Das bisschen Judenschwein
Die Geschichte der Revision der Psychoanalyse ist beinahe so lange wie die der Psychoanalyse selbst. Was an Freuds Überlegungen zum Ursprung und zur Macht (selbst)schädlicher Verhaltensweisen bei Menschen stört, die ansonsten durchaus im Vollbesitz instrumenteller Vernunft sind, ist, dass sie ins Dunkel der leiblich-organischen Grundlage von Verhalten und Vorstellungen führen und spekulativ bleiben müssen.
Am meisten stößt sich daran wohl der von Berufs wegen denkende und analysierende Teil der Menschheit: Intellektuelle im Allgemeinen, Psychotherapeuten im Besonderen. Und so dreht sich noch alle Revision Freuds, die zähneknirschend seine Pionierleistung zu würdigen gezwungen ist, darum, sogleich dessen pessimistisch-spekulative Konsequenz zu vermeiden, sprich: von der Macht von Trieben ausgehen zu müssen, deren Ziele und Ausdrucksformen bearbeitet werden können und müssen, deren Quelle aber unerreichbar im Somatischen liegt, in seinen Nöten, Zwängen und Lüsten, die ab ovo keine Mäßigung kennen. Ein Konzept, das wiederum dazu zwingt, die Rückkehr des im Laufe der Vergesellschaftung des Individuums und seines Körpers Verdrängten bitter ernst zu nehmen: Denn was da die Alltagsvernunft zu durchbrechen droht, kennt immer noch keine Mäßigung, keine Rücksicht, keine Moral.
Was Quindeau unter Antisemitismus versteht, ist eine Art Sprachspiel, in dem Gesellschaften ihre Identitätskonflikte austragen.
Das wollen die Revisionisten nicht wahrhaben: die stete Möglichkeit des »radikal Bösen« – also die ungemäßigte, rücksichtslose und amoralische Triebbefriedigung, wie sie dem vom und im Individuum nie gänzlich überwundenen vorgesellschaftlichen Zustand eigen ist. Der radikale Judenhass des Nationalsozialismus hat vorgeführt, dass das vorgesellschaftliche Böse des Individuums sogar zum Prinzip des Kollektivs werden kann, anders gesagt: wie man die Rückkehr des Verdrängten, das normalerweise Gesellschaft bedroht, organisatorisch in eine grundlegend bedrohliche Gesellschaft überführt.
Neuerer Revisionismus ist der sogenannten Triebtheorie nicht weniger abgeneigt als der ältere, hat aber dessen reformpädagogische Unschuld verloren: Nicht mehr soll das Böse gebannt werden, sondern verharmlost, sprich: der Antisemitismus vom Triebhaften gereinigt, was umso dringlicher geboten scheint, je offener genau dieses zu Tage tritt – so offen eben wie beim Hamas-Pogrom des Oktober 2023, das man kaum anders denn als ein ganz unbekümmertes und hemmungslos sadistisches Blut- und Spermamassaker bezeichnen kann.
Dass genau dies die Konsequenz der dem antisemitischen Programm zugrunde liegenden Pathologien ist, gilt es zu leugnen; eine besonders bittere Note hat es, dass ausgerechnet die Frankfurter Adorno-Vorlesung 2023 dafür herhalten musste, nicht nur Freud, sondern konsequenterweise gleich auch noch Adorno mit in die theoretische Asservatenkammer fortzuloben.
Quindeau belässt es nicht bei der Abstraktion, sie geht in die Anwendung
Ilka Quindeaus Ausführungen, nun erschienen unter dem Titel »Psychoanalyse und Antisemitismus«, loben in der Tat pflichtschuldigst die beiden Pioniere der Psychoanalyse beziehungsweise der entsprechend inspirierten Analyse des Antisemitismus als Wegweiser – aber natürlich als mittlerweile in die Irre führende. Heutzutage hingegen müsse man sowohl »die Aporien der Freudschen Trieblehre« vermeiden als auch die damit zusammenhängende »Charakterlehre« Adornos, also die Untersuchungen zum autoritären Charakter.
Insbesondere diese führten dazu, dass man immer nur »Andere« als zum Antisemitismus disponiert stigmatisiere und in allzu eindeutige Kategorien zwänge; damit negiere man das – Quindeau zufolge – eigene, letztlich jedem Menschen, aber tatsächlich doch recht exklusiv denen »westlicher Gesellschaften« innewohnende antisemitische Potential. Der Versuch, Triebschicksale zu ergründen und Grundmuster besser, schlechter oder gar nicht gelungener Sublimierung zu bestimmen – nichts anderes bedeutet Charakter bei Adorno –, drohe selbst in die Projektion eigener Anteile auf die Beobachteten zu enden und begebe sich damit des Besten, was Psychoanalyse zu bieten habe: »der Selbstreflexion«.
Die stete antisemitische Versuchung liege also darin, »Identitäten zu vereindeutigen« und »Ambiguitäten« nicht zu ertragen. Und Quindeau belässt es nicht bei solcher Abstraktion, sie geht in die Anwendung und wählt dafür den Skandal der jüngsten Documenta. Zu den von den Selbstreflektierenden zu ertragenden »Ambiguitäten« zählt dann offenbar auch die Darstellung des Schweinejuden auf dem Bild »People’s Justice« des einschlägigen indonesischen Künstlerkollektivs Taring Padi.
Sermon postmoderner Schibboleths
Hier Antisemitismus zu skandalisieren, sei unstatthaft, denn derlei zeuge nur vom eigenen unverarbeiteten Antisemitismus. »Der Vorwurf« des Antisemitismus gegen die Produzenten dieses Bildes ziele »auf Entlastung« derer, die ihn erheben, so Quindeau: »Er entsteht aus einer Ambiguitätsintoleranz, er denkt in binärer Logik, arbeitet mit dichotomen Gegenüberstellungen, entwirft einander ausschließende Selbst- und Fremdbilder, bekämpft den/die/das Andere/n (…) Die eigene Verwicklung kommt nicht in den Blick, Polemik und Verurteilung blockieren die Selbstreflexion (…) Vielleicht wäre es fruchtbar gewesen, darüber mit den indonesischen Künstler:innen ins Gespräch zu kommen, sich auszutauschen über Transmissionen (die transgenerationelle Weitergabe von Traumata; Anm. d. Red.) und Gespenster im globalen Süden und im globalen Norden.«
Wer geistig noch nicht ganz umnebelt ist von diesem Sermon postmoderner Schibboleths, muss sich allerdings fragen: Was um Himmels Willen soll denn mehrdeutig sein an der Abbildung eines Schweinejuden? Verweist die Gleichsetzung des Juden mit dem Unreinen, Schweinischen, die im christlichen wie islamischen Kulturkreis (dort allerdings noch nahezu ungebrochen) identisch ausfällt, nicht auf die Gleichartigkeit der unbewussten Quellen pathischer Projektion, egal ob im Norden oder Süden?
Und psychoanalytisch betrachtet: Sicher kann man den starken ablehnenden Affekt, den Motive, die aus dem Stürmer stammen könnten, hervorrufen, als Reaktionsbildung deuten, also als unbewusste Abwehr eigener antisemitischer Impulse (und damit als Hinweis auf die starke emotionale Verstrickung mit ihnen). Doch ist Reaktionsbildung aus Furcht vor der Stärke sowie den Folgen des Impulses, und da wäre man wieder bei Freud, eben auch die Grundlage von Recht und Moral; dass uncamouflierter Antisemitismus in Deutschland und Österreich bei gar nicht so wenigen heftigen Widerwillen hervorruft, ist so gesehen ein Hoffnungsschimmer.
Projektion der eigenen antisemitischen Anteile auf andere
Quindeau aber erblickt darin nur die Projektion der eigenen antisemitischen Anteile auf andere, was aber auch weniger dramatisch ist, als es klingt. Denn der Antisemitismus, von dem Quindeau redet, ist nicht der, von dem Adorno sprach: »Mit der Annahme einer Persönlichkeitsstruktur wird unterstellt, dass jemand antisemitisch ist; der Antisemitismus wird zu einem Teil, womöglich zu einem charakteristischen Teil der Person. Freilich gibt es manifesten und häufig gewaltbereiten Antisemitismus, dessen Gefährlichkeit unbestritten ist und der vermutlich auch als pathologisch betrachtet werden kann. Diese Form ist vielfach untersucht und überzeugend beschrieben worden, etwa im Zusammenhang rechter Ideologien. Im Unterschied dazu ist der deutlich häufiger auftretende latente oder – wie ich ihn nennen möchte – vorbewusste Antisemitismus nicht einer spezifischen Persönlichkeitsstruktur zuzuschreiben, sondern erscheint nahezu ubiquitär in kapitalistischen, ›westlichen‹ Gesellschaften.«
Der nichtpathologische Antisemitismus Quindeaus hat keine Triebquelle – hier greift sie auf die Freud-Revision von Jean Laplanche zurück, der zufolge seelische Konflikte nicht inneren Ursprungs sind, sondern stets aus der Anwesenheit »des Anderen« im Eigenen resultieren (Alterität). Was Quindeau unter Antisemitismus versteht, ist vielmehr eine Art Sprachspiel, in dem Gesellschaften ihre Identitätskonflikte austragen: »Psychische Konflikte verweisen auf das (verpönte) Andere im Eigenen, das sich nicht beseitigen lässt. Es sind dies die unbewussten, vielfältigen geschlechtlichen und sexuellen Anteile, die Uneindeutigkeit des Geschlechts und des Begehrens, die sich nicht mit dichotomen Identitäten stillstellen lassen, sondern – wie oben gezeigt – immer wieder psychische Arbeit erfordern. Erst die selbstreflexive Wahrnehmung der Ambiguitäten und Anerkennung des Primats des Anderen (…) verhindert ›pathische Projektionen‹ (Adorno) und ermöglicht einen konstruktiven, sozial verträglichen Umgang.«
So hat jeder seine antisemitischen Phasen, die kommen und gehen wie Erkältungen; auch Quindeau greift übrigens auf das Bild der Epidemie zurück. Antisemitismus zu benennen und zu skandalisieren, ist demnach selbst antisemitisch – selbst wenn Juden als Schweine hingestellt werden –, denn das überträgt ja Eigenes auf andere zum Zwecke der Vereindeutigung, wenn auch »latent« und »vorbewusst«, wie Quindeau einräumt. Adornos bitterer Feststellung von 1947, dass es »keine Antisemiten mehr« gebe, weil der Antisemitismus sich schon beinahe automatisiert habe, antwortet dieses Buch achselzuckend: Halb so wild, Antisemiten sind wir doch alle.
Ilka Quindeau: Psychoanalyse und Antisemitismus. Frankfurter Adorno-Vorlesungen 2023. Suhrkamp-Verlag, Berlin 2025, 284 Seiten, 32 Euro
