12.02.2026
Warum Kurden im Iran Teilen der Opposition misstrauen

Misstrauen und Widerstand

Einer der Konflikte innerhalb der iranischen Opposition betrifft die Stellung ethnischer Minderheiten. Während der Schah-Sohn Reza Pahlavi einen zentralistischen Staat propagiert, fordern Kurden vor dem Hintergrund historischer Unterdrückung mehr Autonomie.

Das Regime muss fallen, darin sind sich sehr viele Iraner:innen einig. Doch darüber hinaus gehen die Ansichten weit auseinander. Das zeigt sich in hitzi­gen Diskussionen über Flaggen, Slogans, politische Ziele und über Reza Pahlavi, den im Exil lebenden ältesten Sohn des letzten Schahs, der von einigen als möglicher König oder zumindest Oppositionsführer gehandelt wird. Gerade für Kurd:innen und an­dere ethni­sche Minderheiten wie Belutsch:in­nen offenbaren diese Aus­ein­andersetzungen tiefe Differenzen in der Antiregimebewegung.

Kurd:innen stellen mit schätzungsweise sieben bis 15 Millionen Menschen rund acht bis 17 Prozent der Gesamtbevölkerung im Iran. Um ihre Skepsis gegenüber großen Teilen der Opposition zu verstehen, ist ein Blick in die Geschichte notwendig. Bereits unter der von 1925 bis 1979 herrschenden Pahlavi-Dynastie waren sie systematischer Unterdrückung und Zwangs­assimilation an die persische Kultur ausgesetzt. Beispielsweise wurde die kurdische Sprache in Bildungswesen, Verwaltung und Medien verboten und politische Organisationen wurden ­zerschlagen; die kurdisch besiedelten ­Gebiete im Westen des Iran (auf kurdisch »Rojhilat« genannt) wurden wirtschaftlich marginalisiert und infrastrukturell vernachlässigt.

Im August 1979 erklärte Ayatollah Khomeini per Fatwa den »heiligen Krieg« gegen Kurd:innen, die im März 1979 sein Referendum zur Staatsform boykottiert hatten.

Diese Politik setzte sich nach der ­Islamischen Revolution fort – nur eben im Rahmen der neuen Herrschafts­ideologie. Im August 1979 erklärte ­Ayatollah Khomeini per Fatwa den »heiligen Krieg« gegen Kurd:innen, die im März 1979 sein Referendum zur Staatsform boykottiert hatten. Es folgten jahrelange Repressionen, Massaker und Hinrichtungen mit Tausenden ­Todesopfern sowie ein militanter Kampf gegen das Mullah-Regime aus den kurdischen Gebieten heraus.

Sowohl die Monarchie als auch die Islamische Republik betrachteten ­Forderungen von Minderheiten primär als Bedrohung der territorialen Inte­grität und Sicherheit des Iran. Die zentra­listische nationale Identität des ­iranischen Staates lässt kaum Raum für ­ethnische Pluralität, und antikurdischer Rassismus ist in der iranischen Gesellschaft tief verankert. Diese ­his­torische Erfahrung prägt bis heute das politische Bewusstsein vieler Kurd:innen.

Das bestimmt auch ihr Verhältnis zu den derzeitigen ­Protestbewegungen. Während viele Demonstrierende in mehrheitlich persischen Städten ­soziale Freiheiten, wirtschaftliche Stabili­sierung und eine Annäherung an den Westen fordern, artikulieren ethnische Minder­heiten oft zusätzliche Anliegen: Dezen­tralisierung, sprach­liche und kulturelle Rechte sowie ­echte politische Teilhabe. Diese Forderungen werden, wie bereits seit Jahrzehnten, oft als ­»separatistisch« oder gar »terroristisch« diffa­miert – eine Rhetorik, die auch Teile der persisch dominierten Exil­opposition über­nommen haben.

Kurdischer Ursprung des Slogans »Jin, Jiyan, Azadî«

Besonders deutlich wurde dies während der Proteste unter der Losung »­Frauen, Leben, Freiheit« in den Jahren 2022/2023, die die Tötung der Kurdin Jina Amini durch die sogenannte ­Sittenpolizei im Iran ausgelöst hatte. ­Viele Kurd:innen kritisieren bis heute, dass sowohl das überproportionale Ausmaß der Repression im kurdisch besiedelten Westen des Landes als auch der kurdische Ursprung des Slogans »Jin, Jiyan, Azadî« von der iranischen Mehrheitsgesellschaft kaum anerkannt wurden. Die Verwendung ihres staatlich erzwungenen persischen ­Namens »Mahsa« statt ihres kurdischen Namens »Jina« durch große ­Teile der Opposition gilt vielen als ­Fort­setzung jahrzehntelanger Diskrimi­nierung.

Diese Skepsis wird durch die politischen Entwürfe des medienwirksam als Galionsfigur der Opposition eta­blierten Reza Pahlavi weiter verstärkt. So sieht sein im Juli 2025 veröffentlichtes »Emergency Phase Booklet« (Handbuch für die Notfallphase) eine poli­tische Ordnung für den Iran vor, die ­echte Dezentralisierung ausschließt. Auch das Wiederaufleben monarchis­tischer Parolen in der iranischen ­Bevölkerung während der Ende Dezem­ber 2025 ausgebrochenen Proteste nährt bei Kurd:innen die Befürchtung, dass ein zentralistisch geprägter Machtwechsel die Randregionen des Iran erneut marginalisieren würde.

Proteste als ausländisch ­gesteuerte Sicherheitsbedrohung dargestellt

Zugleich stehen bei den jüngsten Protesten, die in Rojhilat Anfang ­Januar im Bezirk Malekshahi (Provinz Ilam) ihren Anfang nahmen, Kurd:in­nen erneut im Zentrum der Repres­sion. Mitte Januar berichteten Staatsmedien über angebliche Grenzübertritte bewaffneter kurdischer Gruppen aus dem Irak. Solche Meldungen dienen dazu, Proteste als ausländisch ­gesteuerte Sicherheitsbedrohung darzustellen und Militarisierung, ­Massenverhaftungen sowie tödliche Gewalt zu legitimieren. Aufgrund der anhaltenden Internetsperre sind verlässliche Opferzahlen nicht verfügbar, jedoch lässt sich selbst aus den inoffi­ziellen Zahlen schließen, dass das ­Ausmaß der Gewalt historisch ­einmalig war.

Aus der langen Geschichte von ­Gewalt und Repression erwächst zugleich eine hohe Organisations- und Widerstandsfähigkeit der kurdischen Bevölkerung. So kam es in kurdischen ­Gebieten bei den jüngsten Protesten öfter zu Streiks statt Straßenprotesten, um Solidarität zu zeigen, ohne dem ­Regime Vorwände für weitere Massaker zu liefern. Das Ergebnis war ein ­nahezu vollständiger Stillstand in ­zahlreichen kurdischen Städten.