Im Kampf mit Ungeheuern
In den ersten Minuten erinnert Jafar Panahis neuer Film »Ein einfacher Unfall« an Martin Scorseses »Goodfellas«. Doch statt Mafiosi bei nächtlicher Autofahrt sieht man eine iranische Kleinfamilie – Vater, Mutter und Tochter.
Und auch wenn kein in einen Teppich gewickelter Leichnam im Kofferraum liegt, herrscht eine seltsam gespannte Stimmung. Das Mädchen will das Radio lauter drehen, der Vater mahnt zur Zurückhaltung, die hochschwangere Mutter versucht zu vermitteln. Singend und tanzend wirkt die Tochter wie aus einer anderen Welt als die Eltern mit ihren ernsten Mienen.
Dann ein Knall – der Vater hat einen Hund überfahren. Für ihn steht fest: Das kann nur eine weitere Prüfung Gottes sein. Seine Tochter dagegen entpuppt sich als kleine Ideologiekritikerin: Ihrer Meinung nach hat das nichts mit Gott zu tun, ihr Vater hat schlicht einen Hund getötet. Es war ein einfacher Unfall. Damit ist der Ton gesetzt für einen Film, der fragt, was Recht bedeutet, wenn Unrecht herrscht – und wie lange man, Nietzsche folgend, mit Ungeheuern kämpfen kann, ohne selbst eines zu werden.
Während Panahis Filme weltweit gefeiert werden, ist der Regisseur in seinem Herkunftsland aufgrund seiner regierungskritischen Haltung Berufsverboten, Hausarrest und Haftstrafen ausgesetzt.
Panahi gilt als einer der wichtigsten Regisseure des Iran – in manchen cinephilen Kreisen sogar als einer der bedeutendsten der Gegenwart. Er begann als Assistent von Abbas Kiarostami und wurde mit Filmen wie »Der Spiegel« (1997), »Der Kreis« (2000) und »Taxi Teheran« (2015) international bekannt. Er gewann Festivalhauptpreise in Berlin, Locarno und Venedig und konnte dank »Ein einfacher Unfall« 2025 seine Trophäensammlung um die Goldene Palme von Cannes erweitern.
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