rahmen des Waffenstillstandsabkommens frei.

An diesem Freitagnachmittag wurde im Beisein der Familie der Dokumentarfilm »A Letter to David« gezeigt. Die Berlinale war Kooperationspartner der Vorführung. In dem sehr persönlichen Film erzählt der Regisseur Tom Shoval die Geschichte David Cunios, mit dem ihn eine lange Freundschaft verbindet. Denn David und sein Zwillingsbruder Eitan spielten die Hauptrollen in Shovals Debütfilm »Youth«, der 2013 auf der Berlinale seine Weltpremiere gefeiert hatte.

Bereits im vergangenen Jahr lief »A Letter to David« auf der Berlinale. Damals endete der Film noch abrupt und schmerzhaft mit der Ungewissheit über das Schicksal der Brüder Cunio und der anderen Geiseln, die sich noch in den Fängen der Hamas und ihrer Helfer befanden. Mittlerweile steht hinter dem Titel in Klammern »Completed Version«. Nach der Rückkehr von Ariel und David Cunio hatte Shoval dem Film einen siebenminütigen Epilog hinzugefügt. In Nahaufnahme zeigt er die Reaktionen der Cunios auf seinen Film. Dies sei sein Weg gewesen, so Shoval im Publikumsgespräch, das Geschehene für einen kurzen Moment aus ihrer Perspektive zu sehen.

Eigentlich geht es darum, den Kulturbetrieb auf Linie zu bringen und israelische Kulturschaffende mit Boykott zu strafen.

Diese Perspektive war vielen allerdings schon bei der Berlinale 2024, also nur wenige Monate nach der Entführung der Brüder, reichlich egal. Worte der Solidarität für den Schauspielkollegen oder die Forderung seiner sofortigen Freilassung blieben damals aus. Mehrere Vorfälle in diesem Jahr zeigen, dass sich daran wenig geändert hat.

Der Videoblogger Tilo Jung beispielsweise hatte offenbar nichts Besseres zu tun, als von Pressekonferenz zu Pressekonferenz zu eilen und von allen eine Positionierung zu Gaza einzufordern: Die deutsche Regierung, Hauptgeldgeber der Berlinale, unterstütze den »Völkermord in Gaza«, behauptete Jung in einer Pressekonferenz der Festival-Jury. Wim Wenders, diesjähriger Jurypräsident, antwortete nur knapp: Kino sei »das Gegengewicht zur Politik« und müsse die Arbeit von Menschen leisten, »nicht die von Politikern«.

Wenders positionierte sich also gar nicht – und hat sich damit nicht unbedingt Freunde gemacht. Die indische Schriftstellerin Arundhati Roy sagte mit Verweis auf seine Aussage kurzerhand ihre Teilnahme am Festival ab.

Arundhati Roy, Tilda Swinton, Javier Bardem

Und natürlich unterschrieben zahlreiche Filmschaffende und Hollywood-Stars wie Tilda Swinton, die bei einer Pressekonferenz im vergangenen Jahr ihren Respekt für die antisemitischen Boykottbewegung BDS zum Ausdruck brachte, oder Javier Bardem, der das israelische Militär auf Instagram mit den Nazis verglich, einen offenen Brief, in dem sie der Berlinale-Leitung schwere Vorwürfe machen.

Darin unterstellen sie der Festivalleitung »institutionelles Schweigen« zu Gaza und eine Zensur derjenigen, die sich »gegen den anhaltenden Völkermord in Gaza und Deutschlands Schlüsselrolle dabei« aussprechen. Die Berlinale habe schon jetzt den Anschluss an die internationale Filmwelt verpasst. Schließlich würden sich immer mehr internationale Festivals dem kulturellen Boykott des »Apartheidstaats Israel« anschließen. Die über 100 Unterzeichner:innen fordern von der Festivalleitung ein eindeutiges Bekenntnis zu Palästina.

Eigentlich geht es also darum, den Kulturbetrieb auf Linie zu bringen und israelische Kulturschaffende mit Boykott zu strafen. »A Letter to David« hätte somit, ginge es nach den Unterzeichner:innen, nicht auf der Berlinale gezeigt werden dürfen.

Das Vorgehen, Bekenntnisse einzufordern, öffentlichen Druck auszuüben und keine Differenziertheit zuzulassen, ist Ausdruck des autoritären Geistes, der den Kulturbetrieb fest im Griff hat.

Das Vorgehen, immer und überall Bekenntnisse einzufordern, öffentlichen Druck auszuüben und zugleich keine Differenziertheit zuzulassen, ist Ausdruck des autoritären Geistes, der nicht nur auf der Berlinale um sich greift, sondern den Kulturbetrieb insgesamt fest im Griff hat. Der Umgang mit Wenders’ Aussage zeigt: Schon wer sich einer eindeutigen Positionierung entzieht, gilt der antizionistischen Bewegung als Feind.

Es geht nicht mehr nur um die vermeintlich richtige Meinung, sondern um den Bekenntniszwang. Dass dann noch ausgerechnet die angebliche Zensur von »propalästinensischen« Stimmen kritisiert und im selben Atemzug der Boykott von israelischen Filmproduktionen und Filmschaffenden gefordert wird, entlarvt die zwanghafte Besessenheit hinter dem Brief in ihrer Kleingeistigkeit und Doppelmoral.

Apropos Zensur: Als der Regisseur Abdallah al-Khatib am Samstag seinen Preis für das beste Filmdebüt in Empfang nahm, die Kufiya lässig über der Schulter und die palästinensische Flagge von einem Begleiter (falsch herum) hochgehalten, nutzte er seine Dankesrede für eine Drohung. »Wir werden uns an jeden erinnern, der an unserer Seite stand, und wir werden uns an jeden erinnern, der gegen uns war.« Und forderte »ein freies Palästina von jetzt bis ans Ende der Welt«. Einzige Konsequenz seiner Äußerungen war, dass Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) den Saal verließ und deutsche Politiker:innen seine antiisraelischen Aussagen rügten – so weit, so irrelevant.

Keine Spur von Zensur oder Totschweigen

Ausgezeichnet worden war al-Khatib für seinen Film »Chronicles from the Siege«, der den Konflikt zwischen Israel und Gaza behandelt; keine Spur von Zensur oder Totschweigen. Thomas Hummitzsch hat auf dem Blog »Intellectures« alle Filme zum Thema Gaza-Krieg bei der diesjährigen Berlinale aufgezählt und ist zu dem Schluss gekommen, dass es etwa so viele sind wie bei »den Bemühungen um Abbildung der filmischen Verarbeitung des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine bei der Berlinale 2023«.

Zurück im Kino Babylon: Über Politik wurde an diesem Freitagnachmittag nicht gesprochen, niemand sollte auf Linie gebracht werden oder fühlte sich zu Grundsatzreden berufen. Nach der Vorführung von »A Letter to David« betrat David Cunio selbst die Bühne für einen kurzen Redebeitrag. Der Mann, der über zwei Jahre in der Gefangenschaft der islamistischen Hamas war, nutzte diesen Moment, um sich zu bedanken: Der Film habe ihm in einer Zeit eine Stimme gegeben, in der er keine hatte.