Feiern, Vögeln, Protestieren
»SO36«, »Böse Mösen«-Party, 1993: Die Lippen geschürzt, die Finger im Mund gespreizt und den Blick zur Decke entrückt stößt die Feiernde von ihrer erhabenen Positionen an der »Soli-Theke« einen beherzten Pfiff über die tanzenden Köpfe hinweg.
Walpurgisnacht-Demo, 1994: Mit herausforderndem Blick, schweben Frauenkörper kurz über dem Asphalt, bevor Füße dort mit Wucht wieder aufsetzen werden.
Petra Galls Fotografien, derzeit im Schwulen Museum im Rahmen der Ausstellung »Feuer + Flamme dem Patriarchat« zu sehen, zeigen eine feministische Szene, die als freudlos verrufen ist, in geradezu rauschhafter Ausgelassenheit.
Die Bilder aus den achtziger und neunziger Jahren halten Orte, Personen und Situationen fest, die für die Westberliner FrauenLesben-Bewegung prägend waren – Demonstrationen, Performances, Projekte, Partys. Häufig sind die Protagonistinnen in Aktion, auf der Straße, vor dem Frauenzentrum, auf Bühnen oder Tanzflächen.
Vertrauen spielt eine große Rolle in dieser Zeit der exklusiven Zugehörigkeit zu oder dem Ausschluss aus der frauenbewegten Szene.
Nach ihrem Studium der Geschichte, Politik und Slawistik zieht die aus dem Saarland stammende Petra Gall 1981 nach Westberlin, wo sie zwei Jahrzehnte lang die Frauen- und Lesbenszene sowie den Musik-Underground mit der Kamera begleitet. Als Autodidaktin gestartet, professionalisiert sie sich mit eigener Fotoagentur, arbeitet für diverse Zeitungen und Magazine – unter anderem für Taz, Courage, Zitty, Tip sowie für Motorrad- oder Reisemagazine. Mit der Musikfotografie verdient sie ihren Lebensunterhalt, nebenher arbeitet Gall als Graphikerin in der Anzeigen- und Plakatgestaltung.
Eine Slideshow zeigt ihre Aufnahmen aus Konzerten von Nina Hagen, David Bowie, Whitney Houston und anderen Größen. Gall bevorzugte Kleinbildformate und Standardbrennweiten, häufig im Bereich sehr hoher Lichtempfindlichkeit – Galls Motto: »Blitzlicht nur, wenn es wirklich nicht anders geht.« Diese Arbeitsweise erlaubte ihr, sich ihrem jeweiligen Sujet unaufdringlich zu nähern. »Das spiegelt sich in den Fotos. Da ist viel Zugewandtheit, viel Herzblut«, sagt Collin Klugbauer vom Kuratorenteam: »Es sind Szenen, die sie selbst gesucht hat. Sie war keine Außenstehende, sondern eng verbunden mit der FrauenLesben-Szene.« Gall war ihre Chronistin.
Vertrauen spielt eine große Rolle in dieser Zeit der exklusiven Zugehörigkeit zu oder dem Ausschluss aus der frauenbewegten Szene, die sich explizit der Bewertung Außenstehender und hier insbesondere dem männlichen Blick verweigert. Die Intimität solcher Situationen fängt Gall ein – etwa auf der »SO36«-Lesbenparty, wo sich zwei Frauen in Leder gekleidet mit begehrenden Blicken betrachten und einander ausziehen. Man spürt die gegenseitige Anziehung, hört es förmlich knistern. Die Insider-Perspektive ermöglicht Gall den Zugang zu den damals sehr exklusiven Frauenräumen, -partys und experimentell-intimen Events wie halböffentlichen Performances.
»Sie war ein Teil von uns, wir waren in Westberlin ja eine überschaubare Szene«, erklärt Mahide Lein, die eng mit Petra Gall in Kontakt war, im Gespräch mit Jungle World. »Wir hatten ja 44 Frauentreffpunkte, wo wir uns ständig über den Weg gelaufen sind und uns wahnsinnig vernetzt hatten. Da waren wir natürlich alle enger zusammen«, so Lein, die als Eventmanagerin und Kulturvermittlerin bis heute in der feministischen Szene aktiv ist. 1992 half sie, den ersten russischen CSD in Sankt Petersburg zu organisieren, zu dem sie Gall als Fotografin einlud.
»Heimliche« Aufnahmen waren die Ausnahme
»Bei Frauendemonstrationen laufe ich mit, kenne einen Teil der Frauen, bin als Frau betroffen«, wird Gall in der Ausstellung zitiert. Sie fotografiere zunächst oft nur für sich selbst, »für meine ›Sucht‹, bestimmte, mich faszinierende Aspekte einer Person/Situation festzuhalten«. Das Einverständnis der abgelichteten Personen sei ihr wichtig gewesen, so Gall über ihre Arbeit, »heimliche« Aufnahmen waren die Ausnahme.
Auf 140 Quadratmetern Wandfläche gliedert die Ausstellung sich in drei Themenbereiche. Das erste Panel präsentiert die Frauenszene als Teil der Häuserkampfbewegung: »Instandgehext« wurden leerstehende Räume zu Frauenkulturorten. Galls Aufnahmen entführen in die Schöneberger Frauenkneipe »Begine«, ins »Pelze Multimedia«, ein Ladenlokal in einem besetzten Haus, in dem es den »vermutlich ersten Darkroom für Frauen in Deutschland« gab.
Andere Aufnahmen stammen aus dem Kreuzberger »Hexenhaus«, das erste von Frauen 1981 besetzte Haus in der Liegnitzer Straße, das bis 1985 das Frauengesundheitszentrum (FFGZ) beherbergte. Auch hier ist die selbstbewusste, humorvolle Seite der Bewegung dokumentiert: Eine Straßenszene vor dem FFGZ zeigt eine Mitarbeiterin mit einem Spekulum bewaffnet, das sie einem Degen gleich auf die Brust ihres weiblichen Gegenübers richtet. Alle Beteiligten amüsieren sich prächtig.
Im zweiten Panel zum feministischen Widerstand (»Frauen wehrt euch«) dominieren Fotografien von Demonstrationen, anfangs gegen Patriarchat und Männergewalt (»Jede Nacht Walpurgisnacht«), ab den Neunzigern auch gegen Neonazismus, Nationalchauvinismus und Rassismus.
Spaß- und lustbetont geht es auf dem letzten großen Wandpanel »Tanz der freien Verhältnisse« zu. Die Verknüpfung von Emanzipation und Aufklärung mit Humor, Erotik und Lebensfreude in der feministischen Praxis ist inspirierend und unterscheidet sich wohltuend von der heutigen queerpolitischen Kultur- und Diversity-Förderlandschaft mit klaren Vorstellungen, Regeln und Vorgaben. Zu sehen sind Momentaufnahmen undergroundiger Lesbenpartys, der Frauen-Tanzball »Eldorado«, erotische Aktfotografien, kunstvolle Performances wie Annie Sprinkles »Sex Kitchen« in der Ufa-Fabrik 1991.
Einige Bilder gelten bereits als ikonisch und haben ihren Platz in Büchern zur Bewegungsgeschichte gefunden.
Gall überließ ihren umfangreichen Nachlass aus gut 200.000 Negativen, Abzügen und Kontaktabzügen noch zu Lebzeiten dem Schwulen Museum, das ihn seit 2012 archiviert. Im Rahmen eines Förderprojekts konnten rund 5.800 Aufnahmen digital erschlossen werden, größtenteils aus dem Musikfotografiebestand, aber auch rund 1.800 Aufnahmen des Teilbestandes zur Frauen- und Lesbenbewegung, die nunmehr im digitalen Archiv frei zugänglich sind.
Knapp die Hälfte der hundert Fotos, die die Ausstellung zeigt, sind gerahmte Originalabzüge in Schwarz-Weiß, die noch von Gall entwickelt wurden. Andere Aufnahmen wurden für die Ausstellung auf Papier gebannt und direkt auf die Wand aufgeklebt. Keine dauerhafte Lösung, für eine temporäre Ausstellung jedoch kostengünstig.
Die Ausstellung findet im Rahmen des Fotofestivals »Kommunikation und Haltung« in Kooperation mit dem »Haus des Papiers« im Schwulen Museum statt. Zu den Sponsoren zählen ein bekannter Kamerahersteller, ein Berliner Fotolabor und Papierhersteller, die den Druck übernahmen beziehungsweise das Papier stellten. Der ökonomische Druck einer Kultursenatsverwaltung auf Sparflamme wird in solchen Kooperationen spürbar.
Die Abzüge dokumentieren ein Stück Westberlin in der fotografischen Begleitung der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung, und aus der Retroperspektive auch deren Verschwinden in der Transformation der Nachwendezeit.
Beeindruckt vom Werk Petra Galls zeigt sich das kuratierende Team, dem es nicht leichtgefallen ist, eine Auswahl zu treffen. »Mit dieser Ausstellung wollten wir zeigen, dass es damals wirklich Spaß gemacht hat, in der FrauenLesben-Bewegung zu sein, dass es eine sehr freudvolle Bewegung war«, so Klugbauer, »auch Liebe, Sex, Erotik und Freundinnenschaft spielten eine wichtige Rolle.« Das Kompositum »FrauenLesben« zieht sich bewusst durch die Ausstellung – eine begriffliche Reminiszenz an innerfeministische Konflikte und Kompromisse um Sichtbarkeit von Lesben als starken Akteurinnen der Frauenbewegung. Die Begleittexte sparen strittige Themen der Zeit nicht aus, sprechen zeitgerecht von Frauen – ohne Genderstern – und sind zumeist sachlich zurückhaltend formuliert, können mitunter aber auch sprachdidaktisch in den Duktus zeitgenössischer Diversity-Trainings schwenken, Stichwort »FLINTA«.
Die Abzüge dokumentieren ein Stück Westberlin in der fotografischen Begleitung der autonomen Frauen- und Lesbenbewegung, und aus der Retroperspektive auch deren Verschwinden in der Transformation der Nachwendezeit. So stimmt der Rückblick auf eine feministische Szene, die, wie es im Begleittext zur eingangs erwähnten Party und zum »Tanz der freien Verhältnisse« heißt, noch Momente kreierte, »in der das schönere Leben aufscheint«, auch melancholisch.
Feuer + Flamme dem Patriarchat. Petra Galls Fotos der Berliner FrauenLesben-Szene. Schwules Museum, Berlin. Bis 23. Februar 2026