27.11.2025
Militärbloggern schlägt in Russland wachsendes Misstrauen entgegen

Nur echt mit dem Z

Sogenannten Z-Bloggern schlägt trotz ihrer Kriegsbegeisterung in Russland wachsendes Misstrauen entgegen. Ein Grund dafür besteht darin, dass sie dubiose hohe Spendenbeträge auftreiben, die auf einem intransparenten Parallelmarkt für militärische Ausrüstung landen.

Am liebsten würde Apti Alaudinow alle seine Feinde mundtot machen. Insbesondere innerhalb Russlands. Der tsche­tschenische Kommandeur der Spezialeinheit Achmat und stellvertretende Leiter der Hauptabteilung für militärpolitische Angelegenheiten der russischen Streitkräfte duldet grundsätzlich keine Kritik an sich und seiner Truppe und legt sich mit allen an, die es wagen, sich über ihn auszulassen. Von ihnen erwartet er, dass sie öffentlich Abbitte leisten, was er regelmäßig gekonnt in Szene zu setzen weiß.

Mitte November sagte er sogenannten Z-Bloggern – das Z steht als Symbol für den russischen Sieg im Krieg gegen die Ukraine – den Kampf an. Wer nicht innerhalb von sieben Tagen bereits veröffentlichte diskreditierende Inhalte lösche und sich entschuldige, den erwarte ein Strafverfahren. »Wir dürfen unseren Feinden nicht die Möglichkeit geben, das Land von innen weiter zu destabilisieren«, begründete er seine Drohgebärde in seinem Telegram-Kanal. Noch am selben Tag erließ ein Gericht ein Bußgeld gegen Oksana Kobelewa wegen Diskreditierung der russischen Streitkräfte.

Solange Z-Blogger die grund­sätzlichen Vorgaben des Kreml, die Kriegsziele und Wladimir Putin nicht kritisieren, können sie sich im ansonsten streng reglementierten russischen Internet austoben.

Sie hatte Alaudinow unterstellt, wie ein »Extremist« und »ausländischer Agent« zu agieren, weil er die Arbeit einer Untersuchungskommission in Frage gestellt hatte, die sich mit einem Vorfall aus dem vergangenen Jahr befasste. Zwei russische Frontsoldaten mit den Kampfnamen Gudwin und Ernest hatten im September 2024 ein Video aufgezeichnet, in dem sie ihrem Vorgesetzten Drogenhandel und Diebstahl vorwerfen, zum Schaden der Truppe. Zur Bestrafung, so die beiden, seien sie zu einem Einsatz befehligt worden, bei dem ihre Überlebenschancen gen null gingen. Auf die Idee, sich dem zu verweigern, kamen sie gar nicht, aber sie hofften, den durch sie aufgedeckten Fall publik zu machen, was gelang, auch wenn die beiden bei dem bewussten Einsatz ums Leben kamen.

So manche sogenannte Patrioten wollten in Kobelewa gar eine ehemalige Sympathisantin des in Haft ums Leben gekommenen Oppositionspolitikers Aleksej Nawalnyj erkennen. Kobelewa entfernte daraufhin entsprechende Inhalte aus ihrem Blog und entschuldigte sich.

Gegenseitige Anschuldigungen und Verdächtigungen gehören zum Alltag unzähliger »patriotischer« Bloggerinnen und Blogger. Solange sie die grundsätzlichen Vorgaben des Kreml, die Kriegsziele und vor allem Präsident Wladimir Putin nicht kritisieren, können sie sich im ansonsten streng reglementierten russischen Internet austoben. Solche Diskussionen sind sogar erwünscht, gelten sie doch als Beweis dafür, dass es in der Bevölkerung Kriegsenthusiasmus gebe, und dienen zur aus Sicht des Kreml zulässigen Offenlegung tatsächlicher Versorgungsengpässe bei den Streitkräften. Waffen und Munition liefert die Rüstungsindustrie, deren Produktionskapazitäten seit 2022 enorm gesteigert wurden, aber bei Ausrüstungsgegenständen wie Sicherheitswesten, Nachtsichtgeräten, Drohnen und allem, was Armeeangehörige sonst für die Kriegführung benötigen, springen zivile Lieferanten ein.

Informelle Armeehilfe

Auf diese Weise entstand ein lukrativer Parallelmarkt, in den Spenden in bis zu dreistelliger Millionenhöhe fließen. Wie viel davon den kämpfenden Einheiten zugute kommt, ist offen. Zahlreiche Telegram-Kanäle – »War Gonzo« oder »Rybar« sind nur zwei prominente Beispiele von vielen – bringen durch Sammlungen hohe Beträge zusammen; für welche Zwecke das Geld ausgegeben wird, bleibt hingegen oft intransparent und vertraulich zwischen Spendern und Nutznießern. Der Staat sieht sich nicht in der Lage, solche Vorgänge zu prüfen, oder drückt ein Auge zu, weil er in gewisser Weise von der regen Unterstützung profitiert.

Alaudinow seinerseits weiß zumindest einen Teil dieser informellen Armeehilfe abzugreifen. Dienlich ist ihm dabei Roman Aljochin, vormaliger Berater des Kursker Gouverneurs und ebenfalls Z-Blogger. Aljochin hatte zunächst einen viermonatigen Zeitvertrag mit der Armee abgeschlossen und den Kriegsdienst dann quittiert, was eigentlich gar nicht möglich ist. Die Spezialeinheit Achmat, der er kurzzeitig angehört hatte, versorgte er über viele Monate mit Ausrüstungsgegenständen. Mitte September tauchte sein Name dann im Register »ausländischer Agenten« auf. Zuvor hatten Vorwürfe die Runde gemacht, Aljochin habe Geldwäsche betrieben, was, wie der Telegram-Kanal »Dwa Majora« ausführte, der ebenfalls zum Z-Milieu gehört, das Vertrauen in Geldspenden für die Front erschüttere. Alaudinow wiederum nahm Aljochin in Schutz.

Manche Verhältnisse zwischen den diskussionsfreudigen Z-Bloggern mögen auf den ersten Blick verwirrend erscheinen, gewisse Gruppierungen sind dennoch erkennbar. Iwan Filippow, der in seinem Telegram-Kanal »Na Zzzzapadnom fronte des peremen« (der den russischen Titel von Erich Maria Remarques Roman »Im Westen nichts Neues« mit dem nicht zum kyrillischen Alphabet gehörenden Z variiert) über Umtriebe der Z-Blogger berichtet, hebt zwei miteinander konkurrierende Strömungen hervor: zum einen jene, die auf Defizite in den russischen Streitkräften verweisen, um eine Lösung des Problems herbeizuführen; zum anderen die Hüter der reinen Lehre, die ohne Wenn und Aber hinter allen Entscheidungen der Staatsmacht stehen und keinerlei Abweichungen dulden. Denn solche werden mit Defätismus und Diskreditierung gleichgesetzt.

Enge Kontakte zum Repressionsapparat

Als hochrangiger Militär und potentieller Nachfolger von Ramsan Kadyrow als Oberhaupt Tschetscheniens kann sich Alaudinow mehr erlauben als andere, zum Beispiel Personen wie Aljochin zu verteidigen. Alaudinow gilt inhaltlich als der in Russland lebenden ukrainischen Juristin und Publizistin Tatjana Montjan nahestehend, die seit Oktober bei den russischen Behörden als Extremistin und Terroristin gelistet ist. Sie hatte im Fall der eingangs erwähnten Untersuchungskommission eine ähnliche Position wie Alaudinow vertreten.

Gegen beide stellt sich Wladimir Solowjow, einer der wichtigsten Kreml-Propagandisten im russischen Medienbetrieb. Nicht nur abtrünnige Z-Blogger sind ihm ein Dorn im Auge, sondern auch Alaudinows Gehabe. Solowjows medialer Einfluss ist unbestreitbar größer. Er erreicht mit seinen unsäglichen Sendungen, die vermitteln sollen, wie staatsloyale Russinnen und Russen zu denken haben, ein Millionenpublikum. Wer sich an seinen Vorgaben orientiert, darf sich vor staatlicher Maßregelung geschützt fühlen. Etliche russische Oppositionelle sind überzeugt, dass die Kritik an Aljochin und das Vorgehen gegen Montjan auf Solowjows Konto gehe. Über ausreichend enge Kontakte zum Repressionsapparat dürfte er jedenfalls verfügen.

Reibereien im Milieu der Z-Blogger sind unvermeidbar, eine Gefahr für das Regime stellen sie nicht dar.

So geriet wohl auch der langjährige kremltreue Politologe Sergej Markow unter die Räder. Seit August wird er als »ausländischer Agent« geführt. Einen Monat zuvor hatte er Aserbaidschans Präsidenten Ilham Alijew als »glänzenden Intellektuellen« gelobt, zu einem Zeitpunkt, als das Verhältnis zwischen Russland und Aserbaidschan höchst angespannt war.

Markow fand seine Einstufung in hohem Maße ungerecht, auch weil er gleichzeitig wegen seiner Kriegsunterstützung kanadischen Sanktionen unterliegt. Er bemüht sich trotzdem, gesetzlich vorgeschriebene Vorgaben zu erfüllen, und macht alle seine öffentlichen Beiträge als die eines »ausländischen Agenten« kenntlich. Aber bei der Einstufung sollte es nicht bleiben. Vergangene Woche warfen ihm die Behörden vor, er hätte dem zuvorkommen und sich freiwillig als »ausländischer Agent« melden sollen. Nun dürfte eine Geldstrafe folgen.

Auch abseits solcher Konflikte um medialen und politischen Einfluss zwischen zwei Kriegstreibern kann es passieren, dass gegen Z-Blogger ermittelt wird, die sich zu weit vorgewagt oder etwas zum falschen Zeitpunkt gesagt haben. Reibereien in diesem Milieu sind unvermeidbar, eine Gefahr für das Regime stellen sie nicht dar.