Wettrennen im Weltall
Die Space Tech Expo Europe in Bremen ist vorbei. Europas größte Messe der Raumfahrtindustrie endete am 20. November und war von einer gewissen Goldgräberstimmung getragen. Schließlich hatte Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) erst Ende September beim Weltraumkongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie bekanntgegeben, dass die Bundesrepublik bis 2030 35 Milliarden Euro für Raumfahrtprojekte bereitstellen will. Als Grund nannte er die Entwicklung in Russland und China, deren Fähigkeiten zur Kriegsführung im Weltraum rasant wachsen. Die Start-up-Unternehmen, die im Bereich Raumfahrt in den vergangenen Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen sind, hoffen dementsprechend von den Milliarden zu profitieren, die der Minister in Aussicht stellte.
Die Raumfahrt ist zu einem Wachstumsmarkt geworden, auf dem sich eine Vielzahl privatwirtschaftlicher Firmen tummelt – mehr als 950 Aussteller waren nach Bremen gekommen. Das ist das Resultat erheblicher ökonomischer und geopolitischer Veränderungen in den vergangenen drei Jahrzehnten, die sich in der jüngeren Vergangenheit noch beschleunigt haben.
Die Bundesrepublik will bis 2030 35 Milliarden Euro für Raumfahrtprojekte bereitstellen.
Die Raumfahrt ist ein Kind des Kalten Kriegs. Seit den fünfziger Jahren konkurrierten die USA und die Sowjetunion um den Vorrang im Weltraum. Der erste Satellit, der erste Mensch im All, der erste Mensch auf dem Mond, die erste Raumstation waren Etappen dieses Konkurrenzkampfs. Dabei ging es um symbolische Demonstrationen der Leistungsfähigkeit des jeweiligen Systems, aber auch um die Weiterentwicklung technologischer, mithin militärischer Fähigkeiten.
Getragen wurde das Rennen ins All von staatlichen Agenturen und Unternehmen. Nach dem Ende des Kalten Kriegs sah es kurzzeitig so aus, als verlöre der Weltraum als Austragungsort politischer und militärischer Konkurrenz an Bedeutung. Gleichzeitig stieg jedoch, insbesondere durch die Entwicklung moderner Kommunikationstechnologien, dessen ökonomische Bedeutung. Verbilligte Satelliten- und Raketentechnologie erlaubte es in den vergangenen Jahren zudem immer mehr Ländern, sich auf diesem Gebiet zu betätigen, mittlerweile unterhalten etwa 80 Staaten Raumfahrtprogramme.
Es sind längst nicht mehr nur staatliche, sondern ebenso private Unternehmen, die die Erschließung des Weltraums vorantreiben. Am bekanntesten ist wohl Elon Musks SpaceX. Der steigende Ressourcenbedarf der Weltwirtschaft und der technologische Fortschritt lassen allmählich die Ausbeutung der Ressourcen des Monds als realistisch erscheinen. Mit der Verschärfung der Großmachtkonkurrenz zwischen den USA, China, Russland und der EU gewann der Weltraum in den vergangenen 15 Jahren zudem auch wieder militärpolitisch an Bedeutung.
Höhere Bedeutung der Raumfahrt
Die Bundesrepublik stieg relativ spät in dieses neue Rennen um die ökonomische und militärische Nutzung des Alls ein. Als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) 2018 unter dem Namen Bavaria One ein bayerisches Raumfahrtprogramm vorstellte, erntete er noch allenthalben Spott. Sechs Jahre später begann das Wirtschaftsministerium unter Robert Habeck (Grüne) mit Planungen eines nationalen Weltraumgesetzes. Dieses sollte die Tätigkeit nichtstaatlicher Unternehmen im Bereich der Raumfahrt regeln, um Start-ups und mittelständischen Unternehmen den Zugang zu diesem Markt zu erleichtern.
Zwar zerbrach die damalige Regierungskoalition, bevor diese Pläne abgeschlossen werden konnten. Doch die seit Mai amtierende neue Bundesregierung räumt dem Thema Raumfahrt noch höhere Bedeutung ein. Im Koalitionsvertrag vereinbarten CDU, CSU und SPD, dass ein deutscher Astronaut im Rahmen einer internationalen Mission zum Mond fliegen solle. Das Bundesministerium für Bildung und Forschung benannte sie um in Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, um die Bedeutung der Letzteren zu unterstreichen.
Auch militärpolitisch hat Deutschland sein Engagement in den vergangenen Jahren verstärkt. 2021 wurde das Weltraumkommando der Bundeswehr gegründet. 2023 richtete die Bundesrepublik erstmals die Konferenz des Leitungsgremiums der Combined Space Operations Initiative aus, eines 2014 von den USA, Kanada, Großbritannien und Australien gegründeten Verbunds zur Förderung der militärpolitischen Kooperation im Weltraum. Deutschland war diesem 2019 beigetreten.
Militärische Abschreckung im Weltraum
Seit dem russischen Einmarsch in die Ukraine hat der Generalinspekteur der Bundeswehr, Carsten Breuer, wiederholt betont, dass Deutschland auch im Weltraum glaubhafte militärische Abschreckung leisten müsse. Das 35-Milliarden-Euro-Programm der Bundesregierung für die Weltraumindustrie soll auch und gerade hierfür die Voraussetzungen schaffen. Allerdings hat die Bundesregierung im Bereich der Raumfahrt mit dem Widerspruch zwischen der Notwendigkeit innereuropäischer Kooperation und ökonomischer und politischer Konkurrenz zwischen den EU-Mitgliedstaaten zu kämpfen.
Um die Kapazitäten aufzubauen, derer es bedürfte, um militärisch und ökonomisch im Weltall mit den USA, China und Russland mitzuhalten, wäre ein Zusammenschluss der technologischen und finanziellen Kapazitäten der EU notwendig. Auf dem Gebiet der Satellitenherstellung wird das angestrebt. Im Oktober gaben die Konzerne Airbus, Thales und Leonardo Pläne bekannt, ihre Weltraumsparten bis 2027 zusammenzulegen.
Beim Raketenbau macht sich Deutschland derzeit unabhängiger von den französischen Ariane-Raketen und baut durch die Förderung neuer Unternehmen eigene Kapazitäten auf.
Doch auf dem Gebiet des Raketenbaus geht die Entwicklung in die entgegengesetzte Richtung. Hier macht sich Deutschland derzeit unabhängiger von den französischen Ariane-Raketen und baut durch die Förderung neuer Unternehmen eigene Kapazitäten auf, während Frankreich die Position des Herstellerunternehmens Arianespace stärken will. Auch Italien, das mit der der Rakete Vega des Herstellers Avio über ein eigenes Trägersystem verfügt, beendet die bisherige Kooperation zwischen Avio und Arianespace.
Dieser Widerspruch dürfte sich auch bei der derzeit ebenfalls in Bremen stattfindenden Ministerratstagung der Europäischen Raumfahrtagentur (ESA) zeigen. Alle drei Jahre kommt das höchste Gremium der ESA zusammen, um die Leitlinien der EU-Weltraumpolitik festzulegen. Angesichts sich verschärfender globaler Konflikte wird die militärische Ausrichtung dieser Politik in den kommenden Jahren noch deutlicher in den Vordergrund treten.