Der Durst ist groß
Im 2.000 Einwohner:innen zählenden andalusischen Dorf Castril mit seinen typisch weiß gestrichenen Fassaden weiß man seit vielen Generationen, was es heißt, um Wasservorräte zu kämpfen. Schon kurz nach dem Ende der Reconquista versuchte die Stadt Murcia im Castril-Dekret aus dem Jahr 1512 vergeblich, für ihr unterstellte Agrarflächen Anspruch auf das Wasser aus Castril zu erheben – reines Gebirgswasser des Río Castril, der dort tosend durch eine enge Schlucht prescht.
1907 wollte sich die Gemeinde Cuevas del Almanzora in der Provinz Almería Zugang zum begehrten Fluss Castril für die Bewässerung der damals noch überschaubaren Anbauflächen am Cabo de Gata verschaffen. Inzwischen bauen dort Agrarkonzerne Gurken, Paprika und Tomaten an, um ganzjährig Europas Bedarf an Frischgemüse zu decken. Die niedrigen Ladenpreise sind nur durch schlechtbezahlte Arbeit von Erntehelfer:innen, die oft keinen regulären Aufenthaltsstatus haben, und billiges Wasser möglich.
Über Aquädukte und Tunnel wird das Wasser in die Anbaugebiete geleitet. Nach der extremen Dürre 2021 wurde die Ableitung zwar unterbrochen, doch seit Anfang Februar fließt das Wasser wieder.
Über Aquädukte und Tunnel wird das Wasser in die Anbaugebiete geleitet. Nach der extremen Dürre 2021 wurde die Ableitung zwar unterbrochen, doch seit Anfang Februar fließt das Wasser wieder. Die ungewöhnlich heftigen Regenfällen in Andalusien vom Februar, die für Überschwemmungen und Verwüstung sorgten, haben zumindest den Stausee Negratín wieder etwas aufgefüllt. Bei einem Gesamtvolumen von 571 Kubikhektometern enthält er derzeitig 232 Kubikhektometer Wasser.
Schon vor 100 und mehr Jahren widersetzte sich die lokale Bevölkerung der Praxis, kostbares Wasser umzuleiten. In Castril kämpft die Bürgerbewegung Plataforma en Defensa del Río Castril (PDRC) seit über 25 Jahren dagegen, dass ihre Wasserressourcen in großem Stil abgezapft werden. Ein Aktivist der ersten Stunde ist PDRC-Sprecher Miguel Ángel Ortíz López. Ihm drohte ein Prozess wegen nicht genehmigter Proteste und Gründung einer illegalen Vereinigung, doch es blieb bei Geldbußen von mehreren Tausend Euro für ihn und Kleinbauern der Gemeinde.
»Wir haben Studien zufolge das am besten geschützte Fluss-Ökosystem Südeuropas«, sagt Ortíz im Gespräch mit der Jungle World. »All das wird zerstört, wenn die mit Hedgefonds verbündeten Obst- und Gemüsegiganten sich durchsetzen, während die regionale und gesamtstaatliche spanische Politik versucht, ihr Versagen zu kaschieren.« Damit bezieht er sich auf den weit fortgeschrittenen Bau der Pipeline zur Wasserumleitung vom Fluss Castril nach Baza an. Der Oberste Gerichtshof in Madrid hat Klagen der betroffenen Gemeinden gegen den Bau zurückgewiesen.
Der Wasserverbrauch steigt, das Grundwasserreservoir leert sich
Nach der Fertigstellung sollen pro Jahr eine Million Kubikmeter Wasser für Haushalte und Landwirtschaft von Castril nach Baza geleitet werden. Ein Eildekret des Umweltministeriums von 2006, also noch unter der Regierung von Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero von der Sozialistischen Arbeiterpartei (PSOE), sollte dafür den Weg ebnen. Bis heute wurde jenes Dekret nicht aufgehoben, obwohl die PDRC und die Gemeinden Castril und Baza das fordern, zuletzt in einem Brief an die zuständige Behörde vom 20. Januar dieses Jahres.
Ortíz erklärt, dass in Baza und Umland Großerzeuger aus Murcia und Almería, zum Beispiel Primaflor, in den vergangenen Jahren den Anbau von Kopfsalaten und bewässerte Plantagen von Oliven- und Mandelbäumen ausgeweitet haben. Folglich steigt der Wasserverbrauch und das Grundwasserreservoir unter Baza leert sich. Ein einzigartiges Feuchtgebiet ist deshalb bereits ausgetrocknet.
Die traditionelle Landwirtschaft, vor allem der Anbau von Mandeln und Oliven, nutzt Kanalbewässerungssystemen, die für kleinere Agrarflächen konzipiert sind und schonend mit Wasserressourcen umgehen. Agrarkonzerne hingegen verschwenden Wasser in großen Mengen. »Aus Baza wird unser Castril-Wasser über den Stausee der Negratín-Talssperre nach Cuevas del Almanzora in Almería geleitet, was illegal ist«, klagt Ortíz.
Riesiger Wasserbedarf der Plantagen
Almerías Plantagen, das »Plastikmeer«, hätten einen riesigen Wasserbedarf, während das hiesige Grundwasserreservoir wegen Dekaden der Überbeanspruchung zu versalzen drohe, da Mittelmeerwasser einsickere. Dazu kämen illegal gegrabene Brunnen in der Wüste von Tabernas.
Mehrere Klagen, denen sich auch die Gemeinden Castril und Baza angeschlossen haben, beschäftigen längst das EU-Parlament und den UN-Sonderberichterstatter für Menschenrechte zum Thema des Rechts auf sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen, Pedro Arrojo-Agudo. Dieser hat Castril mehrmals mit einer Delegation besucht und wird im März dieses Jahres bei einer Tagung an der Universität Granada das Problem der exzessiven Grund- und Trinkwassernutzung für die extensive Landwirtschaft behandeln. Ressourcen wie Grundwasserreservoire würden nicht ausreichend geschützt, bestätigte der UN-Experte der PDRC.
Durch den voranschreitenden Klimawandel dürften weitere Dürreperioden in den Agrargebieten Südspaniens programmiert sein und damit eine Verschärfung der Wasserknappheit.