Jungle+ Artikel 26.02.2026
Migrantin und Kosmopolitin – die Protagonistin bereist Vergangenheit und Zukunft

»Hauptsache kein Zeitgeist«

Ausgehend von dem verheerenden Erdbeben in der Türkei im Jahr 2023 breitet sich in aufregenden 24 Stunden die Gegenwart aus. Die Heldin des Romans ist eine Kosmopolitin und eine Migrantin. Sie will nicht modern sein und ist es doch.

06:00 Kugeln
Someone pulls the trigger 

Ich erinnere mich nicht an Schlaf. Nur daran, dass ich aufwache. Die Luft ist ungewöhnlich klar. Das Fenster steht offen. Ein Rest Nacht klebt noch am Glas. Geräusche aus dem Innenhof, gedämpft. Ein Blick auf das Datum. Ein Tag. Kein neuer. Tage sind nicht neu. Sie sind Risse, die sich weiterziehen, bis sie aufbrechen. Das Licht ist falsch. Das Telefon in meiner Hand, kalt, blau, befehlend wie ein Chef. Tippe etwas, sagt es. Denke etwas, sagt es. Teile. Du bist online, du bist sichtbar, du bist gemeint. Nein, antwortet mein Körper. Doch das Nein liegt stumm in meinem Mund, meine Zunge zuckt, will sprechen, beißt sich selbst. Ich schmecke Blut. Ich sehe Trümmer unter Glas. Ich lese, in der Nacht habe sich ein schweres Erdbeben ereignet. Ich lese mit unruhigen Lidern: Türkei. Syrien. Nacht. Kälte. Gesichter. Namen. Schmerz. Dann Stille.
 

Someone pulls the trigger. Ich schließe die Augen und zähle auf:

Vierundzwanzig. Vierundzwanzig, weil das die Anzahl der Gesänge in der Odyssee ist. Vierundzwanzig, weil vierundzwanzig Bilder pro Sekunde trotz aller technischer Innovation noch immer der Standard im Film sind. Und weil das vielleicht, nein, ganz sicher beeinflusst, wie wir sehen, wenn wir sehen. Vierundzwanzig, weil das die vierdimensionale Kusszahl ist, auch Kontaktzahl genannt. Obwohl es sich dabei nur um Kugeln im Raum-Zeit-Gefüge handelt. Kugeln, die sich berühren, ohne sich zu überschneiden, die sich küssen, ohne sich zu beißen. Mathematische Nähe. Nähe mit Abstand.

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