Im Winter brennt’s
Erneut entkamen obdachlose Menschen dem Feuer in letzter Sekunde. Anfang Februar brannte in Kaiserslautern ein Zelt, in dem sechs Menschen in sogenannten Kälte-Iglus schliefen. Dabei handelt es sich um wärmespeichernde Styroporkammern, die obdachlosen Menschen im Winter nachts vor der Kälte geschützte Schlafplätze bieten sollen. Ein Zeuge konnte die Schlafenden rechtzeitig wecken. Zwei Personen erlitten leichte Verletzungen, das Zelt und sechs der zehn Kammern brannten vollständig aus. Sämtliches Eigentum der sechs Personen in dem Zelt wurde zerstört.
Die Polizei geht von Brandstiftung aus und ermittelt nun wegen versuchten Mordes in sechs Fällen. Verdächtigt wird dem SWR zufolge ausgerechnet ein 50jähriger, der in der Vergangenheit selbst in einem der Kälte-Iglus übernachtet haben soll. Möglicherweise habe er auch an diesem Abend dort schlafen wollen.
In mehr als der Hälfte der Fälle tödlicher Gewalt sind die Täter ebenfalls wohnungslos. Dabei handelt es sich meist um eskalierte Streitigkeiten, die in vielen Fällen aus der äußerst prekären Lebenssituation wohnungsloser Menschen resultieren.
Der Vorfall ereignete sich nur wenige Wochen nach den Brandanschlägen auf die Kältebusse der Berliner Stadtmission. Am 28. Dezember wurden einer der drei Kältebusse in Brand gesetzt. Die Flammen beschädigten auch einen daneben parkenden zweiten. Nur vier Tage später wurde ein 43jähriger gestellt, als er gerade an dem dritten der Kältebusse Feuer gelegt hatte. Die Busse wurden so schwer beschädigt, dass sie nun nicht mehr einsatzbereit sind. Ob der Mann auch für das erste Feuer verantwortlich ist, ist derzeit noch unklar. Auch in diesem Fall handelt es sich nach Angaben des Tagesspiegels um einen Wohnungslosen.
Über die Motive für die beiden Brandanschläge kann derzeit nur gemutmaßt werden. Gewalt unter Wohnungslosen oder von Wohnungslosen gegen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ist jedoch keine Seltenheit. Der Statistik der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe zufolge sind sogar in mehr als der Hälfte der Fälle tödlicher Gewalt die Täter ebenfalls wohnungslos. Dabei handelt es sich meist um eskalierte Streitigkeiten, die in vielen Fällen aus der äußerst prekären Lebenssituation wohnungsloser Menschen resultieren.
Insbesondere obdachlose Menschen konkurrieren um Schlaf- und Bettelplätze und andere alltägliche und für sie überlebenswichtige Ressourcen. Der akute Mangel an Schlafplätzen in Notunterkünften und die Unterbringung in Schlafsälen mit Unbekannten ohne Privatsphäre verschärfen die Probleme von Menschen, die sich ohnehin in Ausnahmesituationen befinden.
Staat auf ganzer Linie versagt
Doch die mutmaßliche Wohnungslosigkeit der Verdächtigen ist nicht die einzige Gemeinsamkeit beider Fälle. Beide Taten richteten sich zudem gegen Einrichtungen der lokalen Kältehilfe. Der Ausfall beider Angebote – des Kältebusses in Berlin und der Kälte-Iglus in Kaiserslautern – hätte zur Folge gehabt, dass Menschen der winterlichen Kälte schutzlos ausgeliefert gewesen wären. Die Fälle erinnern daran, dass Menschen ohne die oftmals von Ehrenamtlichen getragenen und teils spendenfinanzierten Angebote im Winter schlichtweg erfrieren würden.
Dass dem für alle sichtbar so ist, zeigt nicht nur, was jedem Einzelnen drohen kann, es zeugt vor allem davon, dass der Staat auf ganzer Linie versagt. Keine Rede davon, dass er und seine Behörden konsequent an langfristigen und menschenwürdigen Lösungen arbeiten, sozialen Wohnungsbau vorantreiben, Leerstand bekämpfen, Wohnungen vermitteln oder Obdachlosen zumindest übergangsweise Hotelzimmer zur Verfügung stellen. Ihr Überleben ist vielmehr von der Spendenbereitschaft der Mitbürger abhängig.
Nach den Brandanschlägen berichtete die Berliner Stadtmission in einer Pressemitteilung von einer »großen Welle an Solidarität und Hilfsbereitschaft«. Durch Leihgaben konnte das Angebot der Kältebusse lückenlos fortgesetzt werden. Auch in Kaiserslautern wurden unmittelbar Übernachtungsplätze in einer Caritas-Einrichtung sowie Kleider- und Sachspenden zur Verfügung gestellt. Zum Glück, denn der Winter soll noch andauern und politischer Wille zu einer Veränderung ist nicht in Sicht.