Beißreflexe der Hundertprozentigen
In Reaktion auf die grassierende Juden- und Israelfeindlichkeit nach dem 7. Oktober gründeten sich einige linke Gruppen, um in ihrem subkulturellen und politischen Milieu gegen Antisemitismus anzukämpfen (»Jungle World« 19/2025). Doch was bedeutet es, »antisemitismuskritisch« zu sein? Janosch Tillmann bemängelte die Tendenz mancher dieser Gruppen, sich aus Angst vor Widersprüchen in eine Äquidistanz zu flüchten, die die Hamas und Israel auf eine Stufe stellt und die jeweiligen »Opfer des Konflikts« bedauert (26/2025). Udo Wolter argumentiert dagegen. Er meint, dass es sich dabei auch um kritische Solidarität handeln könnte (29/2025). Die Gruppe »Den Pudding an die Wand nageln« kritisierte, dass antisemitismuskritische Gruppen die Sonderstellung Israels nicht mehr zum Ausgangspunkt ihrer Analyse machen (34/2025).
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Wer sich heute öffentlich antisemitismuskritisch äußert, sollte bereit sein, sich den Entwicklungen in Israel und Palästina mit den Werkzeugen differenzierter Analyse und solidarischer Kritik zu stellen. Wer nun tatsächlich versucht, eine ehrliche Auseinandersetzung mit der Situation in Israel und Palästina zu ermöglichen und Kritik an Antisemitismus, Rassismus und Islamismus konsequent zusammenzudenken, löst häufig Beißreflexe auf allen Seiten aus.
Als Gruppe, die seit Oktober 2023 versucht, sich der Polarisierung zu widersetzen, haben wir diese Erfahrung zumindest immer wieder gemacht. So wurde uns und anderen Gruppen an dieser Stelle vorgeworfen, wir verfielen in »antisemitismuskritische Ausweichmanöver« und pflegten »Äquidistanz«.
Die Entstehung Israels ist untrennbar mit der Geschichte des Antisemitismus verbunden; bis heute arbeiten sich Antisemit:innen weltweit an der bloßen Existenz des jüdischen Staates ab. Doch wer den gesamten Konflikt in der Region ausschließlich durch die Linse des Antisemitismus betrachtet, verkennt die realen historischen und politischen Dynamiken.
Nicht selten wird der sogenannte Nahostkonflikt durch ein Kaleidoskop historischer Schuld und moralischer Selbstvergewisserung betrachtet: Israel wird zum Prüfstein deutscher Läuterung und Palästina verkommt zur reinen Kontrastfolie.
Identitäre Israelsolidarität
Was dann entsteht, kritisierte Eike Geisel einst als »Wiedergutwerdung der Deutschen«: eine scheinbar emanzipatorische Identifikation mit Israel, die mehr über das Bedürfnis nach moralischer Reinheit verrät als über israelische wie palästinensische Realität. Wenn der Emanzipatorischen und Antifaschistischen Gruppe (EAG) vorgeworfen wird, die Hamas auf eine Stufe mit der israelischen Regierung zu stellen, weil sie in einer Plakatkampagne gleichzeitig Proteste in Israel gegen die dortige Regierung und in Gaza gegen die Hamas abbildet, zeigt das, wie verkümmert eine Kritik ist, die den Unterschied zwischen Gleichzeitigkeit und Gleichsetzung nicht anerkennen will.
Lieber ignoriert man, wie die Menschen an Ort und Stelle ihre Situation begreifen und auf sie reagieren. Statt die rechtsautoritäre bis rechtsextreme Regierung Israels als solche zu benennen und sich zu fragen, was dies für die eigene Analyse bedeutet, werden die Konsequenzen der israelischen Politik mit dem Hinweis abgetan, Ministerpräsident Benjamin Netanyahu und dessen Politik seien »demokratisch legitimiert«. Hier zeigt sich, dass es nicht (mehr) um die Verhältnisse an Ort und Stelle geht, sondern darum, identitäre Israelsolidarität zu bedienen. In »der deutschen Staatsräson« gegenüber Israel finden dann staatstragende und konservative Israelfreunde und manche Antideutsche zusammen.
Ein universalistischer Anspruch erfordert aber, solche Realitäten nicht einfach vom Tisch zu wischen. Wer sich hingegen nur auf jene bezieht, die sich so äußern, wie es ins eigene Weltbild passt, instrumentalisiert die einen und verschweigt die Einwände der anderen. Gerade jetzt braucht es eine Solidarität, die nicht gleichsetzt, sondern vieles gleichzeitig aushält; eine Solidarität, die Differenz nicht fürchtet, sondern mitträgt und sich dem weltweiten Schutz jüdischen Lebens ebenso verpflichtet wie einem Ende der Gewalt und Repression gegen Palästinenser:innen.
In Israel löste das Massaker von Sabra und Shatila Massenproteste aus und es gründete sich die Friedensbewegung Shalom Achshav (Frieden jetzt).
Eine linke Auseinandersetzung mit dem sogenannten Nahen Osten, die nicht selektiv ist, muss ebenso historische Traumata – wie zum Beispiel das von Tillmann erwähnte Massaker von Sabra und Shatila 1982 – ernst nehmen, statt die Aufarbeitung von staatlicher Seite zu beschönigen. In Israel löste das Massaker damals Massenproteste aus, man forderte die Regierung auf, Verantwortung zu übernehmen, und es gründete sich die Friedensbewegung Shalom Achshav (Frieden jetzt).
Ariel Sharon, der als israelischer Verteidigungsminister für die Besetzung Beiruts politisch verantwortlich war und den libanesisch-phalangistischen Milizionären den Zugang zu den Flüchtlingslagern Sabra und Shatila ermöglichte, hatte trotzdem kaum Konsequenzen zu befürchten. Knapp 20 Jahre später wurde er zum Ministerpräsidenten Israels gewählt.
An der Frage der Verwendung des Genozidbegriffs zeigt sich exemplarisch, wie hermetisch verengt die Debatte inzwischen ist. Für manche schien es schon vor dem 7. Oktober 2023 keine Zweifel daran zu geben, dass Israel einen Genozid begehe, andere schließen kategorisch aus, dass es jemals berechtigt sein könnte, dem jüdischen Staat solche Vorwürfe zu machen. Beide Positionen arbeiten projektiv: Die einen tragen zur Dämonisierung Israels bei, die anderen stellen einen Freibrief für jegliche militärische Gewalt aus.
Beides verweigert sich der Wirklichkeit. Der Genozidvorwurf kann antisemitisch sein und ist es in der Vergangenheit oft gewesen. Aber jede Diskussion über ihn als antisemitisch abzulehnen, während ranghohe israelische Politiker:innen Vertreibungs- und Vernichtungsphantasien äußern und hunderttausende Menschen in Gaza von der Grundversorgung abgeschnitten werden, ist nicht nur von der Realität entkoppelt, sondern macht die notwendige Kritik am Antisemitismus unglaubwürdig.
Beides kritisieren: Antisemitismus auf der Straße und staatliche Repression
Auch wer Polizeigewalt gegen propalästinensische Demonstrationen problematisiert, wird schnell beschuldigt, Antisemitismus zu verharmlosen. Gerade für Linke muss es möglich und kann es notwendig sein, beides zu kritisieren: Antisemitismus auf der Straße und staatliche Repression. Nach dem 7. Oktober 2023 haben zahlreiche Demonstrierende Polizeigewalt erfahren. Wenn die Berliner Polizei auf propalästinensischen Demonstrationen Plakate, Parolen und Reden nur auf Deutsch und Englisch erlaubt, nicht aber auf Hebräisch oder Arabisch, muss das als rassistische Repression benannt und kritisiert werden.
Dies gilt auch, wenn man die politischen Ziele der Betroffenen nicht teilt. Das auszublenden, stellt keine besonders konsequente Haltung gegen Antisemitismus dar, man zeigt sich vielmehr blind für die rassistische Instrumentalisierung einer solchen Haltung durch den deutschen Staat – einen Staat, der nie vollständig entnazifiziert wurde. In dieser Debatte fehlt es an Bereitschaft, herrschaftskritische Antworten auf eine komplexe Gemengelage zu finden.
Das Verbot von Gruppen wie Samidoun war notwendig; die Verschärfung der Asylpolitik hingegen ist kein Kampf gegen Antisemitismus, sie ist ein Kampf gegen Schutzsuchende.
Allen Antifaschist:innen sollte allerdings klar sein: Der Staat ist kein verlässlicher Partner im Kampf gegen Antisemitismus. Er dient nicht der Befreiung, sondern vor allem der Kontrolle. Das Verbot von Gruppen wie Samidoun war notwendig; die Verschärfung der Asylpolitik hingegen ist kein Kampf gegen Antisemitismus, sie ist ein Kampf gegen Schutzsuchende. Wer es mit linker Antisemitismuskritik ernst meint, kann sich auf solche Allianzen nicht einlassen.
Wir leben in einer Zeit umfassender Entsolidarisierung. Kriege, Vertreibungen, Repression – all das sind keine Abstrakta, sondern brutale Eingriffe in das Leben realer Menschen. Auch in Israel und Palästina kämpfen Menschen jeden Tag um Frieden, Sicherheit und Hoffnung. Sie kämpfen gegen reaktionäre Kräfte und Entwicklungen in ihren Gesellschaften. Eine emanzipatorische Linke sollte diese Kämpfe unterstützen. Manche sehen darin aber »peinliche Friedensplanspiele« (Tillmann). Für uns ist es der Versuch, mit der Hoffnung auf ein gutes Leben für alle zu beginnen und nicht mit dem besseren Argument zu enden.
Was Eike Geisel einst »die Wiedergutwerdung der Deutschen« nannte – eine Geste der Erinnerung, die mehr Selbstvergewisserung als Auseinandersetzung ist – scheint heutzutage aktueller denn je. Doch wer ein antifaschistisches Gutwerden der Welt anstrebt, kann sich damit nie zufriedengeben.