Im Plattform-Kokon
Rechtspopulismus, Verschwörungstheorien, Konzentrationsschwierigkeiten und auch noch die Erderwärmung – das Internet wird für viele Probleme der Gegenwart verantwortlich gemacht. Von den utopischen Erwartungen, die sich einst an es knüpften, scheint jedenfalls nicht viel übriggeblieben zu sein. War das Internet ein Fehler? Sollte es abgeschaltet werden? Oder ist es noch reformierbar? Markus Liske meint, massenhafter Internetkonsum sei schädlich, aber das Internet leider nicht mehr wegzudenken (»Jungle World« 48/2025). Jan Tölva argumentiert, der Kapitalismus habe das Internet ruiniert (49/2025). Elke Wittich hält dem Internet zugute, die Lebenslügen westlicher Gesellschaften zu zerstören, indem es deren Verrohung offenbart (50/2025)
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Die Schattenseiten des Lebens mit dem Internet waren immer auch Gegenstand populärkultureller Einlassungen. »Das Internet? Gibt’s den Blödsinn immer noch?« frage Homer Simpson seine Tochter schon 2007 in einer Episode der Serie »The Simpsons« entrüstet. Und in der ersten der drei rückwärts erzählten Episoden des Kinofilms »The Life of Chuck« (2024), der Adaption einer Stephen-King-Erzählung, bricht kurz vor dem Weltuntergang auch das Internet zusammen, wobei sich die erschrockenen Zeugen dieses Untergangs nur danach fragen, ob »es« (das Internet) irgendwann wiederkommen werde. Nicht etwa der Weltuntergang, so scheint es, sondern der unwiederbringliche Verlust der Online-Unterhaltung ist die Katastrophe.
Beim Nachdenken über Nutzen und Nachteil des Internets wird man ein gewisses Unbehagen darüber nicht los, dass sich nach und nach ein unheilvoller Zeit- und Sinnvernichtungsapparat aufgebaut hat. Die Möglichkeit, über eine netzbasierte elektronische Infrastruktur an nahezu unbegrenzte Mengen von Informationen zu kommen, geht einher mit einer exorbitanten Überflutung mit im Wesentlichen sinnlosen Datenmengen, die den Großteil jener digitalen Informationen ausmachen. Oder in den Worten des Soziologen Robert Feustel: »Massenhaft gespeicherte Leistungsdaten irgendwelcher Jogger haben den gleichen Wert wie die Schriften von Aristoteles oder Hegel.«
Die Funktionsweise des Internets ist den meisten Nutzern selbst nicht bekannt und auch herzlich egal – sie sehen nur seine Oberfläche. Das World Wide Web ist dabei der wichtigste Anwendungsbereich, die Protokoll-, Rechner-, Client- und Serverstruktur des Netzes selbst bleibt bei dieser Nutzung verborgen. Dieser kryptische Charakter des Internets hat augenscheinlich dazu geführt, dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entstanden ist, ohne die heutige Form des Internets ginge nichts mehr. Ebenso erstickt jener Charakter den Drang, kritisch über die Entstehung und gesellschaftliche Funktion des Internets nachzudenken.
Dem Informatiker Joseph Weizenbaum zufolge haben Computer eine gesellschaftliche Ordnung optimiert und rationalisiert, die längst einem radikalen Wandel hätte unterworfen werden müssen.
Es ist jedoch daran zu erinnern, um mit dem deutsch-US-amerikanischen Informatiker Joseph Weizenbaum zu sprechen, dass Computer keine gesellschaftlichen Probleme zu lösen vermögen, auch wenn ihnen diese Fähigkeit immer wieder zugeschrieben wird. Der 2008 verstorbene Weizenbaum war ein Pionier der Entwicklung von KI, der für einen kritischen Umgang mit dieser und der Computertechnologie im Allgemeinen plädierte und beispielsweise schon in den Siebzigern davor warnte, KI-Programmen eine Persönlichkeit zuzuschreiben und sie für menschliche Aufgaben wie Psychotherapie zu verwenden. Weizenbaum erläuterte Mitte der siebziger Jahre einen Effekt, den er bei der Einführung der rechnergestützten Datenauswertung schon Ende der fünfziger Jahre beobachtet hatte: Computer haben eine gesellschaftliche Ordnung optimiert und rationalisiert, die längst einem radikalen Wandel hätte unterworfen werden müssen. Kurz: Computer dienten von Beginn an als Mittel zur Aufrechterhaltung und Organisation von Herrschaft.
Einer der wichtigsten politischen Theoretiker des frühen Internets beziehungsweise seiner Vorformen war der spätere Berater des US-Präsidenten Jimmy Carter, Zbigniew Brzezinski. Schon 1970 warb er in seinem lange Zeit völlig unbeachteten und auch nicht ins Deutsche übersetzten Buch »Between Two Ages – America’s Role in the Technetronic Era« (Zwischen den Zeiten – Amerikas Rolle in der technetronischen Ära) für einen konsequenten Ausbau der Computertechnologie. Sein Hauptargument lief darauf hinaus, dass der kapitalistische Westen die Systemauseinandersetzung mit dem sozialistischen Osten allein auf ideologischem Gebiet nicht gewinnen könne, sehr wohl aber den technologischen Wettbewerb, der nach und nach die Legitimationsdefizite der sowjetischen Hemisphäre bis hin zum Zusammenbruch durch technische Zurückgebliebenheit verstärken würde.
So ist es schließlich gekommen. Und es ist auch beileibe alles andere als ein zufälliges Zusammentreffen, dass die Verkündung der Erfindung des World Wide Web (März 1989) mit der Selbstabschaffung des realsozialistischen Staatensystems (1989/90) zusammenfällt. Die technische Ausreifung der Netzanwendung machte den technologischen Rückstand der sozialistischen Staaten augenfällig, an deren schwerfälligem System nicht länger festzuhalten war.
Der Kapitalismus erzeugt zwangsläufig seine eigenen Widersacher
Doch entgegen der Glaubenssätze neoliberaler Propagandisten, von Adepten der Mont Pelerin Society, Jüngern der Chicago Boys oder der Generationen von Kaffeesatzlesern aus BWL/VWL-Seminaren hat es einen reinen und ganz für sich stehenden Kapitalismus nie gegeben, auch nicht nach dem Zusammenbruch der Systemalternative. Abgesehen davon, dass Staatsintervention ohnehin dauernd nötig ist, erzeugt der Kapitalismus zwangsläufig seine eigenen Widersacher, die ihn zu allen möglichen Reformen nötigen (beispielsweise die Drohung des Sozialismus als Weltsystem). Und da, wo die Widersacher paralysiert sind (durch Autoritarismus, Identitätspolitik, Verlust einheitlicher Organisationsformen), wird beim Verlust realer sozialer Alternativen oder Perspektiven eine scheinhafte »Ergänzung« systemnotwendig, ganz im Sinne der Bildwerdung des Kapitals nach der Spektakeltheorie des Situationisten Guy Debord. Hier kommt das Internet ins Spiel.
Es hat den Kapitalismus verdoppelt. Hier die elende Plusmacherei, der Raubbau an der Natur, der Stumpfsinn des Alltagslebens, die Zerrüttung sozialer Beziehungen, die Ideologie der Naturgegebenheit des Kapitalismus – die gesellschaftliche Wirklichkeit. Dort die bildliche Ästhetisierung der Normen, die Ersetzung der Natur durch die Matrix, die Flucht vor der Realität in den Kosmos der Informationsüberreizung, die Simulation von Beziehung und Intimität sowie die Schaffung einer bildlichen Oberfläche, die aus der Eindimensionalität der kapitalistischen Produktionsweise die Zweidimensionalität ihrer allegorischen Verdichtung gemacht hat – Internet-Realität.
Es hat nicht an Versuchen gefehlt, diese Verdopplung zu analysieren: So war die Simulationstheorie des französischen Medientheoretikers Jean Baudrillard, wonach sich alle Realität in Simulakren auflöse, gewissermaßen schon, ohne auf sie zu verweisen, eine Konsequenz der Spektakelthese Debords. Der niederländische Medientheoretiker Geert Lovink wird bis heute nicht müde, in seinen Publikationen seine These vom »digitalen Nihilismus« unserer Zeit und von der Entfremdung von der Realität durch die massenhafte Nutzung digitaler Plattformen mit immer zwingenderen empirischen Befunden zu untermauern.
Wo die Widersacher paralysiert sind, wird beim Verlust realer sozialer Alternativen oder Perspektiven eine scheinhafte »Ergänzung« systemnotwendig, ganz im Sinne der Bildwerdung des Kapitals nach der Spektakeltheorie des Situationisten Guy Debord. Hier kommt das Internet ins Spiel.
Und durchaus netzaffine Kritikerinnen wie die australische Medientheoretikerin McKenzie Wark beschwören zwar vordergründig den Tod des Kapitals mit der Herausbildung zweier neuer Grundklassen, die sie Vektoren- und Hackerklasse nennt, wobei die herrschende Vektorenklasse die Verteilungshoheit über das Netz innehabe und die Hackerklasse diesen Zustand subversiv bekämpfe. Insgesamt jedoch ist auch bei Wark das oben genannte Unbehagen zu verspüren, dass Zeitvernichtung und Sinnverlust im Netz mehr mit der fortschreitenden Kapitalisierung der Welt zu tun haben, als ihr theoretisch plausibel zu sein scheint.
Der theoretische Zugang zum Internet ist definitiv nicht ohne die materielle Grundlage des kapitalistischen Produktionsprinzips zu haben, das auch die Grundlage des Internets ist. Und dieses Prinzip verlangt nach wie vor die Ausbeutung lebendiger Arbeitskraft und der natürlichen Umwelt. Die Verdopplung des Kapitalismus via Internet ist deswegen so verheerend, weil sich um die schlechte »analoge« Welt, in der keines der Probleme gelöst ist, die schon vor dem Internet da waren, ein »digitaler« Plattform-Kokon gebildet hat, der das gesellschaftliche Bewusstsein durch Zeitvernichtung, Aufmerksamkeitszurichtung und Phantasiezerstörung vollkommen zu degenerieren droht.
Zeitvernichtung, Aufmerksamkeitszurichtung und Phantasiezerstörung
Wieder war es die Populärkultur, beziehungsweise Literatur, die diese Entwicklungen vorwegnahm. Herbert W. Frankes Roman »Der Orchideenkäfig« (1961) zum Beispiel entwirft eine »Gesellschaft« vollständig vor dem Bildschirm isolierter Individuen, die sich langsam auch anatomisch zurückentwickeln. Stanislaw Lems Essay »Waffensysteme des 21. Jahrhunderts« von 1983 nimmt die Drohnentechnologie unserer Tage in Form synthetischer Insekten (»Synsekten«) vorweg. Und die düsteren technologischen Konstellationen aus den Romanen von Daniel Suarez ergeben sich direkt aus den technischen Determinanten einer kapitaldurchtränkten Computerindustrie; als Alternative dazu schildert er eine umfassende Umgehung des Systems durch technologische Strukturen.
Als der Philosoph Slavoj Žižek 2002 davon träumte, Lenins alte Formel vom »Kommunismus = Sowjetmacht + Elektrifizierung« zur Formel »Kommunismus = Sowjetmacht + Internet für alle« umzudeklarieren, da schien die neuartige Freiheit der Netzkommunikation die negativen Nebenwirkungen noch kompensieren zu können. Schon Žižek aber hätte es besser wissen können. Eine der Realität entsprechende Formel wäre schlicht: Kapitalismus mal zwei.