»Das kann jedem passieren«
Ihre Mitstreiterinnen nennt Manja Starke »Kampfgenossinnen«. Anfang November stand sie auf der Bühne der Hochschule für Schauspielkunst Ernst Busch in Berlin und berichtete von ihrem politischen Engagement. Im November vergangenen Jahres hat sie gemeinsam mit anderen den digitalen »Frauen*salon« gegründet, einen regelmäßigen Treffpunkt für wohnungslose und ehemals wohnungslose Frauen. »Wenn wir uns nicht zusammentun, werden wir nicht stärker«, sagt Starke. Sie war acht Jahre wohnungslos, drei davon obdachlos.
Sie ist eine von vier ehemals wohnungslosen Frauen, die in dem Theaterstück »Innere Häuser« von ihren Erfahrungen in dieser Zeit erzählen. Die vier hatten sich auf ein Gesuch der Regiestudentin Linda Glanz gemeldet. Gemeinsam mit ihr und der Dramaturgiestudentin Marianna Wicha entwickelten sie das dokufiktionale Theaterstück. Texte, Bühnenbild und Kostüme entstanden auf der Grundlage von langen Interviews mit den vier Frauen.
Dass Wohnungslose im Rampenlicht stehen, kommt selten vor. Im Gegenteil: Menschen schauen weg, wenn sie nach Kleingeld gefragt werden oder wenn sie Obdachlose in ihrem Nachtlager sehen.
Dass Wohnungslose im Rampenlicht stehen, kommt selten vor. Im Gegenteil: Menschen schauen weg, wenn sie nach Kleingeld gefragt werden oder wenn sie Obdachlose in ihrem Nachtlager sehen. Gänzlich aus der Aufmerksamkeit verschwinden Menschen, sehr oft Frauen, in sogenannter verdeckter Wohnungslosigkeit. Wenn sie ihre Wohnung verlieren, kommen sie häufig bei Bekannten unter. Sie werden nicht im Hilfesystem registriert, fallen nicht als wohnungslos auf und verfügen dennoch über kein eigenes Wohnverhältnis, weswegen man eben von verdeckter Wohnungslosigkeit spricht.
Vom Verstecken erzählt in »Innere Häuser« auch Janina Berthold. Nach einer Zwangsräumung wurde sie 2023 obdachlos. Über Wochen fand ihr Leben in Regionalzügen statt: Mit dem Deutschlandticket fuhr sie durch die ganze Republik und suchte sich lange Zugstrecken heraus, um in der Bahn schlafen zu können. »Niemand wusste, dass ich obdachlos bin. Wenn jemand gefragt hat, habe ich einfach gesagt, dass ich das Deutschlandticket nutze«, so Berthold. In dem Theaterstück richtet sie sich direkt an das Publikum: »Ich hätte nie gedacht, dass ich die Wohnung verlieren könnte – heute weiß ich, das kann jedem passieren.«
Ignoranz und Gewalt
Wie sehr sich die Erfahrungen in der Wohnungslosigkeit voneinander unterscheiden, zeigen die Szenen, die Kristina Maca gemeinsam mit der Schauspielerin Sarah Palarczyk auf die Bühne trägt. Als Transfrau erlebte Maca in Notunterkünften Ignoranz und Gewalt. Das Hilfesystem ist nicht auf die Bedürfnisse der Schutzsuchenden ausgerichtet – das wird dem Publikum in Berlin schonungslos vor Augen geführt.
Es gehe in dem Stück darum, die Geschichten der Frauen erfahrbar zu machen und Berührungsängste auszuräumen, sagte Palarczyk der Jungle World: »Es ist gewissermaßen Empathietraining.« So sieht es auch die vierte beteiligte Frau. »Ich will, dass die Menschen mehr sehen als nur Obdachlose, die eh an allem selbst schuld sind,« sagt Yoyo Pamminger.
Obdachlos wegen Suchterkrankung
Sie wurde wegen einer Suchterkrankung schon im Jugendalter obdachlos. Insgesamt acht Jahre lebte die Wienerin drogenabhängig auf der Straße. Zeitweise kam sie bei Bekannten und in Notunterkünften unter, manchmal schlief sie in einem Park. Im Theaterstück steht sie als einzige der Erfahrungsexpertinnen nicht selbst auf der Bühne, sondern wird von Palarczyk dargestellt.
Yoyo Pamminger unterstützt und begleitet mittlerweile Wohnungslose. Manja Starke und Janina Berthold engagieren sich in der Wohnungslosenstiftung, einem Netzwerk wohnungsloser Menschen. Es wird deutlich, dass das Theaterstück und der Austausch mit dem Publikum ihnen viel bedeuten. »Ich will, dass die Zuschauer verstehen, dass wir Menschen sind, vor denen man keine Angst haben muss«, sagt Berthold der Jungle World, »und dass wir für uns sprechen und uns auch selbst organisieren können.«