19.02.2026
Moritz Rudolphs Studie »Einheit und Zerfall«

Blick aufs Ganze

EU-Skepsis, Absage an revolutionäre Befreiungsbewegungen, Umschlag in den Autoritarismus: In seiner aufschlussreichen Studie »Einheit und Zerfall. Internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie« untersucht Moritz Rudolph, wie Adorno und Co. über die Weltordnung dachten.

Moritz Rudolph weist gleich zu Beginn seines Buchs auf ein Versäumnis in der Rezeption der älteren Kritischen Theorie hin: Hartnäckig halte sich das Gerücht, diese habe zu internationaler Politik nichts zu sagen gehabt

Die Beschäftigung mit der Bildung und Anfechtung von Ordnungen jenseits der Grenzen von Nationalstaaten hat aber, wie er zeigen kann, in der Kritischen Theorie keinesfalls erst mit Jürgen Habermas eingesetzt; sie spielt vielmehr in den Überlegungen der Vertreter der ersten Generation eine entscheidende Rolle. Für den 1989 in Gotha geborenen Autor, der derzeit an seiner Dissertation über internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie arbeitet, handelt es sich sogar um ihren »verdrängten Ursprung«.

In seiner kürzlich bei Matthes und Seitz erschienenen Studie »Einheit und Zerfall. Internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie« trägt er zusammen, wie man sich am Institut für Sozialforschung zum Weltgeschehen geäußert hat. Darüber hinaus versucht er zu zeigen, welche besondere Aktualität diese Überlegungen gerade vor dem Hintergrund der jüngsten weltpolitischen Machtverschiebungen besitzen, insbesondere hinsichtlich des transatlantischen Bündnisses.

Manch eine Äußerung wirkt geradezu prophetisch: Nie hat die Ideologiekritik der älteren Frankfurter Schule aus dem Blick verloren, dass Globalisierung und Vereinheitlichung im Kapitalismus, statt der Emanzipation Vorschub zu leisten, ins Gegenteil umschlagen und neue Formen des Autoritarismus hervorbringen können.

Nie hat die Ideologiekritik der älteren Frankfurter Schule aus dem Blick verloren, dass Globalisierung und Vereinheitlichung im Kapitalismus, statt der Emanzipation Vorschub zu leisten, ins Gegenteil umschlagen und neue Formen des Autoritarismus hervorbringen können.

Rudolph beschränkt sich auf vier Protagonisten, die seiner Ansicht nach sowohl in ihren Gemeinsamkeiten als auch in ihren Meinungsverschiedenheiten die ältere Kritische Theorie verkörpern: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Franz Neumann und Herbert Marcuse. Die Absage an die Revolution ist dabei eine von allen – in Abstufungen – geteilten Prämisse.

Sie ergebe sich aus der Einsicht in die vorläufig nicht zu überwindende Spaltung zwischen politischem Subjekt und gesellschaftlichem Objekt, an der keine revolutionäre Praxis etwas ändern könne, so Rudolph: »Damit hat sich das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis umgekehrt: Ideologiekritik wird zur höchsten Form der Praxis, in der die unmittelbar durchgeführte Revolution vorerst keinen Platz mehr hat.«

Rudolph konstatiert: »Horkheimer, der sich von der Idee der Revolution verabschiedet hatte, setzte auf ein liberaldemokratisches Arrangement konkurrierender Einzelstaaten, das er allerdings für bedroht hielt.« Adorno, der Rudolph zufolge ähnlich wie Horkheimer »auf die hemmende Kraft des US-geführten Westens« baute, hoffte allerdings »zusätzlich auf einen Zerfall des Zerfalls, sodass aus den Ruinen der Ordnung der Staatenkonkurrenz eine neue, herrschaftsfreie entstehen« könne.

»Revolte gegen die Vernunft per se«

Auch Marcuse habe »die negative Geschichtsphilosophie fortschreitender Gewaltverhältnisse« geteilt. Doch habe er, so Rudolph, an der Möglichkeit der Revolution festgehalten, »die den Zerfall des Zerfalls herbeiführt und eine neue Welteinheit jenseits der Herrschaft ermöglicht. Mit der Globalisierung der Politik sah er ihre Chancen steigen.«

Seine Hoffnung ruhte hierbei lange auf den Rändern der kapitalistischen Welt, auf den Protestbewegungen, ehe er schließlich in den siebziger Jahren unter den Befreiungsbewegungen und Studierenden eine »Revolte gegen die Vernunft per se« konstatierte. Die postkoloniale Theorie als Keimzelle des globalen Judenhasses ist ihre letzte Erscheinungsform.

Lediglich Neumann habe den »Zerfall der internationalen Ordnung nicht für unabwendbar« gehalten und auf stabilisierende Reformen gehofft. Die Skepsis, ob diese dauerhaft die zerstörerische Dynamik des Kapitalismus aufhalten könnten, hat auch er nie abstreifen können. Ru­dolph zeigt schließlich, »dass Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Franz L. Neumann und Herbert Marcuse eine Welteinheit heraufziehen sahen, die von einer Zerfallslogik begleitet wird, weshalb die Unordnung aus der globalen Ordnung nicht verschwindet. Die Welteinheit stellten sie sich nicht als friedliches Universalreich vor, sondern als geschichtsphilosophische Steigerung der Kämpfe, die die Menschheit schon immer führt. Auf diese geschichtsphilosophische Diagnose des unausweichlichen Zerfalls der Einheit reagierten sie ihrerseits mit einem gehegten Zerfallsprogramm, um ihn wenigstens an der richtigen Stelle zu platzieren.«

Verhältnis zum Staat Israel

Ihr Verhältnis zum Staat Israel ist zwar ambivalent, aber selbst der diesbezüglich besonders kritische Marcuse stellt dessen Existenzrecht nicht in Frage. »Horkheimer, Adorno und Marcuse sahen Israels Existenz in einer zerfallenden Weltordnung bedroht, Horkheimer und Adorno verlangten einen Schutz durch den Westen, Marcuse hielt dies für aussichtslos, da er den Westen selbst als zerstörerische Zerfallseinheit begriff«, so Rudolph.

Insbesondere in der Sicht auf Europa unterscheiden sich die Altvorderen von Habermas. Horkheimer und Adorno deuteten die europäische Einigung als Schritt ins systemische Gesamtverderben einer total verwalteten Welt, Neumann erkannte darin die Vorbereitung des deutsch-imperialen Wiederaufstiegs. Ideen von Weltstaat oder Weltföderation haben Horkheimer und Adorno zurückgewiesen. Bei Adorno und Marcuse gibt es jedoch die Vorstellung einer Welteinigung von unten, die die Staatlichkeit abstreift. »Solange aber die Revolution nicht durchführbar ist, und davon ging Adorno weiterhin aus, ist auch die vermeintliche Welteinigung von unten in Wahrheit eine von oben und entledigt sich zwar des Staates, nicht aber der formlos wütenden Herrschaft, stiftet also eine Zerfallseinheit«, schreibt Rudolph.

»Wo bleibt das Negative?« fragt der Autor augenzwinkernd im Hinblick auf den Optimismus eines Jürgen Habermas. Rudolph legt Wert darauf, die »ältere« von der »neueren« Kritischen Theorie, für die vor allem Habermas steht, abzugrenzen. Der Schüler Adornos und Horkheimers hat sich einer unkritischen »Theorie des kommunikativen Handelns« zugewandt – einer Lesart, die das gegenwärtige Verständnis Kritischer Theorie prägt. Ihr geht es hauptsächlich darum, die letzten Reste von Demokratie und »liberalem« Denken zu retten, indem sie die gesellschaftliche Totalität als gegeben akzeptiert und die dialektische Ideologiekritik und letztlich auch die Dialektik von Einheit und Zerfall über Bord wirft.

Akademischer Betrieb Teil des Problems

Viele der jüngeren Adepten der Kritischen Theorie befürworteten Rudolph zufolge »eine Ausweitung der politischen Gemeinschaft über den Nationalstaat hinaus, oft bis hin zu ›global governance‹ und Weltföderation, unterstützen Europaideen (…) und liebäugeln mit nachholenden antikolonialen Revolten, die das westliche Revolutionserbe vervollkommnen sollen, um es gegen den Westen selbst in Stellung zu bringen«. Diese Auffassung habe sich durchgesetzt, denn: »Wenn das Ringen um die politische Einheit der Welt und Europas oder das Auftauchen neuer Mächte und nichtstaatlicher Akteure« analysiert werden, würden für deren Deutung »Jürgen Habermas, kaum aber Max Horkheimer herangezogen«.

Es gebe »natürlich ein paar Ausnahmen, die jedoch akademisch kaum rezipiert« würden. Der akademische Betrieb ist dabei Teil des Problems und nicht der Lösung. Rudolph verweist lediglich in einer Fußnote auf Gerhard Scheit und Thorsten Fuchshuber, die sich zum Beispiel mit dem »modernen Behemoth« oder den »Rackets« als »Kritische Theorie der Bandenherrschaft« beschäftigen und diese aktualisieren, um moderne Unstaaten wie Putins Russland oder das Mullah-Regime im Iran zu analysieren. Die Racket-Theorie nimmt in der Studie ein ganzes Kapitel ein, ohne dass sie für die späteren Schlussfolgerungen herangezogen würde.

Die Studie ist immer dort besonders überzeugend, wo es ihr gelingt, die Kritische Theorie mit den politischen Entwicklungen der Neuzeit bis zur Gegenwart zu verbinden und sie so im Sinne einer Flaschenpost fortzuschreiben.

Leider blendet die Studie auch die »Kritik der politischen Ökonomie«, die für die ältere Kritische Theorie maßgeblich war, weitgehend aus. Vor allem Kategorien wie Warenfetisch oder Verdinglichung fehlen in den Überlegungen.

Die Studie ist immer dort besonders überzeugend, wo es ihr gelingt, die Kritische Theorie mit den politischen Entwicklungen der Neuzeit bis zur Gegenwart zu verbinden und sie so im Sinne einer Flaschenpost fortzuschreiben. Das hätten auch die vier ausgewählten Protagonisten auf ihre jeweils eigene Art getan. Deren Ziel sei es stets geblieben, dort Widerspruch zu erheben, wo die politische Gegenwart besonders düster erscheint, um Wege zur Emanzipation des Individuums freizuschaufeln – im Sinne der Ideologiekritik als höchster Form der Praxis.


Buchcover

Moritz Rudolph: Einheit und Zerfall. Internationale Politik in der älteren Kritischen Theorie. Matthes und Seitz, Berlin 2025, 602 Seiten, 38 Euro