Gegen die geistige Not
Auf die Initiative der Künstlerin Ute Richter hin tauchten 2023 an verschiedenen Orten in Leipzig, an Plakatwänden oder als City-Light-Poster, Bilder auf, die historische Aufnahmen eines unscheinbaren Gebäudes zeigten. Mit dieser Aktion wurde an eines der fortschrittlichsten Modellprojekte der Arbeiterbildung in der Weimarer Republik erinnert, das allerdings mittlerweile in Vergessenheit geratenen ist: die Schule der Arbeit in der Stieglitzstraße 18 (heute Hausnummer 40) in Leipzig-Schleußig, die am 16. März 1933 von der SA überfallen wurde.
Die Schule wurde anschließend, nur fünf Jahre nach ihrer Eröffnung im Oktober 1928, von den Nationalsozialisten geschlossen und das Gebäude beschlagnahmt. Trotz der darauffolgenden umfangreichen Aktenvernichtung der Nazis konnten zahlreiche wichtige historische Dokumente über die Schule und das Gebäude gesichert werden, die gegenwärtig im Leipziger Stadtarchiv verwahrt sind. Sie bilden den Ausgangspunkt für Richters Buch »Prototyp 1928–33«, für das sie sich mit den Mitteln der künstlerischen Forschung an die Schule der Arbeit und ihre Leiterin Gertrud Hermes angenähert hat und die Geschichte der Einrichtung von ihrer Entstehung bis zur erzwungenen Schließung nachzeichnet.
Das Buch ist das Ergebnis und bildet zugleich den Abschluss ihrer jahrelangen intensiven Recherche. Zuvor entstanden außer der Plakataktion bereits die Filmdokumentation »Gertrud oder Die Differenz« (2023) sowie 2022 eine Publikation und eine Ausstellung. Richter führt nun mit »Prototyp 1928–33« tief hinein in die Geschichte des Modellprojekts, das zwischen 1928 und 1933 neue Maßstäbe in der Arbeiterbildung setzte.
»Wissen ist Macht. Daß der arme Mann sich beides nicht leisten kann, dafür sorgt das Kapital durch schlechte Bezahlung der Arbeitskraft und lange Arbeitszeit.« Ein 22 Jahre alter Maschinenarbeiter, 1924
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